Uni Wien Rektor Heinz W. Engl: Es ist mir in meiner Amtszeit noch nie passiert, dass sich das Ministerium in inneruniversitäre Entscheidungen eingemischt hätte.

© KURIER/Gerhard Deutsch

Interview
03/10/2015

"Wir sitzen alle im selben Boot"

Rektor Heinz W. Engl denkt über Geschichte und Zukunft der Uni Wien nach. Vier Studierendenvertreter sagen, was sie davon halten.

von Teresa Richter-Trummer, Magdalena Vachova

Verstauben hat man die Uni Wien in den 650 Jahren ihrer Existenz nicht lassen, zum gefeierten 650-Jahr-Jubiläum hat sich die Alma Mater Rudolphina auf Hochglanz poliert. Doch hinter der Fassade gibt es Baustellen und Unzufriedenheiten über veraltete Strukturen. Rektor Heinz W. Engl stellt sich den Zukunftsfragen.

Wird es die Uni Wien im Jahr 2665 noch geben?
Heinz W. Engl: Ich vermute ja. Aber wie sie ausschauen wird, das ist Kaffeesudlesen, bei der heutigen Geschwindigkeit der Entwicklung. Andererseits: Die Universität ist neben der Kirche die einzige Institution, die in ihren Grundprinzipien relativ stabil geblieben ist: Studierende zu bilden, entlang von Forschung – das ist wohl auch die Zukunft. Auch wenn sich viel verändert, etwa mit den MOOC.

Wird die Uni Wien auf den Online-Trend in Zukunft stärker setzen?
Wir planen nicht, ganze Curricula online anzubieten. Warum das in den USA so boomt, liegt an der dortigen Kostenstruktur. Was wir schon tun und weiter intensivieren wollen ist, stark belegte Präsenzlehrveranstaltungen durch elektronische Medien noch mehr zu unterstützen.

Die Uni Wien steht auf dem ehemaligen Exerzierplatz. Sie wollen den Vorplatz neu gestalten, die Uni zugänglicher machen. Ein Symbol für Ihre Bekenntnis zum freien Hochschulzugang?
Die Universität ist aber kein Exerzierplatz. Der freie Hochschulzugang ist in Österreich ein Prinzip, zu dem wir uns bekennen – wenn die Finanzierung ausreichend ist, um ihn zu realisieren. Wir wollen unseren Studierenden beste Bedingungen geben, aber wir haben da ehrlich Probleme.

Zum Thema Finanzen: Robert Seiringer vom gut finanzierten IST sagte: „Wir sind keine Konkurrenz zu den Unis ...“ Wie sehen Sie das?
Das IST ist etwas ganz anderes. Sie haben eine tolle Finanzierung, können sich die Studierenden aussuchen. Ich würde mir mehr Kooperation wünschen. Trotz schwieriger Bedingungen ist die Uni Wien ebenbürtiger Partner, der aber nebenbei – unter Anführungszeichen – noch Tausende Studierende ausbildet.

Studenten ausbilden? Nebenbei?
Nebenbei habe ich jetzt vielleicht gesagt, aber es ist natürlich nicht nebenbei. Studierende sind Hauptexistenz-Zweck einer Universität.

Wie ist das Verhältnis der Uni Wien zu den Studierenden?
Mit den Studierendenvertretern der ÖH haben wir einen Jour fixe und sind in einem offenen, produktiven Diskurs. Der Entwicklungsplan für die nächsten Jahre wurde eben im Senat einstimmig genehmigt und da sind auch vier Studierende Mitglied.

Das Verhältnis zu den Studierenden war nicht immer gut: Rektoratsbesetzung im April 2012, WEGA-Einsatz, Strafanzeigen. Wie entspannt begegnen Sie aufmüpfigen Studierenden?
Aufmüpfig sein gehört dazu. Regeln des Miteinanders auch. Ich war auch einmal Studentenvertreter.

