Wirtschaftsstu­den­ten fordern: Lehrt uns was Neues!

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Auch heimische WU-Studierende sind genervt. Im Bild: Die Gesellschaft für Plurale Ökonomik. Mehr unter  www.isipe.net <span> </span>

Ökonomie-Studierende rund um die Welt rebellieren gegen veraltete Lehrstoffe. Was sagen die Unis?

Die alten Ökonomie-Theorien haben ausgedient. Wie könnte es auch anders sein? Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft sind keine statischen Unterrichtsfächer, die sich seit Jahrzehnten exakt gleich herunterbeten lassen. Im Gegenteil. Sie werden jeden Tag aufs Neue da draußen in der Welt weiterentwickelt. Durch die Wirtschaftskrise, durch die Politik, durch den Klimawandel. Jedoch das, was ringsum passiert, bleibt in den Lehrbüchern unberücksichtigt – oder braucht ewig, um Relevanz zu erlangen.

Die Ökonomie-Lehre sieht blass gegen die Realität aus. Ihr fehlt interkulturelle Vielfalt und Pluralität, sie ist zu einseitig und lässt keine neuen Denkweisen zu, so die Vorwürfe. Künftige Ökonomen und Entscheidungsträger werden mit diesem Stoff nicht richtig ausgebildet um die Zukunft fortschrittlich mitzugestalten. Nun wird eine Reform der Lehrinhalte gefordert.

Internationales Manifest

40 Vereinigungen von Studierenden der Ökonomie aus 19 Ländern rund um die Welt (darunter auch Studierende der WU Wien) haben ein Manifest für eine Anpassung der Ökonomen-Ausbildung verfasst und am Montag im Netz unter www.isipe.net veröffentlicht. Sie fordern eine größere Vielfalt von Denkschulen, Autoren und theoretischen Perspektiven.

"An den Universitäten werden bereits längst veraltete und widerlegte Theorien unterrichtet und die Kritik daran ausgeblendet", so eine Sprecherin der Gesellschaft für Plurale Ökonomik Wien. Die Ökonomie sei "auf einem Auge blind". "Wir wollen die Realität in die Hörsäle zurückholen und nicht länger hinnehmen, dass eine Vielzahl relevanter Theorien schlichtweg überhaupt nicht im Studienplan vorkommt." Für eine Reform bräuchte es an Unis neue Lehrende und Forscher, eine intensivere Zusammenarbeit mit sozial- und geisteswissenschaftlichen Fakultäten und neue Lehrpläne.

So ein Wandel mag für große Institutionen schwierig sein. Doch er ist bereits im Gange, es brodelt von unten. Studierende bringen sich einfach selbst bei, was sie wissen müssen. In Workshops, Kursen, Lesekreisen, eigens für Ihresgleichen organisierte Konferenzen. "Mit Vorlesungen zu Themen, welche nicht im Lehrplan vorgesehen sind, können wir wöchentlich Hörsäle füllen", erklären sie in ihrem Manuskript.

Und was sagen diejenigen, an die sich die Forderungen richten? Wie stehen die Pädagogen und Unis in Österreich dazu? Offiziell noch gar nicht.

Josef Aff, Professor und Leiter des Instituts für Wirtschaftspädagogik an der WU Wien erklärte auf Nachfrage, dass er die Forderungen der Studierenden durchaus nachvollziehen kann. "Ich kann mir vorstellen, dass vieles, was an den Hochschulen gelehrt wird, veraltet ist. Unis sind immer im Nachhinein aktiv." Forscher und Lehrende wären dazu angehalten, in den Journals Mainstream-Themen und Meinungen zu publizieren, andernfalls würden sie nicht veröffentlicht. "Das impliziert die Gefahr, dass wir in den Wissenschaften nachhinkend kommentieren anstatt die Trends schon vorwegnehmen. So entsteht alles außerhalb der Unis. Nicht umgekehrt. Ich würde mir wünschen, dass wir Strömungen neu erfinden und nicht immer nur alte analysieren", so Aff.

Ein Diskurs über eine Reform der Lehren würde sich Affs Meinung nach lohnen. "Der aktuelle Mainstream liefert zu einseitige Antworten auf die Frage, mit welchen Kompetenzen zukünftige Ökonomen ausgestattet sein sollen." Die Vereinigung ruft Studierende, Bürger und bestehende Ökonomen auf, sich ihrer Forderung nach einer Reform anzuschließen und Volkswirtschaftliche Veränderungen kritisch zu betrachten.

Details zur ForderungInitiative

40 Vereinigungen von Studierenden der Ökonomie aus 19 Ländern haben die studentische Initiative „International Student Initiative for Pluralist Economics“, kurz ISIPE gegründet. Am Montag veröffentlichten sie ihren offenen Brief. Österreich wird im darin vertreten durch die  „Gesellschaft für Plurale Ökonomik Wien“, die im vergangenen Herbst von Volkswirtschaft-Studierenden der Wirtschaftsuniversität Wien gegründet wurde.  Neben den Gründungsmitgliedern wird der Aufruf (Stand 4. Mai) von mehr als 230 Akademikern, Hochschullehrenden und Professoren unterstützt. 

(Kurier) Erstellt am
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