Der Round-Table zum Thema: Studieren - was bringt's?

© KURIER/Gilbert Novy

Studi-Diskussion
10/01/2016

Was das Studieren bringt – und was nicht

Die StudentInnen Gagi (24, BWL), Judith (22, Lehramt Deutsch und Geografie), Martin (26, Jus) und Anna (24, Psychologie) diskutieren über ihr Uni-Leben. Was läuft gut und worüber muss man sich ärgern?

Warum habt ihr zu studieren begonnen?

Martin: Bei mir gab es nach dem Zivildienst eigentlich keine große Nachdenkphase. Ich habe einfach begonnen zu studieren, weil dieser Weg nach der Matura quasi vorgegeben ist. Später habe ich mir gedacht, gleich im Anschluss eine Lehre wäre vielleicht auch nicht schlecht gewesen.

Gagi: Da meine Eltern beide keinen Schulabschluss oder was Ähnliches haben, war es bei mir eher nicht so vorgezeichnet. In Deutschland gibt es ja den Numerus clausus und da war ich auch ein bisschen am Kämpfen, ob ich jetzt studieren sollte oder lieber eine Ausbildung mache.

Anna: Meine Eltern sind beide Akademiker. Es war zwar nicht so, dass sie gesagt haben, du musst studieren. Aber irgendwie war es unausgesprochen und stillschweigend klar. Einer Lehre gewinne ich jetzt manchmal schon viel ab. Ich habe das Gefühl, dann würde ich mich jetzt eigenständiger fühlen und schon irgendetwas machen, anstatt auf die Uni zu laufen und mich berieseln zu lassen.

Nach welchen Kriterien habt ihr euer Studium gewählt? Rückblickend: Wie sollte man wählen?

Martin: Ich habe mir gedacht, ich kann mit Jus wenig falsch machen und habe mit dem Abschluss sehr viele Möglichkeiten. Nachher habe ich dann Interessen entwickelt, die ich vorher noch nicht an mir kannte. Ich hätte mich vielleicht früher mit mir selbst auseinandersetzten und meine Interessen entdecken sollen. Ich denke aber auch, dass da in der Schulzeit mehr gemacht werden könnte.

Anna: Ich habe nur nach Interesse gewählt. Psychologie ist eigentlich verschrien, wegen der Aussichten. Aber ich habe mich trotzdem dafür entschieden. Eigentlich ist es sicher nicht gescheit, gar nicht zu schauen, wie der Job so ist. Aber ich habe mir gedacht, das ist wenigstens einer.

Judith: Ich finde es kommt auch total auf die Person an. Wie vorher gesagt wurde: Man muss sich selbst mit seinem eigenen Ich auseinandersetzen. Das passiert wahrscheinlich vor dem Studium viel zu wenig. Ein Studium ist ja auch ein Prozess in dem man wächst und sich selbst kennenlernt.

Gagi: Wenn ich nochmals vor der Wahl stehen würde, würde ich Fächer wählen, die mich inhaltlich mehr interessieren. Aber man sollte trotzdem nicht nur nach Interessen wählen, weil die sich im Laufe der Zeit auch verändern. Es sollte eine Mischung aus den verschiedenen Komponenten sein.

Was ist das Beste am Studieren – und was sind die Kehrseiten?

Anna: Ich finde die freie Einteilung extrem cool. Entscheiden zu können, wann du was machst und in welcher Geschwindigkeit, ist ein großer Vorteil. Die Kehrseite ist in meinem Studiengang dieses absolute Fehlen von jeglichem Praxisbezug. Teilweise auch, dass ich aus Vorlesungen nicht viel mitnehme und mir denke: Was fange ich damit an?

Gagi: Ich finde, dass das Studium den Horizont schon sehr krass erweitert. Es macht einen reifer und man entdeckt seine Interessen: Was gefällt mir, was mag ich, wo sehe ich mich später mal? Das ist ein absoluter Pluspunkt.

Judith: Auch dieser totale kreative Freiraum, den man hat. Ich probiere das aus oder das. Zeit zu reisen. Wir haben ein Monat im Februar und drei im Sommer. Alle, die arbeiten, träumen davon.

Martin: Hinzu kommt noch das Mobilitätsprogramm mit Erasmus, von dem ich sehr profitiert habe. Die Möglichkeiten, Einsichten zu gewinnen, den Blickwinkel zu ändern und Horizonte zu erweitern. Die Zeit zu haben, auch Fehler machen zu können.

Gibt es eine Studentenblase?

