Wirtschaft | Karriere
13.08.2018

Stark trotz Rückschlag: Aus Niederlagen lernen

Sieben Jahre vorbereitet, trotzdem gescheitert: Der Traum, den Pazifik zu durchschwimmen, fiel für Benoit Lecomte ins Wasser. Wie man durch Niederlagen stärker wird.

Der Umwelt-Aktivist und Schwimmer Benoit Lecomte schwamm 46 Tage lang. Acht Stunden am Tag kraulte er im Pazifik, die Nacht verbrachte er auf dem Segelboot Discoverer, das ihn begleitet und versorgt hat. Seine Ziel-Destination war San Francisco, USA, ins Wasser gestiegen ist er am Strand von Choshi in Japan. Der 51-Jährige, der vor 20 Jahren schon als Erster den Atlantik ohne Schwimmhilfe überquerte, wollte es heuer noch einmal wissen. Diesmal war sein Vorhaben, innerhalb von sechs Monaten den Pazifik zu durchschwimmen – das sind ganze 9000 Kilometer. Dafür hat er sieben Jahre lang trainiert.

Am 47. Tag musste Lecomte aufgeben. Am Mittwoch vergangene Woche kommunizierte er der Öffentlichkeit: Zwei Taifune drohen seinen Weg zu kreuzen. 8200 Kilometer vor dem Ziel. Er kletterte also aus dem Wasser und schipperte mit der Mannschaft zurück in den japanischen Hafen. Den Taifunen ist er entkommen. Sie kreuzten allerdings seine Pläne, den Weltrekord aufzustellen.

Scheitern ist Teil des Spiels

Für Sportler gehört die Enttäuschung und die Niederlage genauso zum Spiel, wie die überwältigende Freude über den Sieg. Sie wissen nur zu gut, wie es sich anfühlt, die Punktezahl nicht zu erreichen, hinter den Gegner zu fallen, wenn höhere Gewalt den Erfolg torpediert – sie haben diese Momente vielleicht noch öfter erlebt als die siegreichen. Und das auch noch unter den Augen von Trainern, der Konkurrenz, Fans. Warum sie dann nicht die Vorhänge zuziehen, sich im Bett verkriechen, Pizza bestellen und in Selbstmitleid baden?

Ihre Stehauf-Formel heißt Resilienz: eine unsichtbare Kraft im Kopf, die rasch und ohne großen Schaden zu hinterlassen, zurück auf die Beine hilft. Angeboren ist sie nicht. Sie muss so, wie Muskeln, bewusst trainiert werden. Das beginnt mit der richtigen Perspektive. „Viele Sportler haben zu Niederlagen eine positive Einstellung“, sagt die ehemalige Leistungssportlerin und heutige Autorin, Management- und Sport-Coach Antje Heimsoeth. „Wladimir Klitschko etwa sagt, er ist nur durch seine Niederlagen erfolgreich geworden. Michael Jordan hat zu einem Coach gesagt: ,Lass mich das Training erst dann beenden, wenn ich heute besser war, als gestern.‘“

Nicht gewinnen wollen

Heimsoeth betreut aktuell fünf Sportler, die sich für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio qualifizieren wollen. Ein Teil ihrer Arbeit ist es, mit ihnen an deren Erwartungshaltung zu feilen. „Viele gehen gar nicht erst mit der Idee, zu gewinnen, in den Wettkampf. Nur mit der Idee, die bestmögliche Leistung abzuliefern.“ Wenn man es trotz dieses Bemühens nicht geschafft hat? „Dann ist das eben so. Mehr als mein Bestes kann ich im Moment nicht geben“, sagt Heimsoeth über deren Wettkampf-Einstellung. Und die nicht erfüllten Erwartungen, der Schmerz der Niederlage? An diesen Gefühlen haben auch Sportler zu kiefeln. Der eine gehe eine Runde schreien, der andere fahre weg, um Abstand zu gewinnen. Danach aber komme stets die nüchterne Phase der selbstdisziplinierten Analyse: Wo sind Fehler passiert? Wo besteht Potenzial? Was geht besser?

