Wie gut sind die österreichischen Unis?

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Spurensuche

Wie gut sind unsere Unis wirklich?

Die Geschichte der heimischen Hochschulen beginnt im dunkelsten Mittelalter. Stecken wir mit einem Bein noch dort?

von Teresa Richter-Trummer

10/07/2015, 09:58 AM

Wie gut oder wie schlecht sind Österreichs Hochschulen? Simple Frage, diffizile Antwort. Wir wollen sie dennoch geben. Dazu werden wir Eindrücke in die Waagschalen werfen – links das Gute, rechts das Schlechte – und sehen, wohin die Sache ausschlägt.

Erster Gang zum Klo beim Audimax. Warum? Mutter hat uns gelehrt: "Willst du wissen, wie es um den Haushalt steht, muss du nur das Klo anschauen". Bei den analen Lehren der Mutter anfangen, das würde Sigmund Freud, einem dieser seltenen großen Söhne der Uni Wien, gut gefallen. Erster Eindruck: Wow! Das Klo ist sauber, es gibt Klopapier, Flüssigseife und Papiertücher. Erstes Urteil: Die Unis haben es drauf. Funktionell, nützlich, alle braunen Spuren beseitigt. Erstes Plus.

Aber lassen wir nun das psychoanalytische Spurenlesen. Lieber sprechen, Fragen stellen. Aber wem? Den Rektoren, diesen Nicht-mehr-so-ganz-Lakaien des Wissenschaftsministers? Wie ehrlich – und damit imageschädigend – dürfen sie sein? Zu viele Studierende, zu wenig Geld und Qualitätskontrolle ..., wir kennen die Probleme seit Jahren. Und alle wissen, dass sie auch in den kommenden Jahren noch da sein werden. Verschleppte Bildungsreformen – schlecht für ein dynamisch-zukunftsorientiertes Image. Und das Image, es zählt doch heute so viel. Da kommt die Erinnerung hoch, gerade frisch mit dem Master-Titel versehen, sitzend im Kreis der Freunde des Freundes. Alle kommen sie aus Amerika und schmeißen mit Universitätsnamen um sich und dann sagt man: "Ich war an der Uni Graz", und schon stehen Fragezeichen an der Stirn und ein Zungenbrecher steckt im Hals. Null globales Image. Ein deutliches Minus unserer Unis.

Weltklasse

Lieber schnell ins Heute. Ins Konzert! Ramm Tamm – da da da da da da da da – Ramm Tamm. AC/DC von den 2Cellos, Luka Šulić scheint sein weißes E-Cello zu zersäbeln. Unglaublich! Weltklasse! Und wo hat er studiert? (Auch) In Wien! Allein, was nützt es. Die Musikunis sind ja doch wieder ein Stück à part. Und zum Image: Wenn Wien davorsteht, ist Musik drinnen – Millionen japanischer Touristen können nicht irren. Rankings gibt es leider, leider für Musikunis noch keine, hört man aus dem Pressebüro. Aber dass man gut ist, daran besteht kein Zweifel. Also: ein gnädiges Plus.

Aber jetzt: Ins Detail! Warum ist die TU München Weltspitze und die TU Wien nicht? Wir schreiben eMails. Die Antwort aus Wien scheint ehrlich: Die Münchner versuchen bewusst, Spitzenleistungen zu fördern. Die Wiener verfügen nur über ein Drittel der Finanzmittel , hätten aber ähnlich viele Studierende. Das ergibt natürlich ein viel besseres Betreuungsverhältnis. Und dann der Numerus clausus. Die Wiener Pressestelle erwähnt ihn nur unkommentiert. Aber es stimmt: Die Deutschen können sich die Studierenden aussuchen, die Ösis nehmen jeden Maturanten. Die Münchner rufen sogar an, wollen klar keine andere Uni schlechtreden – wo man doch etwa mit der TU Graz so gut zusammenarbeitet – aber des eigenen Vorsprungs ist man sich schon bewusst. In den Rankings wird er glasklar: Laut QS World University Rankings 15/16 liegt die TU Wien auf Rang 197, die TU München auf Rang 60. Ein Minus für die Ösis.

Ranking-Verlierer

Im brandaktuellen Times Higher Education World University Ranking wird es nicht besser: Die USA führen klar vor Großbritannien und der Schweiz. Österreich folgt weit hinten. Am besten liegt nach wie vor die Uni Wien auf Platz 142. Rankings? Ein Minus. Aber Rankings vertrauen? Selbst Phil Baty, Herr über das THE-Ranking, sagt darüber: "Es ist eine Vereinfachung, ein relativ plumpes Maß. Aber es ist leicht verdaulich und weckt Interesse."

Interessant? Ja. Hinterfragenswert? Auch. Schneiden wir zum Beispiel so schlecht ab, weil unsere Unis zu sehr auf die Lehre setzen? Und: Ist das für jene, die gerade studieren, nun gut oder schlecht? Etwa in den bei Anfängern so beliebten Geisteswissenschaften? Spitzenleistungen in den Bereich fallen ja bekannter Weise im Shanghai-Ranking fast völlig unter den Tisch. Also schauen wir selbst nach. Unser Eindruck: Sitzplätze in Eingangslehrveranstaltungen sind so rar wie Forschermittel. Fast schon skurril-beeindruckend sind die vielen, mit Nebenjobs im Prekariat lebenden Doc-phils, die über das Prekariat Uni-Forscher publizieren. Ein peinliches Minus.

