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Kann man sich Single-Sein überhaupt noch leisten?

Warum Alleinlebende bei Miete, Rücklagen und Pension schneller unter Druck geraten – und wann es besonders kritisch wird.
Satisfied happy woman standing alone in kitchen at cozy home atmosphere with cup of hot coffee.

Das Wörtchen „Single“ verrät oft mehr als nur den Beziehungsstatus. Denn Single-Sein ist auch eine Kostenfrage. Ein Beispiel: der Urlaub. Plant man als Alleinstehender eine Reise, zahlt man häufig trotzdem für zwei. Das Einzelzimmer gibt es nur mit Aufpreis, der schon fast an den Pärchentarif rankommt. Auch daheim zahlt man gewissermaßen einen Aufschlag fürs Alleinsein. Bei Fixkosten wie Miete, Strom oder Internet gibt es nämlich keine Single-Tarife. Dazu kommt auch der soziale Aspekt: „Wer Single ist, gibt womöglich auch mehr Geld für Datingaktivitäten  aus“, erklärt Soziologin Barbara Rothmüller (mehr dazu im Interview hier).

All das wird gemeinhin unter dem Begriff „Singles Tax“ (Anm.: Single-Steuer) zusammengefasst. Gemeint sind keine tatsächlichen Steuern, sondern Mehrkosten, weil Alleinlebende ihre Fixkosten nicht teilen können. In Krisenzeiten kann das eine finanziell besonders herausfordernde Erfahrung sein, wie der KURIER in mehreren Gesprächen erfährt.

Eine Frage, die sich aufdrängt: Kann man sich Single-Sein heutzutage überhaupt noch leisten.

Warum das Single-Leben so teuer ist

„Als Single-Person hat man wirklich mehr Hürden“, berichtet eine alleinerziehende Mutter. „Das System ist auf Ehepaare gedrillt und auf Kinder, die in Familien mit zwei Elternteilen aufwachsen“, sagt sie. Einige ihrer Bekannten hätten deswegen sogar früh geheiratet – aufgrund steuerlicher Vorteile und besserer Chancen am Wohnungsmarkt.

Laut eigenen Angaben komme sie in ihrer Karenz dennoch gut über die Runden. „Es geht sich aus, weil ich Ersparnisse habe und immer schon darauf geachtet habe, mir einen guten Polster aufzubauen“, sagt sie. Etwas, das nicht allen Alleinstehenden gelingt, weiß Martina Ernst. Die HR-Expertin mit Schwerpunkt auf Karriere- und Gehaltsverhandlungen erkennt strukturelle Nachteile des Single-Lebens. „Es ist vor allem systemisch teurer – nicht unbedingt individuell“, sagt Ernst. Das zeige sich schon bei den Rücklagen: Ein Paar könne mit zwei Einkommen schneller finanzielle Reserven aufbauen. „Einzelpersonen haben höhere Pro-Kopf-Kosten, sie tragen alle Lebensrisiken allein und haben auch weniger Puffer für Vermögensaufbau“, listet sie auf.

„Auch wenn es unromantisch klingt: Eine Beziehung kann finanziell entlasten.“

von Ein Student im zweiten Semester.

Wie viel Gehalt es braucht, um als Einzelperson bei den heutigen Bedingungen gut auszukommen, lässt sich laut Ernst nicht pauschal beantworten. Ein Vollzeitverdiener komme im Schnitt auf bis zu 55.000 Euro brutto pro Jahr. Bei 14 Gehältern entspricht das knapp 4.000 Euro brutto im Monat. „Bei Singles in der unteren Einkommensverteilung wird es schnell kritisch“, sagt Ernst. Spürbar werde das vor allem bei den Wohnkosten, dem „größten finanziellen Brocken“, wie Finanzexpertin Eva-Maria Weidl ergänzt.

Im Schnitt geben alleinlebende Erwerbstätige 873 Euro monatlich für Wohnen und Energie aus. Das erhebt eine aktuelle Analyse der Statistik Austria zu den Haushaltsausgaben. Der Betrag nimmt 28,3 Prozent der monatlichen Gesamtausgaben ein. Bei Erwerbstätigen sind das rund 3.000 Euro. Darunter 276 Euro monatlich für Ernährung und alkoholfreie Getränke, 455 Euro fallen unter die Kategorie Verkehr, etwa Fahrzeugkauf und Reparaturen. Kosten, die man sich allein leisten können muss.

„Alleine könnte ich mir eine Wohnung niemals leisten. Mit meinem Freund geht das.“

von Eine junge Berufseinsteigerin

Es gibt drei kritische Lebensphasen

„Ich gehe jetzt erst auf Wohnungssuche. Mit meinem Freund kann ich mir endlich die Miete leisten“, erzählt eine junge Frau dem KURIER. Aus dem Elternhaus auszuziehen, war für die Mittzwanzigjährige aus Kostengründen lange kein Thema.

