In √Ėsterreich leben 110.000 Alleinerzieher. Viele von ihnen straucheln finanziell, arbeiten deshalb √∂fter Vollzeit als Frauen mit Kind und Partner

© /AnthonyRosenberg/istockphoto

Alleinerzieher
12/05/2015

Wenn das "Life" in der Balance fehlt

110.000 Alleinerzieher schaukeln die Wiege, den Job und die gesamten Familienagenden. Sie werden in der Arbeitswelt immer noch mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Ein Einblick in die Lebenswelten dreier Alltagshelden.

von Magdalena Vachova

Es ist 4.51 Uhr als Sybille Kovacs’ eMail in der Redaktion eintrudelt. Die 35-jährige Mutter von Anna (4) und Philipp (5) entschuldigt sich, dass sie erst jetzt schreibt. Am Vorabend sei sie wieder einmal mit den Kindern eingeschlafen.

Kovacs ist aber hart im Nehmen. Muss sie sein, sie hat einen langen Tag. "Ich stehe immer um f√ľnf Uhr auf, bis ich um halb neun im B√ľro bin, habe ich schon einen halben Marathon hinter mir", erz√§hlt sie. In dieser Zeit m√ľssen die Kinder geweckt, gekuschelt, gewaschen, angezogen, gef√ľttert und zum Kindergarten gefahren werden. Ihr Job, lacht sie, w√§re da schon fast entspannend, da k√∂nnte sie dann runterkommen. Die Alleinerzieherin arbeitet bei einem Pharma-Unternehmen in Wien, hier war sie bereits vor ihren Schwangerschaften t√§tig. Nach der Karenz kam sie mit 15 Wochenstunden zur√ľck, steigerte sich sukzessive auf 30. "Bei 30 Stunden Arbeit in der Woche funktioniert die Work-Life-Balance am besten", sagt sie.

Die Work-Life-Balance ist im Leben einer Alleinerzieherin oder eines Alleinerziehers viel eher als Work-Child-Balance zu beschreiben. Ein Leben voll gef√ľllt von zwei gro√üen Aufgaben: Kind erziehen und Geld verdienen. Manche Tage dauern 20 Stunden. Freie Zeit, ein "Life" in Balance mit Zeit f√ľr sich selbst, ist oft nicht drin.

Sybille Kovacs ist eine von 110.000 Alleinerziehern in √Ėsterreich. Laut Statistik Austria waren 2014 93 Prozent von ihnen Frauen. Ihr Risiko, in die Armut zu rutschen, ist doppelt so hoch als das der gesamten √∂sterreichischen Bev√∂lkerung, zeigt eine Studie des Sozialministeriums aus 2011. Immer noch werden sie in vielen Bereichen benachteiligt: Von Urlauben und neuer Kleidung k√∂nnen viele nur tr√§umen, neun Prozent k√∂nnen sogar ihre Wohnung nicht heizen. Umfragen der √Ėsterreichischen Plattform f√ľr Alleinerziehende zeigen, dass etwa die H√§lfte der Kinder weniger Unterhalt bekommen, als sie sollten. Nur die H√§lfte der Alleinerzieher gibt in der Umfrage an, regelm√§√üig √ľberhaupt Unterhalt zu bekommen.

Vollzeit, weil notwendig

Laut Sozialministerium sind 77 Prozent der Alleinerzieher erwerbst√§tig. Im Vergleich dazu: Von M√ľttern, die in Partnerschaft leben, arbeiten nur 71 Prozent. Als Alleinerzieherin kann man es sich oft nicht leisten, zu Hause zu bleiben. 60 Prozent von ihnen arbeiten zwischen 25 und 40 Stunden in der Woche ‚Äď zus√§tzlich zu den famili√§ren Pflichten, die sie haupts√§chlich alleine tragen.

"Das ist kein Spagat mehr, das ist ein Drahtseilakt", sagt Evelyn Herl, 38. Sie ist eine von jenen M√ľttern, die Vollzeit arbeitet. Ihre Kinder, Samuel (5) und Sina (4), wohnen haupts√§chlich bei der Mama. "Ich bin aber nicht leidend, nehme keine Opferrolle an", so Herl. Viel mehr scheint der dichte Alltag spannende Herausforderung zu sein, den sie mit viel Hingabe schaukelt.

Heute hat sie die Organisation ihrer zwei Kinder und des Berater-Fulltime-Jobs, bei dem sie hie und da auch ins Ausland muss, gut im Griff. Home Office hilft, Oma und Opa springen ein, wenn es eng wird. √úberhaupt einen Job zu finden war als pl√∂tzliche Alleinerzieherin aber eine Tortur. "Ich habe ein Jahr lang gesucht", sagt sie. Obwohl Herl top qualifiziert ist, vor den Kindern in Marketing-F√ľhrungspositionen die ganze Welt bereiste. Sie wollte einfach nur zur√ľck auf den Arbeitsmarkt, egal, in welchem Job. "Ich wollte eine Arbeit, die die Rechnungen zahlt. An Karriere hab ich nicht gedacht. Die Krux: Keiner wollte mir einen Halbtags-Job geben. Alle sagten, ich w√§re √ľberqualifiziert, w√ľrde fr√ľher oder sp√§ter ,h√∂her‚Äė wollen", erz√§hlt sie. Vollzeit war also die M√∂glichkeit, die blieb.

