Wirtschaft | Karriere
12.08.2017

Sind Praktika Einstieg in den Job oder eher Ausbeutung?

Mit 18 Jahren Maturant, mit 21 Bachelor, mit 23 Master. In Mindeststudienzeit und mit Bestnoten. Danach ins Berufsleben einzusteigen, ist oft trotzdem schwer. Praktika sollen dies erleichtern. Aber tun sie das wirklich?

"Generation Praktikum" wird sie gerne genannt. Das Schlagwort geistert schon lange durch die Medien. Der Mythos hält sich hartnäckig: Ein Bachelor- oder Masterabschluss alleine scheint heute kein Garant mehr dafür zu sein, direkt nach dem Studium einen Job zu finden. Minderbezahlte Praktika ersetzen heute zunehmend den herkömmlichen Berufseinstieg.

Praktika und Volontariate sollen Studierenden die Möglichkeit geben, schon während des Studiums Erfahrungen zu sammeln und den Einstieg in die Berufswelt zu erleichtern. Einige Fragen muss man sich dabei aber stellen: Wer profitiert wirklich von Praktika? Werden Praktikanten nur ausgenutzt, zu wenig entlohnt und dürfen am Ende sowieso keine Verantwortung übernehmen? Mangelnde soziale Absicherung, Umgehungsverträge, Ausbeutung als vollwertige Arbeitskräfte sind dabei die Hauptkritikpunkte. Vieles sei jedoch Schwarzmalerei und entspricht nur teilweise der Realität. Eine Studie der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) aus dem Jahr 2013 zeigt aber, dass 13 Prozent auch nach Studienabschluss noch mindestens ein Praktikum absolvieren. Ein Viertel davon ist unbezahlt.

Wie sieht das die Jugend?

Zu diesem Thema haben wir uns mit einem Architektur-Studenten aus Wien unterhalten. Oliver Bahnasy glaubt, man hätte ohne Praktika anfangs wenig Chance, sich am Arbeitsmarkt zu behaupten. Arbeitgeber wollen keine blutigen Anfänger, die nur theoretisch über die Materie Bescheid wissen, sagt er. "Ich bin zwar immer gut behandelt worden, habe aber von Kollegen gehört, dass Praktikanten oft ausgenutzt werden, gerade wenn es um die Bezahlung geht. Trotzdem ist es der perfekte Einstieg und ermöglicht einem schnelle Aufstiegsmöglichkeiten zur Festanstellung", meint der 23-Jährige.

Und trotzdem ist Bahnasy der Meinung, dass eine geringere Bezahlung von Praktikanten gegenüber Festangestellten grundsätzlich gerechtfertigt ist.

Wie sehen das Unternehmen?

Dominik Gries, Pressesprecher der Wiener Linien, hat dazu Stellung genommen. Für das Unternehmen ist es wichtig, Praktikanten die Möglichkeit zu geben, ins Unternehmen zu schnuppern, um junge Talente zu identifizieren. Die Wiener Linien möchten sich dadurch auch als attraktiver Arbeitgeber präsentieren. Keine Entlohnung für Praktikanten hält er für unfair: "Sie sollten selbstverständlich nicht unbezahlt bleiben. Wir erwarten ja auch etwas von ihnen." Es sei aber branchenabhängig, wie schwer es Uni-Absolventen hätten, aus ihrem Praktikums-Dasein in die Vollbeschäftigung umzusteigen.

Auch der Lebensmittelriese Hofer KG sieht in einem Praktikumsverhältnis eine Win-win-Situation für beide Seiten. Häufig arbeiten ehemalige Praktikanten nach Beendigung ihres Studiums im Unternehmen sogar weiter. Wie uns Hofer schriftlich bestätigt, werden Management-Praktikanten dabei mit einem Bruttomonatsgehalt von 2400 Euro überdurchschnittlich entlohnt. Das Unternehmen betrachtet dies als Investition in die Zukunft.

Die Rechtssituationfür Praktikanten ist laut Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz nicht immer eindeutig. Zumeist handle es sich dabei nicht um reguläre Arbeitsverhältnisse, sondern um ein freies Dienst- oder Ausbildungsverhältnis. Diese unterliegen grundsätzlich nicht dem Schutz des Arbeitsrechts, was unter anderem kein Gehalt nach dem Kollektivvertrag beinhaltet.

Weder ein schneller Studienabschluss, noch Praktikumsnachweise im Lebenslauf sind ein Garant dafür, nach dem Studium sofort in die Vollbeschäftigung einzusteigen. Gute Nachrichten gibt es für Studierende trotzdem: Dem AbsolventInnen-Tracking der Universität Wien zufolge finden Studienabgänger je nach Studienrichtung durchschnittlich nach 3 (Bachelor) bzw. 2,5 Monaten (Master) eine Festanstellung.

- Barbara Heiss