Martina Ernst kann das nachvollziehen. „Junge Singles befinden sich in einer der drei besonders kritischen Lebensphasen. Sie haben häufig niedrige Einstiegslöhne, aber hohe Wohnkosten.“

Ein junger Student berichtet dem KURIER, dass sich kaum jemand in seinem Bekanntenkreis alleine eine Wohnung leisten kann. „Meine Studienkollegen wohnen mit ihren Partnern zusammen oder in einer WG. Da zeichnet sich definitiv ein Muster ab.“ Er selbst wohnt allein und bezieht ein Selbsterhalterstipendium. Ohne das würde er nicht auskommen, gibt er zu.

„Ein Single-Leben geht sich nur aus, wenn man sparsam ist und arbeitet.“

von Eine alleinerziehende Mutter

Um einen Überblick über seine Finanzen zu behalten, nutzt er eine App und hält dort fest, was er wo und wie viel ausgibt. Das Geld wird nämlich knapp: „Ich konnte mir früher mehr auf die Seite legen. Das geht sich jetzt nicht mehr aus.“

Doch nicht nur junge Singles haben mit hohen Kosten zu kämpfen, erklärt Martina Ernst. Die zweite kritische Lebensphase betreffe geschiedene Personen, die häufig finanzielle Einbrüche erleben und plötzlich die Alleinverantwortung tragen. Insbesondere für Frauen sei das heikel. Denn ab der Geburt des ersten Kindes erleide ihre Erwerbskarriere häufig einen Einbruch, von dem sie sich nicht mehr erhole.

Was wiederum in die dritte, kritische Phase überleitet: Die Pension. „Altersarmut ist weiblich“, sagt Eva-Maria Weidl. Die durchschnittliche Frauenpension beträgt immerhin nur 1.705,26 Euro brutto monatlich. Das liegt deutlich unter der Armutsgefährdungsschwelle, die aktuell bei 1.827 Euro netto im Monat festgesetzt ist.

„Früher reichte ein Einkommen für Urlaub und Haus. Heute geht das kaum mehr.“

von Eine beruflich weiterhin aktive Pensionistin

So leben Singles in der Pension

Der KURIER konnte mit gleich zwei Pensionistinnen über ihre finanzielle Situation reden. Beide können ihren Alltag derzeit gut finanzieren – das kommt jedoch nicht von ungefähr. „Das Alleinleben beeinflusst meine finanzielle Situation sogar sehr, weil ich zu hundert Prozent für alles selbst zuständig bin. Alles ist irrsinnig gestiegen“, berichtet die erste Pensionistin. Es gehe sich nur aus, weil sie sparsam lebe und sehr gut haushalte. „Ich habe mein Geld immer gleich zurückgelegt und war seit drei Jahren nicht mehr auf Urlaub.“ Große Ausgaben kalkuliert sie für alle Fälle schon lange im Voraus. „Es wird immer schwieriger. Aber es gibt sicher Leute, denen es schlechter geht“, sagt sie und nennt einen entscheidenden Faktor: „Ich bin echt froh, dass ich immer berufstätig war, auch mit Kind – so schwer es war.“ 

Auch die zweite Pensionistin kann einen beachtlichen Lebenslauf vorweisen. Und sie ist auch weiterhin beruflich aktiv. „Da ich auch mit Kleinkind mein ganzes Leben lang gearbeitet und ein gutes Gehalt bezogen habe, kann ich mit meinem Pensionseinkommen recht gut leben“, sagt sie. „Ich gehe nicht jeden Tag ins Wirtshaus und kaufe auch nicht dauernd neue Kleider. Aber ich muss auch nicht jeden Groschen umdrehen.“

„Als Single bin  ich  für alles alleine zuständig. Reparaturen, laufende Kosten.“

von Eine Pensionistin

Jungen Menschen empfiehlt sie, die Pensionsansparungen nicht kleinzureden. „Ein zweistufiges System ist heutzutage sinnvoll. Es braucht zusätzliche Mittel, um in der Pension gut durchzukommen.“ Und: unbedingt weiterarbeiten – vor allem Frauen.

Finanzexpertin Eva-Maria Weidl kann das nur unterstreichen. Single-Sein sei kein Luxus, aber definitiv eine Herausforderung, der man nicht blauäugig begegnen sollte. „Single-Sein bedeutet, konsequent durchdenken und durchplanen zu müssen“, sagt sie. Das beginnt schon bei der Berufswahl. Denn so nüchtern es klingt: Wer sich alleine ein gutes Leben leisten will, muss entsprechend verdienen. Für Martina Ernst führt deshalb an Gehaltsverhandlungen kein Weg vorbei: „Wer nicht verhandelt, verschenkt finanzielle Sicherheit.“ Und die braucht man als Single allemal.

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