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Wirtschaft | Karriere
07/08/2019

Sharing Economy: Lieber Kurzzeit-Nutzer als Langzeit-Besitzer

E-Scooter und Urban-Gardening-Gemüse an jeder zweiten Straßenecke: Wer und was hinter der Sharing Economy steckt.

Der junge Mann bremst an der Ecke, steigt vom E-Tretroller ab und lässt ihn auf den Gehsteig fallen. Dumpf schlägt das Gerät auf dem Asphalt auf. Vorbeikommende Menschen steigen unaufgeregt drüber. Am nächsten Morgen liegt der Roller immer noch dort.

E-Tretroller zum Ausleihen sind aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Wie Unkraut sprießen sie auf den Gassen, sechs Anbieter gibt es allein in Wien bereits. Man borgt sie aus – ein paar Euro für ein paar Minuten. Aber nicht nur Roller, auch Fahrräder, Mopeds und Autos holt man sich bei Bedarf.

Von Kinderspielsachen über Hühner, Wasch- und Bohrmaschinen, Musik, bis hin zu Wohnungen, Büros und Gärten – die Zahl der vifen Teil- und Leihmodelle, die bieten, was man nur temporär braucht, wächst.

Was steckt dahinter?

Zusammengefasst werden diese Geschäftsmodelle unter dem Begriff Sharing Economy. Genau eingrenzen lässt sich der aber nicht. „Er wird für Dienstleistungsplattformen, Vermietungsplattformen, für nicht-monetäre Weitergabeplattformen von Haushaltsgegenständen oder Lebensmitteln wie auch für andere Projekte und Geschäftsmodelle verwendet“, heißt es im „Branchenreport Sharing Economy“ der Arbeiterkammer Wien (AK Wien). So weit, so undurchsichtig.

Es wird noch komplizierter: Man kann Güter und Dienstleistungen teilen, Privatpersonen und Unternehmen können Anbieter und Abnehmer sein. Und: Viele Anbieter teilen nicht, sie vermieten oder verkaufen auch. Was also ist der Sharing-Trend?

Bücher: Ja. Zahnbürste: Nein

Experten konnten sich bislang darauf einigen: Die Bewegung ist aus einem kollektiven Bedürfnis der Bevölkerung heraus entstanden. „Das hat sich nicht einer allein im Hinterzimmer ausgedacht, dieser Trend kommt aus der Gesellschaft heraus“, sagt Dieter Bögenhold, Vorstand des Instituts für Soziologie an der Uni Klagenfurt.

„Wir teilen, was nicht allzu privat ist. Bücher: Ja. Hygieneartikel: Nein.“

Sebastian Vith von der WU | über Gegenstände, die wir teilen und leihen

Als kleinster gemeinsamer Nenner fungiert hierbei also eine Community, aber auch Apps oder Plattformen machen sie aus. 121 solcher hat die Arbeiterkammer für den deutschsprachigen Raum in ihrem Branchenreport gezählt – das war 2017. Heute seien es weit mehr, sagt der Studienautor des Reports, Simon Schumich von der AK Wien.

Allein in Wien gibt es über 300 Sharing Economy Organisationen, wie die Wiener Plattform www.sharing-economy.at kürzlich zusammengefasst hat. Gefragt, was wir denn eigentlich am liebsten teilen, sagt einer der Macher dieser Plattform, Sebastian Vith von der WU: „Wir teilen, was nicht allzu privat ist. Bücher: Ja. Hygieneartikel: Nein.“ Sharing über solche Plattformen sei grundsätzlich ein städtisches Phänomen.

Zuwachs an Diensten

Die Art und Zahl der Anbieterlässt darauf schließen, was die Österreicher am häufigsten und liebsten teilen: alles, was in den Mobilitäts- und Transport-Sektor fällt. Zu finden sind im AK-Branchenreport aber auch Funding- und Investing-Plattformen und Online-Marktplätze wie Shpock oder Plattformen, wo Dienstleistungen wie Putzhilfevermittlung, dazu gehören.

„Austauschplattformen, wie eBay oder Shpock, bleiben im Trend. Richtig gewachsen sind in den vergangenen Jahren aber Airbnb, der E-Scooter-Sektor und On-Demand-Services, wie etwa Clickworker“, sagt Simon Schumich von der AK.

Sozialer Hintergrund...

Als der Begriff erstmals auftauchte,ging es darum, leer stehenden Raum oder selten verwendete Ressourcen stärker zu nutzen. „Seit das Smartphone in der breiten Masse verfügbar ist und es allen möglich ist, zu teilen, sprechen wir von dem Begriff Sharing Economy, wie wir ihn heute kennen“, sagt Sebastian Vith von der WU.

„Die meisten Modelle haben im Kern auch immer noch einen ökologischen oder sozialen Gedanken. Innerhalb der unterschiedlichen Sharing-Kategorien kann es aber riesige Unterschiede geben.“

...mit wirtschaftlichem Benefit

Zusätzlich zur sozialen Komponente kam schnell die wirtschaftliche. „Das sieht man an Daimler und BMW – sie sind drauf gekommen, dass sie ihre Autos auch gut vermieten können“, sagt Schumich. „In dieser profitorientierten Shared Economy passieren viele strukturelle Veränderungen, die ganze Branchen umkrempeln.“

Airbnb etwa revolutionierte Schritt für Schritt die Vermietung und erschüttert heute Hotellerie und die Immo-Branche; die Taxifahrer wiederum protestieren gegen Uber. Dabei passiert etwas Interessantes:, so Simon Schumich: „Die jungen Anbieter unterbieten die Großen, verändern den Sektor disruptiv. Das wiederum animiert die Großen, ihre Modelle zu überdenken – und das hebt die ganze Qualität an.“

Leihen als Geschäftsmodell

Eine weitere Branche, die Veränderung erfährt, ist die Bekleidungsindustrie. In den vergangenen Jahren haben Shpock, Kleiderkreisel und Leila (Leihladen) das Bewusstsein dafür sensibilisiert, Konsum zu drosseln. „Die großen Hersteller erkennen, dass Teilen in der Mode kein bloßer Trend ist – es ist Teil der Strategie, so kann man in der Industrie weiterhin Geld machen. Es geht um Diversifizierung“, sagt Karin Kuranda, die Macherin von Endlos Fesch, einem Verleih für Alltagskleidung. „Die Menschen, die leihen, sind eine neue Zielgruppe. Die Marktanteile hier sind groß.“

„In der profitorientierten Shared Economy passieren viele strukturelle Veränderungen, die ganze Branchen umkrempeln.“

Simon Schumich von der AK Wien

Das Handelsunternehmen Tschibo hat diesen Markt bereits entdeckt. In Deutschland kann man online Kinder- und Umstandsmode oder Spielzeug ausliehen. Auch Mediamarkt und Saturn verleihen in Deutschland – für 49,90 Euro im Monat gibt es zum Beispiel das Apple iPhone X.

Am beliebtesten ist die Sharing Economy übrigens in Irland; hierzulande nutzen 62 Prozent der Österreicher Plattformen zum Tauschen, Leihen und Teilen. In Zukunft werden es wohl noch mehr: Die Europäische Kommission sieht den Markt in Europa bis 2020 auf 572 Milliarden Euro wachsen.