Studium: Lieber schneller oder mit Berufserfahrung?

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Die Bologna-Reform fordert kürzere Studienzeiten und schnelles Durchstudieren. Von Unternehmensseite wird von Absolventen Berufserfahrung erwartet – was wiederum Zeit kostet. Studierende und Personaler über ein Dilemma. Allegra Pirker.

"Meinen Master habe ich in Mindeststudienzeit absolviert, während des Bachelors war ich unter den schnellsten sechs Prozent meiner Kohorte. Jetzt suche ich seit eineinhalb Jahren einen Job", erzählt Alexander K.*

Der 28-Jährige hat Anfang 2016 sein Studium der Volkswirtschaftlehre an der Wirtschaftsuniversität Wien abgeschlossen. Anstatt die Ferien zu genießen, belegt er Kurse an der Sommeruni. Nebenbei arbeiten muss er nicht, da Alexander bei seinen Eltern wohnt. Trotz seiner Studienleistung bekommt er nur Absagen. Er merkt: Es ist die Berufserfahrung, die ihm fehlt. "Mein Problem: Während des Studiums habe ich nichts gearbeitet. Könnte ich, würde ich es heute anders machen."

Sprint oder Marathon? Ein beschleunigter Berufseinstieg und genau vorgegebene Studiendauer – das setzte sich der Bologna-Prozess mit der Umstellung auf das Bachelor-Master-System zum Ziel. Die Toleranzstudiendauer erlaubt maximal zwei zusätzliche Semester, ansonsten fallen staatliche Unterstützungen wie die Familienbeihilfe weg. Viel Zeit, um nebenbei einschlägige Berufserfahrung zu sammeln, bleibt da nicht. Der Bericht des Wissenschaftsministeriums zur sozialen Lage der Studierenden 2016 zeigt: Im Schnitt arbeiten Studierende wöchentlich 11,9 Stunden, den Rest ihrer 42,2-Stunden-Woche sind sie mit dem Studium beschäftigt.Vor allem auf der WU Wien studiert man im Sinne der Bologna-Reform: Während die durchschnittliche Studiendauer an heimischen Universitäten bei insgesamt 5,4 Semestern liegt, absolvieren WUler ihren Master in nur 4,13 Semestern.

Nicht so Daniel Netsch. Er nimmt sich bewusst Zeit."Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich das meiste erst während der Arbeit on the job lerne", schildert er, ebenfalls VWL-Absolvent der WU. Für seinen Bachelor braucht er elf Semester. Nebenbei gearbeitet hat er schon von Beginn an. "Zusätzlich unterstützen mich meine Eltern finanziell." Sonst hätte er sich sein Studium nicht leisten können, denn er ist mit 22 ausgezogen. Damit geht es ihm wie den meisten Studierenden in Österreich: Liegt ihr durchschnittliches Budget bei monatlichen 1130 Euro, macht ihre Erwerbstätigkeit mit 42 Prozent den größten Anteil davon aus.

Während des Masters absolviert Daniel ein Vollzeit-Praktikum bei einer namhaften Bank in Wien und verdient dabei monatlich 800 Euro. "Würde ich erst nach meinem Abschluss hier beginnen, hätte ich auch nur ein Einkommen von 800 Euro. Und das trotz meines Masters. Viele Praktika werden nur an Studenten vergeben, mit einem Abschluss hast du da oft keine Chance mehr", erzählt der 27-Jährige.

Was sagen Personaler dazu?"Wenn ich zwei KandidatInnen habe: einer hat nebenbei einschlägige Praktika gemacht, dafür aber nicht in Toleranzstudienzeit studiert; der andere hat in Toleranzstudienzeit studiert, aber keine Praktika absolviert – dann entscheide ich mich häufig für ersteren", erzählt Franz Reisner, Leiter für Recruiting bei der Allianz Gruppe Österreich. Auch für Martin Janda, Bereichsleiter für Personal des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft ist eine längere Studiendauer kein Knock-Out-Kriterium: "Für uns ist es allerdings wichtig, nachvollziehen zu können, was genau Bewerber in ihrer Studienzeit gemacht haben." Wolfgang Maier, Leiter des Personalwesens beim EVN-Konzern, teilt diese Meinung: "Ist die Überschreitung der Toleranzstudienzeit aufgrund erster Berufserfahrung erklärbar, ist das kein Ausschlussgrund für uns im Recruiting."

Daniel, der Länger-Student mit Berufserfahrung, scheint also auf dem richtigen Weg zu sein. Bald beginnt er ein Traineeship, das ein Jahresgehalt von 50.000 Euro vorsieht. "Anschließend werde ich von der Bank vielleicht übernommen. Es sieht gut aus." Alexanders Initiativbewerbungen haben sich übrigens mittlerweile auch gelohnt. Im Juli hat er ein Praktikum bekommen. Der bisher beruflich Unerfahrene freut sich: "Gut bezahlt ist die Stelle nicht, aber ich lerne hier einiges." (*Name von der Redaktion geändert)

( kurier.at ) Erstellt am 21.07.2017