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Wirtschaft | Karriere
06/25/2019

Was passiert, wenn ein Roboter-Mitarbeiter einen Fehler macht?

Wie kann es Chefs gelingen, ein Team aus Menschen und Robotern zu managen? Susanne Bieller, Generalsekretärin der International Federation of Robotics, im Interview.

Wenn man Antworten auf große Zukunftsfragen sucht, lohnt sich oft ein Blick in die Vergangenheit. Also auf ins Wiener Naturhistorische Museum, wo schon in der Kuppelbemalung der Affe dem Mensch den Spiegel vorhält. Die Tafel zur Evolution sagt es dann deutlich: Wer im evolutionären Wettlauf überleben will, muss sich ständig wandeln.

Susanne Bieller, Chefin der International Federation of Robotics, weiß, wie weit sich die neuen Arten der Robotermitarbeiter bereits entwickelt haben. Und auch, wie sich der menschliche Mitarbeiter an die neue Konkurrenz anpassen muss.

KURIER: Viele fürchten, dass Roboter die Menschen auf dem Arbeitsmarkt verdrängen werden. Andererseits sehen viele in Robotern die Zukunft – wie ist dieser Zwiespalt zu erklären?

Susanne Bieller: Ängste entstehen oft aus Unkenntnis. Wir alle haben eine diffuse Vorstellung, was Roboter können und irgendwann auch tun werden. Dieses Bild ist stark durch Science Fiction geprägt und durch Horrormeldungen in den Medien, die über einseitige Studien berichten. Sobald man sich näher anschaut, was Roboter heute können und was eben nicht, setzt meist Ernüchterung ein. Und die meisten Menschen haben weniger Furcht davor, dass ein Roboter sie bald gänzlich ersetzen kann. Ein Roboter kann meistens genau eine Sache gut – also Staubsaugen, Rasenmähen oder den Boden wischen. Den universellen Haushaltsroboter, der mir die Spülmaschine ausräumt und die Betten bezieht, werde ich wohl nicht mehr erleben.

Die Arbeit wird uns also nicht ausgehen?

Nein. Außerdem entstehen auch völlig neue Berufe, man denke an den App Designer oder den Data Scientist. Insgesamt hat die Automatisierung bislang in Europa zu einem Nettozuwachs an Arbeitsplätzen geführt. Volkswirtschaften mit der höchsten Roboterdichte haben die geringsten Arbeitslosenquoten.

Wird die Entwicklung in der Robotik und der Künstlichen Intelligenz (KI) die Arbeitswelt ähnlich verändern, wie es das Internet getan hat?

Vermutlich ja – und ähnlich positiv. In der Vergangenheit haben Roboter ausschließlich hinter Schutzzäunen gearbeitet, weil sie ganz stupide immer wieder die gleichen Bewegungen ausführen, für die sie programmiert sind – egal ob ein Mensch dazwischensteht oder nicht. KI befähigt die Roboter, ihre Außenwelt über Sensoren und Kameras wahrzunehmen und mit ihr zu interagieren. Die Roboter können dadurch auch feinfühlig werden. Durch diese Sensoren, die uns ja aus dem Auto oder dem Smartphone schon vertraut sind, werden auch Industrieroboter direkt mit den Menschen zusammenarbeiten können.

Wie lässt sich die Zusammenarbeit von Mensch und Roboter so gestalten, dass sie für die Menschen eine Verbesserung darstellt?

Es gibt seit einiger Zeit eine neue Art von Industrierobotern – wir nennen sie kollaborative Roboter, weil sie explizit dafür konzipiert wurden, direkt mit dem Menschen zusammenzuarbeiten. Diese Roboter leisten dem Werker Unterstützung bei der Arbeit und entlasten sie von vielen schweren, unergonomischen und mühsamen Aufgaben. Über dem Kopf arbeiten zum Beispiel kann der Mensch keine acht Stunden lang, ohne langfristig Schäden davonzutragen. Oder schwere Lasten tragen – hier können in der Zukunft sogenannte Exoskelette, die der Arbeiter sich umschnallt, Erleichterung bieten. Und auch Tätigkeiten, die uns leicht ermüden, zum Beispiel in der Qualitätskontrolle, bewerkstelligen Roboter problemlos und fehlerfrei.

Wo liegen dann noch die Stärken der menschlichen Arbeitskraft?

Es gibt immer noch viele Aufgaben, die für den Menschen einfach sind, sich aber schwer automatisieren lassen. Etwa bei unsortierten Teilen und unregelmäßigen oder flexiblen Formen. Auch Stoff ist beispielsweise für Roboter schwer zu greifen. Flexibilität – sich ständig neu auf eine geänderte Situation einzustellen und spontan zu reagieren – ist ebenfalls eine typisch menschliche Stärke. Roboter können uns aber ungeliebte Tätigkeiten abnehmen und schaffen Platz, unsere Stärken auszuspielen: unsere Kreativität und unser Problemlösevermögen.

Wie kann es gelingen, Roboter in ein Team aus menschlichen Mitarbeitern zu integrieren? Wie wichtig ist hier gutes Leadership?