Gagi: Es kommt darauf an, welche Erfahrungen man während seines Studiums macht. Ich arbeite einmal die Woche in einem Sneaker-Laden. Da gibt es welche, die machen das fünf Tage und davor habe ich höchsten Respekt. Wenn man mal gearbeitet hat, weiß man ja auch, wie das wahre Leben funktioniert. Ich glaube, dadurch kommt man auch wieder ein bisschen aus dieser Blase heraus und verliert nicht den Realitätsbezug.

Judith: Ich finde es voll wichtig, dass ich mir in meine Blase selbst hineinsteche. Ich komme aus einer grünen Öko-WG und wenn ich dann mal wieder bei einer Familienfeier am Land bin, verstehe ich, wie die Welt auch ticken kann.

Findet ihr es wichtig, während des Studiums zu arbeiten?

Martin: Ich finde es auf jeden Fall wichtig. Egal, ob du jetzt etwas Studiennahes machst, kellnerst oder im Sommer bei der Post austrägst. Damit du siehst, es gibt nicht nur uns Studenten.

Gagi: Die Erfahrung hilft später sicher sehr. Um Empathie aufzubauen, für Menschen, die keine Akademiker sind oder nicht in höheren Berufen arbeiten. Einfach, dass man die Menschen wertschätzt, die andere Arbeit verrichten.

Habt ihr Zukunftsängste und Pläne?

Judith: Ich beschäftige mich schon viel damit, welche außerschulischen Angebote es im Bildungsbereich gibt. Ich möchte im Gebiet globales Lernen etwas machen, da ist es in Österreich dünn.

Gagi: Ich denke, dass wir heutzutage sehr damit beschäftigt sind, uns selbst zu verwirklichen oder Jobs zu finden die uns super viel Spaß machen. Aber ich glaube auch, dass man sich zu einem gewissen Grad einfach durchbeißen muss. Man muss sich auch fragen, was kann ich dafür tun, dass mir ein Job gefällt.

Anna: Ich finde, es ist eine große Unklarheit und Unsicherheit, wie es aussehen wird, wenn man fertig ist. Ich habe schon eine Idee, was ich nachher machen möchte aber ich habe trotzdem keine genaue Vorstellung, wie realistisch das ist, wie leicht das ist, wie gut mir das gefallen wird.

Vor welche Herausforderungen oder Hürden werdet ihr im Studium gestellt?

Gagi: Wenn in Spezialisierungen die Plätze nach Notenschnitt vergeben werden, finde ich das nicht so cool. Dann muss man vielleicht noch ein Semester warten oder versuchen, bessere Noten zu schreiben. So verlängert sich das Studium auch.

Martin: Eine Hürde ist bei uns die Prüferzuteilung per Nachnamen bei mündlichen Prüfungen. Es gibt halt sehr verrufene, sehr schwierige oder sehr launische Professoren.

Judith: Beim Lehramt ist es oft schon schwierig, wenn du die Studien koordinieren musst und sich dann wieder alles überschneidet.

Was würdet ihr am Studium verändern?

Judith: Es sollte Räume geben, wo man sich zusammensetzen kann. Offene Lernräume, wo man nichts konsumieren muss und es nicht allzu laut ist. Das gibt es auf der Hauptuni einfach nicht.

Gagi: Das Mensaessen ist eine absolute Katastrophe. Das schmeckt sehr künstlich.

Martin: Es gibt 2000 Studienanfänger jeden Herbst, das sind echt viele. Da leidet die Qualität des Studiums darunter. In der Asylpolitik gibt es keine Open Boarders, aber im Studium schon. Integration sagt man, kann nur funktionieren wenn nur eine gewisse Anzahl kommt. Aber eine richtige Ausbildung an der Uni soll auch gehen, wenn du zu vierhundertst in einem Hörsaal sitzt. Teilweise am Boden und nicht einmal den Professor siehst.

Was sagt ihr zu Studiengebühren?

Martin: Ich finde, man kann es Studenten zutrauen, abgesehen von Einzelfällen, nebenbei zwölf Stunden zu arbeiten oder auch im Sommer einen Monat Vollzeit. Alleine 400 Euro pro Semester und Student würde wahnsinnig viel ausmachen.

Judith: Ich finde, man sollte es nach dem sozialem Background entscheiden. Das muss ja irgendwie möglich sein. Man würde auch sicher das Studium mehr wertschätzen.

Wer sagt die Abschlussworte?

Gagi: Jetzt, wo wir geredet haben, sehe ich es immer mehr als Privileg, studieren zu dürfen. Ich würde es auch jedem, der die Möglichkeit hat und noch unentschlossen ist, ans Herz legen. Diese Erfahrung ist schon etwas Einmaliges im Leben.

- Dominique Rohr

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