Aber weg von den Wissenschaftlern, hin zu den Studierenden. Hochschulen sind nur so gut wie ihre Studis – ein Gemeinplatz soll geprüft werden. Am RESOWI der K.F. Uni Graz. Der erste Eindruck: Top! Ein sinnvolles Gebäude, erbaut von einem Stararchitekt (Günther Domening) kleiner Raum, kleine Klasse, also ganz still nach hinten gesetzt und dann bemerkt: Die Studierenden sind auch still. Hände verschränkt oder am Smartphone. Spürt man einen Hauch Forschergeist? Hört man sprachlich ausgedrückte Lust an der akademischen Stimulierung? Sind das die Vordenker von morgen? Tja leider, wenn wir von diesem Grüppchen auf Österreich hochrechnen, eher Flop als Top. Wieder ein Minus.

Zu dumm?

Die Zahlen untermauern es, unsere Akademikerquote liegt mit 20 Prozent unter dem OECD-Schnitt. Sind wir als Volk zu dumm? Die Unis zu unsexy? Noch immer ein Elfenbeinturm mit Lust an kafkaesker Grausamkeit? Sprung zurück: Es ist Juli 2015, die Hitze steht und ein Bachelor für internationale Wirtschaftsbeziehungen der FH Burgenland möchte sich an der Uni Graz zum BWL-Master krönen lassen. Das ist ja das Schöne am Bolognasystem: Die Studien werden vergleichbar, Master sind frei zu wählen. Leider, sagt die Uni, wird die Anrechnung bis in den November (nach allen Fristen) dauern und höchstwahrscheinlich negativ ausfallen. Die Rechtsberatung der ÖH spricht von "konservativer Aufnahmepolitik". Schon wieder Minus.

Haben wir jetzt – gut österreichisch – zu viel gesudert? Wieder nur das Schlechte gesehen? Schauen wir auf die Sonnenseite, die Nobelpreisträgerliste. Sie ist nicht lang: Die einzige nicht emigrierte Preisträgerin – Elfriede Jelinek – hat ein Studium an der Uni Wien abgebrochen. Und unsere Exzellenzuni, das IST Austria? Genug Geld, der renommierte Vizevorsitzende Anton Zeilinger und laut internationaler Evaluierung auf dem Weg, in Ausbildung wie in Forschung neue Maßstäbe zu setzen (wenn auch im Maria Gugging)? Ja: ein zartes Plus.

Das Urteil

Also, alea iacta est. Es steht sechs Minus- zu drei Pluspunkten. Wir sind nicht zufrieden. Rufen also doch den obersten Herrn an, stellen Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner unsere simpel-diffizile Frage. "Der Hochschulstandort hat sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt, die steigenden Studierendenzahlen sind ein Beleg für die Attraktivität" antwortet er. Ein Plus! Vier zu sechs. Aber es folgt ein aber. Mittlerlehner: "Es gibt immer Luft nach oben." Ist das ein Minus? Nein! Wir sagen: Ein Plus.

Luft nach oben, das bedeutet Freiheit. Weitsicht. Grenzenlosigkeit. Ob die Luft da oben nun gut oder schlecht ist, ob das Spiel mit fünf zu sechs nun doch verloren ging – it’s Uni. Wer dabei sein will, wer nach oben will, muss tief Luft holen.

Die Zahlen
Es irrt, wer am krummen Bäumchen vorbeigeht und es faul schimpft. Den Boden muss man ansehen. Ein Blick also in den finanziellen und politischen Nährboden der Hochschulen: Wir zählen in Österreich 22 Unis, 11 Privatuni- versitäten, 14 Pädags, 21 FH mit 287.188 österreichischen und 88.723 ausländischen Studierenden. Laut Universitätsbericht 2014 entfallen im Schnitt 121 Studierende auf einen Professor. Während seit 2010 die Zahl der prüfungsaktiven Studierenden – alle die in einem Jahr 16 ECTS-Punkte schaffen – um 14.459 stieg, gab es nur um 106 Professoren in Vollzeitäquivalenten mehr. Mit 276 Studenten je Professor führt die WU-Wien bei den Studentenzahlen pro Professor, gefolgt von der Uni Wien (213) und der TU Wien (196).

Die Zahler
Die Verpflichtung zur Finanzierung der Hochschulen hat der Bund. Unis bekommen für je drei Jahre ein Globalbudget, vereinfacht gesagt finanzielle Ressourcen ohne sachliche Bindung. 9,73 Mrd. Euro gibt es bis 2018, das sind um 615 Mio. Euro mehr als in der Vor- periode – plus 1,7 Mrd. hätten sich die Unis gewünscht. Mit Leistungsvereinbarungen wird der Großteil des Budgets – rund 7,25 Mrd. Euro – an die einzelnen Hochschulen verteilt. Dazu kommen die nach kompetitiven Gesichts- punkten (Zahl Prüfungsaktiver, Absolventen etc.)verteilten Hochschulraum-Strukturmittel sowie Mittel für Bauten. Von den derzeit jährlich rund 10 Mrd. Forschungsausgaben finanziert der öffentliche Sektor 37,3%. Rund 1,4% des BIP floss in vergangenen Jahren den tertiären Bereich, OECD Ziel wäre zwei Prozent.

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