Haben Sie besetzt?

Nein. Und es gab auch keine Anlässe.

War die Universität früher demokratischer? Wie viel können Studierende heute mitbestimmen?
Früher war es eine Antragsdemokratie an das Ministerium. Heute sind nicht mehr Abstimmungsverhältnisse entscheidend, sondern wie man in einer Entscheidungsvorbereitung seine Meinung einbringen kann. Da haben wir einiges positiv verändert. Man kann eine Universität nicht führen durch vier, fünf Leute die glauben, alles besser zu wissen. Man muss auf alle Ideen hören. Das versuchen wir. Die Studierenden sitzen in allen Arbeitsgruppen mit drinnen. Ich wäre manchmal froh, wenn von ihren Vertretern konkrete Anliegen kämen und es nicht im Allgemeinen bliebe. Freier Unizugang, Finanzierung – da ist der Ansprechpartner das Ministerium, da sitzen wir alle in einem Boot.

Wie präsent ist das Ministerium? Hätten Sie lieber mehr Freiheit?
Es ist mir in meiner Amtszeit noch nie passiert, dass sich das Ministerium in inneruniversitäre Entscheidungen eingemischt hätte.

Hat die Eingliederung des Wissenschafts- in das Wirtschaftsministerium etwas verändert?
Bisher nein. Das kann aber unter einem anderen Minister anders sein.

Der Rektor

Heinz W. Engl, geboren 1953 in Linz, studierte Mathematik und promovierte sub auspiciis Praesidentis. 1992 bis 1999 war er Leiter des Christian-Doppler-Labors für Mathematical Modelling,1994 bis 2003 Mitglied des Kuratoriums und Referent des FWF. Seit Oktober 2011 ist er Rektor der Universität Wien. Diese feiert eben ihr 650-Jahr-Jubiläum und ist damit die älteste und mit 91.898 Studierenden und 9703 Mitarbeitern die größte Universität im deutschsprachigen Raum. Das „Times“-Ranking der besten Universitäten sieht die Uni Wien auf Rang 182.

Zum Interview mit Heinz W. Engel nahm das aktuelle ÖH-Vorsitzteam Stellung.

Das Resümee des Teams nach zwei Jahren Zusammenarbeit: „In jedem politischen Job gibt es frustrierende Momente. Doch die Highlights machen diese wett. Die Expertise siegt schließlich.“ Vom 9. bis 21. Mai wird an den heimischen Hochschulen eine neue Exekutive gewählt.

„Es braucht eine Ausfinanzierung der Hochschulen“

Wenn es um die Rechte von Studierenden geht, ist Viktoria Spielmann, Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft, unerbittlich. Die Probleme der Studienbedingungen, die Engl wage anspricht, konkretisiert sie: „Es braucht eine Ausfinanzierung der Hochschulen, die STEOP ist ein großes Problem, zudem gibt es ein Prekariat bei Jungwissenschaftlerinnen. Studieren muss man sich heute leisten können. Dabei ist Bildungspolitik auch Gesellschaftspolitik. Je mehr ich hinein investiere, desto ausdifferenzierter wird die Gesellschaft.“ Die ÖH würde entgegen Engls Aussage sehr wohl und sehr oft konkrete Verbesserungsvorschläge an den Verhandlungstisch bringen, zeigt sich Spielmann verblüfft. „Wir repräsentieren 350.000 Studierende. Man hat verstanden, das wir eine starke Stimme haben. Zu sagen, von uns käme wenig Konkretes, find’ ich lustig. Weil das nicht stimmt.“

