Wirtschaft | Karriere
05.12.2015

Wenn das "Life" in der Balance fehlt

110.000 Alleinerzieher schaukeln die Wiege, den Job und die gesamten Familienagenden. Sie werden in der Arbeitswelt immer noch mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Ein Einblick in die Lebenswelten dreier Alltagshelden.

Es ist 4.51 Uhr als Sybille Kovacs’ eMail in der Redaktion eintrudelt. Die 35-jährige Mutter von Anna (4) und Philipp (5) entschuldigt sich, dass sie erst jetzt schreibt. Am Vorabend sei sie wieder einmal mit den Kindern eingeschlafen.

Kovacs ist aber hart im Nehmen. Muss sie sein, sie hat einen langen Tag. "Ich stehe immer um fünf Uhr auf, bis ich um halb neun im Büro bin, habe ich schon einen halben Marathon hinter mir", erzählt sie. In dieser Zeit müssen die Kinder geweckt, gekuschelt, gewaschen, angezogen, gefüttert und zum Kindergarten gefahren werden. Ihr Job, lacht sie, wäre da schon fast entspannend, da könnte sie dann runterkommen. Die Alleinerzieherin arbeitet bei einem Pharma-Unternehmen in Wien, hier war sie bereits vor ihren Schwangerschaften tätig. Nach der Karenz kam sie mit 15 Wochenstunden zurück, steigerte sich sukzessive auf 30. "Bei 30 Stunden Arbeit in der Woche funktioniert die Work-Life-Balance am besten", sagt sie.

Die Work-Life-Balance ist im Leben einer Alleinerzieherin oder eines Alleinerziehers viel eher als Work-Child-Balance zu beschreiben. Ein Leben voll gefüllt von zwei großen Aufgaben: Kind erziehen und Geld verdienen. Manche Tage dauern 20 Stunden. Freie Zeit, ein "Life" in Balance mit Zeit für sich selbst, ist oft nicht drin.

Sybille Kovacs ist eine von 110.000 Alleinerziehern in Österreich. Laut Statistik Austria waren 2014 93 Prozent von ihnen Frauen. Ihr Risiko, in die Armut zu rutschen, ist doppelt so hoch als das der gesamten österreichischen Bevölkerung, zeigt eine Studie des Sozialministeriums aus 2011. Immer noch werden sie in vielen Bereichen benachteiligt: Von Urlauben und neuer Kleidung können viele nur träumen, neun Prozent können sogar ihre Wohnung nicht heizen. Umfragen der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende zeigen, dass etwa die Hälfte der Kinder weniger Unterhalt bekommen, als sie sollten. Nur die Hälfte der Alleinerzieher gibt in der Umfrage an, regelmäßig überhaupt Unterhalt zu bekommen.

Vollzeit, weil notwendig

Laut Sozialministerium sind 77 Prozent der Alleinerzieher erwerbstätig. Im Vergleich dazu: Von Müttern, die in Partnerschaft leben, arbeiten nur 71 Prozent. Als Alleinerzieherin kann man es sich oft nicht leisten, zu Hause zu bleiben. 60 Prozent von ihnen arbeiten zwischen 25 und 40 Stunden in der Woche – zusätzlich zu den familiären Pflichten, die sie hauptsächlich alleine tragen.

"Das ist kein Spagat mehr, das ist ein Drahtseilakt", sagt Evelyn Herl, 38. Sie ist eine von jenen Müttern, die Vollzeit arbeitet. Ihre Kinder, Samuel (5) und Sina (4), wohnen hauptsächlich bei der Mama. "Ich bin aber nicht leidend, nehme keine Opferrolle an", so Herl. Viel mehr scheint der dichte Alltag spannende Herausforderung zu sein, den sie mit viel Hingabe schaukelt.

Heute hat sie die Organisation ihrer zwei Kinder und des Berater-Fulltime-Jobs, bei dem sie hie und da auch ins Ausland muss, gut im Griff. Home Office hilft, Oma und Opa springen ein, wenn es eng wird. Überhaupt einen Job zu finden war als plötzliche Alleinerzieherin aber eine Tortur. "Ich habe ein Jahr lang gesucht", sagt sie. Obwohl Herl top qualifiziert ist, vor den Kindern in Marketing-Führungspositionen die ganze Welt bereiste. Sie wollte einfach nur zurück auf den Arbeitsmarkt, egal, in welchem Job. "Ich wollte eine Arbeit, die die Rechnungen zahlt. An Karriere hab ich nicht gedacht. Die Krux: Keiner wollte mir einen Halbtags-Job geben. Alle sagten, ich wäre überqualifiziert, würde früher oder später ,höher‘ wollen", erzählt sie. Vollzeit war also die Möglichkeit, die blieb.

Mit der Verantwortung, zwei Kinder und einen normalen Job unter einen Hut zu bringen, kann sie gut umgehen. "Manchmal läuft es sehr rund, manchmal weniger. Ich glaube, meine bisherige berufliche Laufbahn hat mich auf den Druck vorbereitet."

