Wirtschaft | Karriere
12.08.2017

Wie frau sich das Wort zurückholt

Dass der Mann die Frau gerne belehrt und unterbricht, das gibt es heute immer noch. Er erklärt ihr gerne die Welt – und ihren Job gleich dazu. Marie-Theres Euler-Rolle berät weibliche Führungskräfte, "wie sie Welterklärern das Mundwerk schließen".

KURIER: Beim Jobinterview werden Frauen von Männern häufiger unterbrochen als männliche Bewerber, zeigt eine neue US-Studie. Überhaupt sollen Männer Frauen doppelt so oft ins Wort fallen, als Frauen Männern. Was ist da los?

Marie-Theres Euler-Rolle: Unterbrechen ist ein sehr effektives rhetorisches Mittel, ein Gespräch zu dominieren. Es geht hier weniger um Inhalte als darum, das eigene Revier abzustecken. Viele Männer, aber auch manche Frauen, nutzen im Businesskontext das Unterbrechen zu spielerischen Rangtests.

Mansplaining und Manterrupting (er erklärt bzw. unterbricht sie) findet sich bis zum Obersten Gerichtshof. Warum passiert das heute noch?

In der Businesswelt sind nicht immer die Gescheitesten sondern die Lautesten am Wort. Organisationskulturen sind nach wie vor oft von einer Sprache, die machtorientiert ist und die sehr viele Männer aber nur recht wenige Frauen in den Führungsetagen beherrschen, durchwachsen. Das zu verändern, dauert.

Haben Frauen noch nicht gelernt, sich durchzusetzen? Sind sie selbst schuld daran?

Es ist schon ein Terrain, das ihnen oft fremd ist, sie verletzt und zum Rückzug verleitet. Viele haben in ihren Familien und im weiblich dominierten Schulsystem gelernt, Anerkennung über Harmonie und Höflichkeit zu bekommen und gute Noten, also Erfolg, über fachliche Kompetenz. Sich wichtig zu machen, vorlaut sein, unterbrechen – das gehört sich nicht. Im Business aber hält sich selten wer daran. Auch erfahrene weibliche Top-Führungskräfte, so erlebe ich es häufig in der Beratung, müssen Strategien entwickeln und trainieren, wie sie sich in Verhandlungssituationen gegen das Dauer-Unterbrechen wehren, in Telefonmeetings über Wasser bleiben, Welterklärern das Mundwerk schließen, ihre Anliegen durchsetzen und dabei ein gutes Gewissen haben.

Wie lässt sich das trainieren?

Wichtig ist: Den Anfang eines Gesprächs proaktiv gestalten, bewusst Aufmerksamkeiten lenken und ohne Aufforderung das Wort ergreifen. Gerade zu Beginn wird markiert und abgesteckt, wer darauf wartet, dass der Ball den richtigen Drall bekommt, hat schon verloren. Jeder Satzpunkt, jedes Einatmen des Gegenübers bietet eine Chance für ein eigenes Statement. Dann heißt es "on the point" reden, sagen, was Sache ist.

Spielen Gestik und Körperhaltung beim Gehört-Werden eine Rolle?

Körperliche Größe, tiefe Stimmen und nonverbale Signale sind schon ein Vorteil, um sich durchzusetzen. Männer breiten sich etwa gerne in einem Meeting aus, sichern sich die Plätze mit der besten Übersicht. Je mehr Raum für sie selbst, desto besser – das ist eine Demonstration von Macht. Frauen hingegen neigen dazu, sich schmal zu machen, die Beine übereinanderzuschlagen, Arme anzulegen, keine großen Gesten zu machen. Sie suchen Zustimmung eher über Augenkontakt.

Wie holt frau sich cool das Wort zurück?

Der Fokus muss auf jeden Fall bei "Ich hole mir jetzt mein Wort zurück" und nicht auf "So gemein, ich werde dauernd unterbrochen" liegen. Eine gute Übung ist zu sagen: "Lassen Sie mich meinen Punkt bitte zu Ende führen." Oder: "Auch ich möchte ausreden." Einigen Frauen macht das Spaß, sie haken dann zum Beispiel mit einem ironischen "Interessant, aber..." ein. Andere machen es klarer, wie mit "Unterbrechen Sie mich nicht", oder "Ich war noch nicht fertig". Was hilft, ist, die unterbrechende Person mit dem Namen anzusprechen.

Und wenn man doch einmal sprachlos bleibt?

Sprachlosigkeit ist oft das Resultat emotionaler Betroffenheit. Uns fehlen die Worte, wenn wir aufgeregt sind oder sehr hohe Erwartungen an uns haben. Und zuweilen sind wir auch zu vorsichtig und zu harmonieorientiert, um zu sagen, was uns auf der Zunge brennt. Um schlagfertig zu werden, muss man sich frei machen und akzeptieren, dass einem manchmal auch nur die zweitbeste oder gar keine tolle Antwort einfällt. Schlagfertig zu kontern ist für viele Menschen harte Arbeit. Mit Übung lässt sich das aber lernen.

Starke Frauen gelten schnell als zickig.

Wer stark, eloquent und weiblich ist, muss sowohl im Business als auch im Privatleben mit Vorurteilen und Zuschreibungen leben. Eine aggressive Antwort eines Mannes wird als starke Ansage respektiert, eine aggressive Antwort einer Frau als Zicken-Ansage abgetan. Und diese Zuschreibung kommt keinesfalls nur von Männern. Sich als Frau zu erklären und zu rechtfertigen oder gar zu verstummen schwächt und beeinträchtigt unser Selbstbild.

Im Weißen Haus sollen die Frauen einen cleveren Pakt geschlossen haben: Um sich in männlich dominierten Meetings mehr Gehör zu verschaffen, wiederholen Sie gute Ideen der anderen Frauen, um sie subtil zu unterstützen. Braucht es solche Initiativen auch in Unternehmen?

Es ist natürlich sehr begrüßenswert, wenn sich Frauen gegenseitig fördern und stärken. Aber bitte nicht im Sinn von "Man muss dem armen Opfer helfen". Um nachhaltig Veränderung zu bewirken, braucht es einen kulturellen Wandel in den Firmen, einen ernsthaft und von Entscheidern betriebenen Prozess, der Verhaltensweisen weiterentwickelt und neue Spielregeln des Miteinander etabliert. Im Interesse von Frauen – aber auch von Männern.