Die Stehauf-Techniken

Die Resilienz-Rezepte,die Sportler bei einer Niederlage anwenden, sind vielfältig: Bei der Gedankenstopp-Technik etwa blockt man Schuldgefühle mit viel Übung bewusst ab, so werden Negativ-Spiralen vermieden. „Nach dem Gedankenstopp fülle ich mein Gehirn mit konstruktiven Handlungsanweisungen. Ich fokussiere mich auf die Lösung, sehe nach vorne. So, wie ich mich dafür entscheide, auf andere Menschen positiv oder negativ zuzugehen, so kann ich es auch bei mir selbst entscheiden“, erklärt Coach Heimsoeth. Sportler setzten auch auf die Vorstellungskraft: „Ich visualisiere, was ich mir wünsche und tue so, als ob ich mein Ziel schon erreicht hätte: Ich sehe mich am Podest stehen, höre die Zuschauer klatschen, die Hymne spielen“, sagt Heimsoeth.

Banal? Zielführend, sagen Experten. Forschungen belegen, dass das Gehirn überwiegend auf emotionale Bilder reagiert. „Bilder werden als sehr glaubwürdig empfunden, da sie die Wirklichkeit abbilden – oder abzubilden scheinen – und haben eine enorme Auswirkung auf die persönliche Resilienz“, heißt es auf der Homepage der Beratung resilienz.at. Auch Arbeits- und Sportpsychologin Claudia Altmann weiß: „Ich kann über innere Bilder herausfinden, wo meine Stärken liegen und mich bewusst auf diese fokussieren.“ Aus ihnen könne man Handlungsschritte ableiten und sich mit Konzept auf den Weg zum nächsten Erfolg machen – sportlicher oder beruflicher Natur.

Sieben Charaktereigenschaften stärken

Nur innere Bilder anzusehen wäre aber zu einfach. Die Resilienz-Fähigkeit kann man auf sieben Ebenen optimieren: Selbstbewusstsein, Kontaktfreude, Gefühlsstabilität, Optimismus, Handlungskontrolle, Realismus und Analysestärke. Wer sich noch nie mit diesen Themen auseinandergesetzt hat, muss nicht dünnhäutig bleiben: „Resilienz kann man fördern“, sagt Arbeitspsychologin Claudia Altmann und bestätigt damit diverse Studien. Eine der Unis Münster, Mainz und Leipzig zeigt, dass wir diese Charakterzüge vor allem vor dem 30. und ab dem 70. Lebensjahr beeinflussen können. Altmann rät generell: „Bei Niederlagen im Berufsleben sollte man nicht so streng zu sich sein.“

In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend verschwimmen, ist es wichtiger denn je, an einer gesunden Widerstandsfähigkeit für die Psyche zu arbeiten. Selbst das Europäische Forum Alpbach findet heuer unter dem Motto „Diversity & Resilience“ statt. Auch Ben Lecomte übt sich in geistiger Stärke. Dem Abbruch seines Weltrekord-Versuchs will er nicht nachweinen. Sobald es das Wetter erlaubt, will er wieder dort ins Wasser steigen, wo er herausgeklettert ist. Denn dort liege auch die Quelle seines Antriebs. In seinem Blog schrieb er diese Woche: „Da draußen in meinem Parallel-Universum höre ich durch die Wellen eine gedämpfte Stimme, die sagt: Einfach weitermachen.“

Dominic Thiem Diese Woche verlor Thiem beim ATP 1000 in Toronto, vergangene Woche  in Kitzbühel. Dort  hätte es ein Heimspiel werden sollen, die Niederlage schmerzte ihn deshalb besonders. „Dass ich am Ende verliere, ist ein Wahnsinn für mich. Ich bin komplett enttäuscht“, sagte er  nach dem Match. Nach einer Fehleranalyse  dann aber gleich der Blick nach vorne: „Es ist kein Weltuntergang. Ich habe ein gutes Tennismatch verloren, bis zum Schluss gefightet, an einem wunderschönen Tag vor vollem Haus.“

Anna Veith Die Olympiasiegerin erlitt  mit 26 Jahren eine Verletzung, die für andere das Karriereende bedeutet:  Kreuzband-, Innenband- und Patellasehnenriss. Auf dem Weg zur Genesung schrieb sie ein Buch, heiratete, und kämpft sich „von null weg“, wie sie sagt, zurück auf den Hang. Dort gelang ihr, 1001 Tage nach ihrem letzten Weltcup-Sieg, heuer wieder ein Sieg. Ihr Rezept verriet sie  laola1.at: Sie blickt nicht nach hinten. „Und ich setze mich nicht mehr ständig unter Druck.“