Mit der Verantwortung, zwei Kinder und einen normalen Job unter einen Hut zu bringen, kann sie gut umgehen. "Manchmal läuft es sehr rund, manchmal weniger. Ich glaube, meine bisherige berufliche Laufbahn hat mich auf den Druck vorbereitet."

Auch Alexander Haide, 47, kennt diesen Druck. Er ist einer von etwa 9000 alleinerziehenden M√§nnern in √Ėsterreich. Und einer, der ausnahmsweise gern √ľber sein Leben redet. "M√§nnliche Alleinerzieher reden das Thema nicht gerne breit, sie machen‚Äôs einfach", sagt er. Der freischaffende Autor und Journalist k√ľmmert sich um seine Tochter Elizabeth (10) seit sie zwei Jahre alt ist. "Daher habe ich vor 8,5 Jahren das Kranksein abgeschafft. Wie sollte das denn sonst gehen?", lacht er.

Starre Rollenbilder

Haide trotzt den ung√ľnstigen Witterungen in der Gesellschaft, k√§mpft gegen die starren Rollenbilder an, behauptet sich als Vater mit klassischen Mutterqualit√§ten. "Mich hat noch kein Staubsauger, keine Waschmaschine und auch kein Kochtopf gebissen", sagt er gelassen. Das Privatleben steht bei ihm hinten an ‚Äď der Alltag dreht sich in der Fr√ľh ums Kind, tags√ľber um den um Job, abends wieder ums Kind. "Am Nachmittag, da ist Haus√ľbungs-Zeit. Da arbeiten wir T√ľr an T√ľr nebeneinander her."

Haide sagt, sein gro√ües Gl√ľck sei es, von zu Hause aus arbeiten zu k√∂nnen. "Wann ich meine Arbeit mache, ist egal, Hauptsache, sie ist zeitgerecht fertig." Bei seiner Karriere habe er auf Pause gedreht, er brauche und genie√üe seine Flexibilit√§t, hechle nichts mehr hinterher. "Ich habe fr√ľher zwar schon halbherzig probiert, in eine Anstellung zu gehen. Aber bei den interessanten Sachen ist der gro√üe Futtertrog sofort zu, wenn man sagt, man ist Alleinerzieher."

Als solcher bewege man sich in einem luftleeren, unabgesicherten Raum, "au√üer man hat ein gro√ües, traumhaftes Netzwerk, das einspringt", so Haide. Die Gesellschaft w√ľrde von mindestens zwei Menschen ausgehen, die die Kindeserziehung verantworten. "Dass das viele alleine machen, ist scheinbar noch nicht durchgedrungen."

Doch der Vater klagt nicht gern. "Wichtig ist, dass es dem Kind gut geht. Ich habe meinen Frieden. Nach ein paar Jahren als Alleinerzieher meisterst du jede Krise."

Alleinerziehende f√ľhlen sich √∂fter krank als andere Eltern

In der ‚ÄěGenerations and Gender Survey‚Äú, die am Dienstag in Wien pr√§sentiert wurde, wurde analysiert, wie die Lebensformen im Haushalt mit der Gesundheit der Eltern zusammenh√§ngen. Die Studie fand heraus, dass es gro√üe Unterschiede im Wohlbefinden von Alleinerziehern und Patchwork-Familien und traditionellen Familienmodellen ‚Äď mit beiden Partnern ‚Äď gibt.
Unter den Erwachsenen, die ihre Kinder alleine erziehen, berichteten 18 Prozent √ľber Gesundheitsprobleme. Im Vergleich dazu sp√ľrten diese nur zw√∂lf Prozent der mit Partner lebenden Befragten. Das sei nicht √ľberraschend, hei√üt es von den Autoren, da unter ihnen die Wahrscheinlichkeit einer √∂konomischen Benachteiligung h√∂her ist und mit ihr stark die Gesundheit zusammenh√§ngt. So zeigt auch der Umkehrschluss: Finanziell besser gestellte Alleinerzieher f√ľhlen sich in ihrem Alltag ges√ľnder.

Spannende Information am Rande: In √Ėsterreich bleiben momentan etwa 30 Prozent der Frauen mit Universit√§tsabschluss kinderlos, bei den niedriger Gebildeten bleiben lediglich zw√∂lf Prozent ohne Kinder. Die ‚ÄěGenerations and Gender Survey‚Äú erfasst im Vier-Jahres-Takt Daten von 18- bis 45-J√§hrigen zu den Themen Familiengr√ľndung, Partnerschaft, Einkommen, Bildung und Gesundheit in 20 L√§ndern.

Wo man sich als Alleinerzieher Rat holen kann

Die √Ėsterreichische Plattform f√ľr Alleinerziehende unterst√ľtzt Alleinerziehende und Patchworkfamilien dabei, ihre Lebenssituation emotional und finanziell zu meistern. Sie nimmt Einfluss auf den Gesetzgeber und macht auf Defizite im System aufmerksam. Details dazu: www.alleinerziehende.org. Der Verein f√ľr Alleinerziehende und getrennt lebende Eltern bietet Beratung und kosteng√ľnstige Wohnm√∂glichkeiten in einer Wohngruppe in Linz f√ľr Menschen, die sich neu organisieren wollen und kurzfristig, als √úberbr√ľckung, Hilfe ben√∂tigen.
In der Männerberatung Wien finden unter anderem auch alleinerziehende Männer Rat, Halt und Orientierung im Leben mit Kind. Jeden zweiten Mittwoch findet von18.30 bis 20 Uhr ein Väter-Treff statt. Mit Anmeldung unter www.maenner.at.

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