Roboter sind ein Werkzeug für den Menschen – als solches sollten wir sie auch in Zukunft begreifen. Der Mensch sollte immer den Ton angeben. Ein gutes Leadership wird die Ängste und Sorgen der Mitarbeiter ernst nehmen und Berührungsängste abbauen – aber auch mutig sein und die Arbeitsprozesse neu denken und an die neuen Mensch-Roboter-Teams anpassen. Daneben ist aber auch eine gute Weiterbildung wichtig. Wir müssen lernen, mit den neuen Technologien umzugehen und diese zu meistern.

Wie die Zusammenarbeit aussehen könnte, das zeigt ein Blick die Welt der Visionäre. Im Wiener Restaurant Rollercoaster, gleich neben dem Riesenrad, haben Roboter die Servierkräfte schon zum Großteil ersetzt. Bestellt wird via Tablet, zwei Roboter übernehmen den Versand der Speisen und mixen die Cocktails, die dann wie auf einer Achterbahn direkt zum Gast sausen, der während der Wartezeit auf einem Flatscreen den gelben Roboterarmen bei der Arbeit zusehen kann. Die menschlichen Mitarbeiter? Braucht man im Grunde nur mehr, um das schmutzige Geschirr abzuservieren und das Geld zu kassieren.

Was kommt auf die Chefinnen und Chefs der Zukunft zu, die auch Robotermitarbeiter managen müssen?

Sie müssen neben den menschlichen Führungsqualitäten auch die Technik verstehen. Also: was kann der Roboter, was braucht er dazu und wo liegen die Grenzen. Und eben bereit sein, neue Wege einzuschlagen und auch durchzusetzen, gegen alle Zweifler.

Was passiert, wenn ein Roboter-Mitarbeiter einen Fehler macht: Liegt dann die Schuld bei ihm oder bei der Chefin?

Die Frage ist erst einmal: Was ist ein Fehler, beziehungsweise was führt dazu? Eine ungenaue Programmierung? Eine unscharfe Anweisung? Fehlende oder fehlerhafte Datengrundlage für eine automatisierte Entscheidung? Fehler, wie wir Menschen sie machen, aus Unachtsamkeit oder Unwissenheit, können Roboter eigentlich gar nicht machen. Sie sind zumeist die „Schuld“ des Programmierers oder des Anwenders.

Werden wir spezielle Arbeitsgesetze für Roboter brauchen?

Mir fällt spontan nicht ein, wofür – alles Nötige sollte eigentlich in der Programmierung des Roboters verankert sein. Darüber hinaus haben wir in Europa zum Beispiel die Maschinenrichtlinie, welche die Sicherheit der Roboter genau regelt.

Könnte es eines Tages sein, dass Roboter dank weit entwickelter Künstlicher Intelligenz keine menschlichen Chefs mehr benötigen?

Aus meiner Sicht nein. Roboter sind ein Werkzeug und darauf programmiert, eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Künstliche Intelligenz kann dem Roboter dabei helfen zu entscheiden, wie er diese am besten erfüllt. Was oder ob er etwas tut, entscheidet der Mensch. Vielleicht sollte man das am Beispiel eines selbstfahrenden Autos verdeutlichen: Warum sollte das aus Spaß am Fahren alleine durch die Gegend fahren? Auch wenn es autonom fahren wird, ist der Zweck des Autos, Menschen und Dinge von A nach B zu befördern. Der Mensch gibt Start und Ziel an, das Auto kann den Reiseweg optimieren. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

 

Kollege Roboter - wie viele von ihnen gibt es?

Im Spitzenfeld Bezug auf Roboterdichte hat laut der International Federation of Robotics IFR Europa mit 106 Industrierobotern pro 10.000 Beschäftigten das höchste Niveau weltweit. Österreich liegt in Bezug auf die Roboterdichte auf dem 12. Platz und zählt 167 Industrierobotern pro 10.000 Beschäftigte.

Vor allem die Automobilindustrie und das metallverarbeitende Gewerbe  setzen  viele Roboter ein. Die Stärke der Industrieroboter liegt darin, über langen Zeitraum verlässlich und hochpräzise mit schweren Lasten oder mit gesundheitsschädlichen Stoffen arbeiten können.

Neue Kollegen Auch in anderen Branchen wird getestet, wie Roboter in der Arbeitswelt eingesetzt werden können. Forschern der Universitäten Stanford und Harvard ist es gelungen, Algorithmen zu trainieren, die Hautkrebs diagnostizieren. Die Maschinen schnitten in Tests eben so gut ab wie Fachärzte. Auch in der Pflege überlegt man den Einsatz von Assistenzrobotern, die das Pflegepersonal bei repetitiven Tätigkeiten unterstützen. In London   entsteht ein Roboter-Anwalt, der sich im Test gegen 110 menschliche Anwälte als überlegen präsentierte. Und auch in der Modewelt wird Künstliche Intelligenz bereits eingesetzt  –  als virtueller Styling Assistent für modebewusste Menschen.