Wirtschaft | Karriere
14.04.2015

"Wir sind Geschmacks-Nerds"

Quereinsteiger Philipp Blihall und Luciano Raimondi machen Eis der besonderen Sorte.

Da ist einmal "Grapefruit", sauer und herb, etwas grob und rau auf der Zunge. Dann "Schwarzer Sesam", unerwartet cremig, mild und süß, genauso wie "Haselnuss" – die kräftigste Nuss-Sorte, die es als Eis wohl geben kann. Im Behälter daneben "Rote Rübe und Mohn" und "Erdbeer Balsamico". Im Keller, dem Produktions- und Kreativ-Ort des Eis-Salons, entsteht gerade ein gefrorener thailändischer Milchreis mit Schwarztee und vergangene Woche gab es "Avocado und Walnuss" im Angebot. "Wir sind halt Geschmacks-Nerds", erklärt Philipp Blihall ihre Eis-Experimente.

Blihall, 29, und Luciano Raimondi, 28, haben vor genau zwei Wochen ihren Bio-Eissalon "Schelato" in der Lerchenfelderstraße 34 im achten Bezirk in Wien eröffnet. Hier gibt es ab sofort Vieles als Eis zu finden, was auf den ersten Blick gar nicht auf die Eis-Karte passt. "Neben den exotischen Kreationen haben wir natürlich auch die Eis-Klassiker", beruhigt Blihall. Zwölf Sorten kühlen an der bunten Mosaik-Eisbar am Eingang des Lokals. Die beiden Männer führen somit eine seit 1954 bestehende Tradition des Hauses fort – so lange wird an dieser Adresse schon Eis gemacht. Rund 20 Plätze gibt es im Inneren, vor dem Laden soll bald ein kleiner Schanigarten entstehen.

Das perfekte Eis? "Man sagt, es muss cremig sein", so Blihall. Jeden Morgen um sechs Uhr stehen die Gründer deshalb im Keller und arbeiten daran. Sobald das frische Eis fertig ist, verkaufen sie es oben. In der Zwischenzeit werden neue Sorten konzipiert. "Manchmal ist Flaute, dann fallen einem plötzlich fünf auf einmal ein. Manche gelingen, manche nicht", erklärt Raimondi den Prozess. Sprechen die beiden über Eis, lächeln sie. Man hat das Gefühl, sie leben für ihre neues Handwerk. Neu, weil die beiden eigentlich Quereinsteiger im Eis-Business sind.

Raimondi, der 2011 seinen Abschluss an der Uni für Angewandte Kunst machte, ist im Brotberuf eigentlich Modedesigner und Blihall studierte Theater,- Film- und Medienwissenschaften und Philosophie und betreibt mit seiner Freundin eine Filmproduktion. Über ein Theaterprojekt lernten sich die beiden kennen und begannen die Idee vom perfekten Eis zu spinnen. Für diese pausierten sie ihre laufenden Projekte.

Kreativität im Eis

Zwei Jahre später stehen sie in ihrem eigenen Laden und schlecken ihr selbst gemachtes Eis. Dazwischen haben sie viel geschafft: Sie haben das Eismachen gelernt, Eissorten kreiert, einen Businessplan geschrieben, den Gastronomie-Gewerbeschein gemacht, einen Kredit bei der Bank aufgenommen und ein Geschäftslokal gesucht, gefunden und eigenhändig renoviert.

"Schelato" ist jetzt ihr neues Projekt. Hierein stecken sie jetzt ihre ganze Kreativität. Warum der extreme Kurswechsel? "Man muss die Dinge einfach auch mal machen", so Raimondi pragmatisch. Das Schöne am Eis sei, dass es eine unmittelbare Reaktion von Kunden auf ihr Werk gäbe – beim Film oder in der Mode sind hier monatelange Vorarbeit notwendig, bis das Produkt fertiggestellt ist.

Angst oder Sorge, mit ihrer Unternehmung zu scheitern, haben die beiden keine. "Wir waren schon vorher selbstständig und haben daher schon einen guten emotionalen Panzer", sagt Blihall. Man sei schon in Resilienz geübt. Die Freunde sehen nach vorn. "Wir hätten nichts dagegen, auch noch mit 50 sagen zu könnte, dass wir Eis-Ladenbesitzer sind."

Bis dahin ist der Weg lang. Im Moment steht das Duo rund 70 Stunden die Woche im Laden, einen Ruhetag gibt es keinen. Deshalb brauche es jetzt schon den ersten Mitarbeiter. Hinzu kommt, dass das Eis-Business ein saisonales Geschäft ist – während der warmen Monate muss also Geld für das ganze Jahr erwirtschaftet werden. "Die ersten Jahre muss man eben durchbeißen", sagt Blihall abgeklärt. Aber der Businessplan lässt hoffen: Erste operative Gewinne sollen bereits 2015 kommen.

Was jeder Entrepreneur wissen muss

  1. Vergleiche Bank-Konditionen und verhandle. Wir haben 140.000 Euro Kredit aufgenommen – alleine die Eismaschine kostet 35.000 Euro. Bis wir entschieden haben, bei welcher Bank wir das machen, haben wir sieben Angebote eingeholt. Danach haben wir noch unser Verhandlungsgeschick eingesetzt. Jetzt haben wir einen guten Geschäftspartner in unserer Bank gefunden.
  2. Wähle überlegt. Wir haben es uns mit keiner Entscheidung leicht gemacht und uns viel Zeit genommen, das Bestmögliche für uns zu finden.Wir investieren schließlich Zeit und Geld in unsere Idee – warum sollten wir uns mit weniger zufriedengeben? Man muss schauen, dass alles noch besser wird – und sich nicht mit etwas zufriedengeben, nur weil das einfach ist.
  3. Keine Angst vor dem ersten Mitarbeiter. Es gibt mittlerweile gute Rechner von der WKO, wo man durchrechnen kann, ob man sich bereits eine zusätzliche Kraft leisten kann. Man kann auch Kollektivverträge und Lohntabellen anfordern. Man sollte mit seinem Steuerberater auch besprechen, wie man gute Leistung, etwa mit einer Umsatzbeteiligung, belohnen könnte.
  4. Das Produkt braucht einen persönlichen Bezug. Die Idee, das Konzept und das Design müssen authentisch sein und zu dir passen.
  5. Förderungen prüfen. Wir hatten zwecks Kapitalbeschaffung auch Termine beim AWS oder der Wirtschaftsagentur – es gibt eine breite Palette, die man sich wirklich genau ansehen sollte. Aber nicht vom ersten Angebot blenden lassen.