Ute Kranz, 39, packte vor einem Jahr die Koffer und ging auf Weltreise. Unterwegs fand sie heraus, wie sie in Zukunft arbeiten möchte

© /Fabian Stürtz

Aussteigerin
12/22/2015

Raus aus dem alten Leben

Ute Kranz kündigte Job und Wohnung. Auf ihrer Weltreise fand sie neuen Sinn in der Arbeit.

von Magdalena Vachova

15. 7. 2014. Ab diesem Tag sollte sich Ute Kranz’ Leben für immer verändern. Denn an diesem Dienstag kündigte die damals 38-Jährige ihre Wohnung, einige Monate davor auch ihren Job. Fast alles, was sie besaß, verkaufte sie. Den Rest verstaute sie in einem sechs Quadratmeter großen Lager in Köln, dem Ort, an dem sie bislang lebte. Ab 15. Juli vergangenen Jahres ließ Kranz das zurück, was sie nicht mehr wollte: ihr altes Leben, ihren alten Manager-Job, das Hamsterrad von früh bis spät, Druck, Stress. "Ich funktionierte nur noch. Wenn ich mal Freizeit hatte, ging es nur mehr um die Erholung von der Arbeit. Das konnte und wollte ich nicht mehr", erinnert sie sich.

Was ihr bevorstand, wusste sie zu dem Zeitpunkt nicht genau. Sie wollte nur: Reisen, fotografieren, schreiben – das war es, was sie erfüllte. Kreatives Arbeiten und Zeit haben zum Nachdenken waren aber ein Luxus, den sie sich nur auf ihren Urlaubsreisen gönnte. 2012 rief sie ihren Blog brave bird ins Leben, um ihre Erfahrungen aus den bereisten Orten zu teilen und Frauen dazu zu ermutigten, alleine zu reisen. Im Blog machte sie sich auch regelmäßig Gedanken zum Thema Erfüllung, Lebenssinn und Ausstieg. Inspiration dafür kam ihr während eines Urlaubs auf Hawaii, wo sie einen obdachlosen Surfer kennenlernte. "Er hatte kein Dach über dem Kopf, dafür unendliche Freiheit. Das hat mir imponiert – und das war der entscheidende Punkt. Ich dachte: Ich möchte frei sein."

Konnte der Luxus von Reisen und Schreiben aber wirklich Alltag werden? Kann man überhaupt mit allem aufhören, alles hinter sich lassen? Und was kommt danach? Das waren Fragen, die sie immer wieder am Ausstieg hinderten. Eines Tages – wenige Tage nach dem 15. Juli 2014 – war sie aber so weit. Kranz kaufte einen alten VW Camper, packte Hund, Rucksack und ihr gesamtes Erspartes zusammen und fuhr los, um Antworten auf ihre Fragen zu erhalten – in ein neues Leben.

Sie begab sich auf eine Reise ohne genaue Route, Ziel und absehbares Ende. Sie wollte keine Auszeit, sie wollte einen Ausstieg. "Ich wollte nicht mehr in das alte Kapitel zurück. Es war mein Ziel, nicht mehr dorthin zurückkehren zu können – man wird sonst sehr bequem." Das Einzige, worauf sie sich verließ: "Die 50.000 Euro, die ich angespart hatte, sollten für mindestens ein bis zwei Jahre reichen."

Ein Jahr unterwegs

Sie fuhr mehrere Wochen durch Nordeuropa, sah sich Australien, die Südsee, Thailand, Myanmar und Laos an, verbrachte viel Zeit in Kuba, Mexiko und Vietnam. "Die Zeit hat sich unterwegs verändert, alles wurde langsamer." Auf Reisen, ganz allein, komme man auf den Boden, lerne sich kennen, stellte sie fest. Auch Zweifel und Ängste kämen auf. "Man weiß vorher nicht, wie man sich fühlen wird. Es gibt Orte, die sind wunderschön, an anderen kann man sich einsam fühlen." Die Freiheit könne so groß sein, dass man irgendwann den roten Faden verliert.

Sie schaffte es aber, an ihrem roten Faden – dem Blog – festzuhalten: "Er lief gut und ich hatte irgendwann die Gewissheit, dass ich damit ortsunabhängig arbeiten und Geld verdienen könnte." Eines Tages – Kranz ließ die Seele gerade in Laos baumeln – hatte sie eine Idee. Ein praktischer, raffinierter Rucksack für Frauen, der für Weltreisen, aber auch für Kurztrips tauglich sein muss – so etwas würde sie gern kreieren.

Sie schrieb gelassen einige deutsche Hersteller an – und tatsächlich betraute sie eine Firma schließlich mit der Konzeption. Schritt für Schritt, ohne Druck und Stress kam Kranz während ihrer Reise auf Geschäfts-Ideen für ihr Leben "danach": Sie möchte Bücher und Reiseführer schreiben, Reise-Produkte konzipieren, Vorträge halten, brave bird zur Marke machen.

Seit Juli ist Ute Kranz wieder in Köln. Ihre Pläne gehen Punkt für Punkt auf. "Ich habe wieder Lust, zu arbeiten – aber nur an Dingen, die ich selber gestalten kann."

Auszeit ist nicht gleich Ausstieg. Bei einer Auszeit, einem Sabbatical etwa, plant man wieder zurückzukommen, den alten Job mit neuer Gelassenheit wieder aufzunehmen. Ein Ausstieg ist ein Schritt ins Ungewisse. Man lässt sich darauf ein, das alte Leben zurückzulassen und offen für Neues zu sein. Wie das gelingen kann?
„Such dir Vorbilder. Es gibt viele Menschen, die ungewöhnliche Wege gehen und darüber bloggen oder Bücher schreiben. Zudem helfen auch Coaches herauszufinden, wie für einen persönlich ein besseres Leben aussehen kann, was mehr Sinn machen könnte“, sagt Ute Kranz.
Sie rät auch, nicht zu viel auf andere zu hören. „Man hat oft Träume und fixe Gedanken, die andere nicht nachvollziehen können“, sagt sie. Man solle sich nicht von ihnen abbringen lassen und auf die innere Stimme hören. „Hört man auf alle die meinen, man könne es nicht schaffen, kann man leicht den Mut verlieren.“
Zuletzt: „Sei dir deiner Fähigkeiten bewusst“, rät Kranz. „Man muss immer wissen, womit man im Fall, dass alle Stricke reißen, Geld verdienen kann.“