„Die Wissenschaft wird zunehmend ökonomisiert“

„Der Druck wird von den Rektoren auf die Studierenden umgelagert. Man steckt kein Geld in die Unis, sondern führt lieber sozial selektive Aufnahmeprüfungen ein? Es gibt ein Problem und man haut mit einem anderen drauf. Seit die Familienbeihilfe nur noch bis 24 Jahre ausbezahlt wird, darf man sich auch kein Umschauen und Orientieren mehr im Studium erlauben“, so Kraushofer. „Es wäre doch besser, nicht nur zu lernen ein Kochrezept anzuwenden, sondern selbst zu überlegen, was man für Möglichkeiten mit den Zutaten hat.“ Dass sich seit der Zusammenlegung der Ministerien für Engl nichts verändert habe, findet er nicht gut, sondern bedenklich. „Es bewahrheitet sich, was wir prophezeit haben.“ Die ÖVP erzwinge eine schleichende Ökonomisierung der Bildung, Forschung müsse zunehmend verwertbar sein, der Student und seine Leistung würden zum Produkt. „Nur weil sich für Herrn Engl plötzlich drastisch nichts verschlechtert hat, heißt es nicht, dass es gut ist.“

„Offene Baustellen gibt es viele“

„650 Jahre Uni Wien wären für den Rektor eine Möglichkeit zu sagen: ,Jetzt gehma’s konkret an!‘ Es ärgert mich, dass das nicht passiert“, sagt Julia Freidl. Offene Baustellen gäbe es schließlich viele: Die Didaktik an den Unis sei „grottig“, die Hörsäle überfüllt und die Ellenbogenmentalität unter Studierenden zunehmend Usus. Die Realität an den Hochschulen spieße sich mit deren Möglichkeiten. „Wir Studierenden haben uns Schritt für Schritt unseren Platz bei Gesetzesverhandlungen erkämpft, leiten Arbeitsgruppen in der Hochschulkonferenz im Ministerium und arbeiten mit den Rektoraten zusammen. Und wir haben ganz konkrete Konzepte für einen alternativen Hochschulplan entwickelt. Engl sollte lieber besser zuhören“, zeigt sich Julia Freidl enttäuscht zu seiner Sicht der Mitwirkung von Studierenden am Bildungssystem. „Die ÖH-Arbeit hat wirklich Spaß gemacht, wir haben viel erreicht. Doch wir haben auch viel zu oft gesagt bekommen, das geht nicht.‘“

„Berufsausbildung oder Bildung?“

„Um finanzielle Mittel zu bekommen, dürfen die Rektorate ruhig mehr Druck auf die Ministerien ausüben“, sagt Bernhard Lahner. Die Finanzierung der Hochschulen liege schließlich in öffentlicher Hand. „Wenn viele Menschen an einer Hochschule studieren wollen, sollte das einen Rektor doch beflügeln. Doch man sagt: ,Wir können nicht so viele aufnehmen, das ist mit organisatorischem Aufwand verbunden.‘ Diese paralysierte Haltung ist beängstigend und ein bisschen 18. Jahrhundert.“ Das Verhältnis zum Ministerium sei wiederum gut. „Mit unserer Beteiligung können wir auf viele blinde Flecken aufmerksam machen.“ Die allerwichtigste Frage sei zum Schluss: Ist das Studium Berufsausbildung oder Bildung? Man könne entweder – wie jetzt – Studierende produzieren, die blind und hastig ECTS-Punkte sammeln und mit 24 Jahren fertig sind. Oder mündige Menschen formen, die später über den Tellerrand hinausblicken können.

Die Studierendenvertreter

Viktoria Spielmann studiert Politikwissenschaft und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Hauptuni. Die 28-Jährige ist ÖH-Vorsitzende.
Florian Kraushofer, 23, ist zweiter stellvertretender Vorsitzender der ÖH und macht den Master in Technischer Physik an der TU Wien.
Julia Freidl, 26, ist als Generalsekretärin im ÖH-Vorsitzteam aktiv. Bald hat sie den Master in Volkswirtschaftslehre an der WU Wien in der Tasche.
Bernhard Lahner macht derzeit seinen Master in Bildungswissenschaften an der Hauptuni. Der 30-Jährige ist stellvertretender Vorsitzender.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.