Auch Alexander Haide, 47, kennt diesen Druck. Er ist einer von etwa 9000 alleinerziehenden Männern in Österreich. Und einer, der ausnahmsweise gern über sein Leben redet. "Männliche Alleinerzieher reden das Thema nicht gerne breit, sie machen’s einfach", sagt er. Der freischaffende Autor und Journalist kümmert sich um seine Tochter Elizabeth (10) seit sie zwei Jahre alt ist. "Daher habe ich vor 8,5 Jahren das Kranksein abgeschafft. Wie sollte das denn sonst gehen?", lacht er.

Starre Rollenbilder

Haide trotzt den ungünstigen Witterungen in der Gesellschaft, kämpft gegen die starren Rollenbilder an, behauptet sich als Vater mit klassischen Mutterqualitäten. "Mich hat noch kein Staubsauger, keine Waschmaschine und auch kein Kochtopf gebissen", sagt er gelassen. Das Privatleben steht bei ihm hinten an – der Alltag dreht sich in der Früh ums Kind, tagsüber um den um Job, abends wieder ums Kind. "Am Nachmittag, da ist Hausübungs-Zeit. Da arbeiten wir Tür an Tür nebeneinander her."

Haide sagt, sein großes Glück sei es, von zu Hause aus arbeiten zu können. "Wann ich meine Arbeit mache, ist egal, Hauptsache, sie ist zeitgerecht fertig." Bei seiner Karriere habe er auf Pause gedreht, er brauche und genieße seine Flexibilität, hechle nichts mehr hinterher. "Ich habe früher zwar schon halbherzig probiert, in eine Anstellung zu gehen. Aber bei den interessanten Sachen ist der große Futtertrog sofort zu, wenn man sagt, man ist Alleinerzieher."

Als solcher bewege man sich in einem luftleeren, unabgesicherten Raum, "außer man hat ein großes, traumhaftes Netzwerk, das einspringt", so Haide. Die Gesellschaft würde von mindestens zwei Menschen ausgehen, die die Kindeserziehung verantworten. "Dass das viele alleine machen, ist scheinbar noch nicht durchgedrungen."

Doch der Vater klagt nicht gern. "Wichtig ist, dass es dem Kind gut geht. Ich habe meinen Frieden. Nach ein paar Jahren als Alleinerzieher meisterst du jede Krise."

Alleinerziehende fühlen sich öfter krank als andere Eltern

In der „Generations and Gender Survey“, die am Dienstag in Wien präsentiert wurde, wurde analysiert, wie die Lebensformen im Haushalt mit der Gesundheit der Eltern zusammenhängen. Die Studie fand heraus, dass es große Unterschiede im Wohlbefinden von Alleinerziehern und Patchwork-Familien und traditionellen Familienmodellen – mit beiden Partnern – gibt.
Unter den Erwachsenen, die ihre Kinder alleine erziehen, berichteten 18 Prozent über Gesundheitsprobleme. Im Vergleich dazu spürten diese nur zwölf Prozent der mit Partner lebenden Befragten. Das sei nicht überraschend, heißt es von den Autoren, da unter ihnen die Wahrscheinlichkeit einer ökonomischen Benachteiligung höher ist und mit ihr stark die Gesundheit zusammenhängt. So zeigt auch der Umkehrschluss: Finanziell besser gestellte Alleinerzieher fühlen sich in ihrem Alltag gesünder.

Spannende Information am Rande: In Österreich bleiben momentan etwa 30 Prozent der Frauen mit Universitätsabschluss kinderlos, bei den niedriger Gebildeten bleiben lediglich zwölf Prozent ohne Kinder. Die „Generations and Gender Survey“ erfasst im Vier-Jahres-Takt Daten von 18- bis 45-Jährigen zu den Themen Familiengründung, Partnerschaft, Einkommen, Bildung und Gesundheit in 20 Ländern.

Wo man sich als Alleinerzieher Rat holen kann

Die Österreichische Plattform für Alleinerziehende unterstützt Alleinerziehende und Patchworkfamilien dabei, ihre Lebenssituation emotional und finanziell zu meistern. Sie nimmt Einfluss auf den Gesetzgeber und macht auf Defizite im System aufmerksam. Details dazu: www.alleinerziehende.org. Der Verein für Alleinerziehende und getrennt lebende Eltern bietet Beratung und kostengünstige Wohnmöglichkeiten in einer Wohngruppe in Linz für Menschen, die sich neu organisieren wollen und kurzfristig, als Überbrückung, Hilfe benötigen.
In der Männerberatung Wien finden unter anderem auch alleinerziehende Männer Rat, Halt und Orientierung im Leben mit Kind. Jeden zweiten Mittwoch findet von18.30 bis 20 Uhr ein Väter-Treff statt. Mit Anmeldung unter www.maenner.at.