Alpengummi-Gründerinnen Sandra Falkner (l.) und Claudia Bergero setzen auf nachwachsende Rohstoffen und altes Handwerk

© Alpengummi

Wirtschaft Karriere
01/25/2020

Nachhaltig und wirtschaftlich: Vier Start-ups zeigen wie's geht

Die Jungen suchen nach Jobs mit Sinn. Wie Unternehmen darauf reagieren und warum einige sich die Jobs einfach selbst schaffen.

von Teresa Richter-Trummer

Macht der Masse? War einmal. Heute heißt das Zauberwort: Macht der Minderheit. Jedenfalls, wenn es um die Jungen und ihre Zukunft auf dem Arbeitsmarkt geht. Denn die Generation Z – also nach 1995 Geborene – hat in Sachen Jobmöglichkeiten einen Trumpf im Ärmel. Einen demografischen Trumpf.

2040, so meldet die Statistik Austria, dürfte die Bevölkerung im Alter von 60 Plus um 50 Prozent größer sein als 2018. Das bringt jede Menge Probleme mit sich, aber für die ganz Jungen bedeutet das auch: Die jetzt schon vom Fachkräftemangel geplagten Unternehmen werden ihre Arbeitskraft brauchen. Und dieses Gebrauchtwerden lassen sich die Jungen etwas kosten.

Sinnstiftung - für Firmen eine Herausforderung

Allerdings wollen sie mehr als nur Geld. Sie wollen Sinn – „Purpose“, wie es in der Wirtschaft heißt. „Unsere Gesellschaft wandelt sich von einer Wert- zu einer Werteorientierung. Die digitale Transformation der vergangenen 25 Jahre führt dazu, dass vor allem die Millennials und die Gen Z mit kritischen Augen auf die Welt und unser Tun blicken“, sagt dazu Markus Höfinger, Managing Director Accenture Interactive Austria.

Sinnstiftung, so zeigt eine aktuelle Accenture Studie, wird 2020 daher für Unternehmen die größte Herausforderung überhaupt. Höfinger: „Karriere und Verdienst ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil im Berufsleben.

Nach Uniabschluss ins Praktikum

Aber mittlerweile zählen auch andere Aspekte.“ Was auch damit zu tun hat, dass die Jungen aus den Problemen ihrer Vorgänger– den Y – gelernt haben: Diese mussten die Finanzkrise 2008 verkraften und einsehen, dass – selbst wenn man es trotz Zugangsbeschränkungen zum Uniabschluss schaffte – oft nur ein Praktikum wartete.

Weil nämlich die unbefristeten Stellen mit den großzügigen Kollektivverträgen von Alteingesessenen besetzt waren: Unter 30-Jährige hatten im Jahr 2017 um 16 Prozent geringere Einkommen als unter 30-Jährige 2004. Die Generation Z hat, so scheint es, das Streben nach dem dicken Dienstauto weitestgehend aufgegeben.

Fairmittlerei: Upcycling statt Abfall

„Ich glaube, dass es vielen jungen Menschen gut geht und sie sich keine Sorgen machen müssen, wo das Essen herkommt, wie es bei unseren Großelterngenerationen noch war“, erklärt Michael Reiter, Gründer der „Fairmittlerei“, die mit dem Konzept Abfallvermeidung und Upcycling Gewinner des Umweltpreises der Stadt Wien 2018 wurde.

Und da man sich um das tägliche Überleben nicht sorgen muss, sorgt sich die junge Generation eben um etwas anderes: Den Zustand der Welt. Was sich direkt auf ihre Berufsvorstellungen auswirkt. Dass für die Jungen soziale- oder ökologische Fragen hohe Priorität haben, ist heute nicht nur bei NGOs wie der Fairmittlerei, sondern auch bei großen Unternehmen angekommen.

Die Idee kam Michael Reiters 2015, im Jahr darauf wurde daraus eine NGO: Non-Food-Produkte, die von Handel und Industrie nicht mehr verkauft werden, vermittelt Reiter an gemeinnützige Organisationen.

Gutes tun, Geld verdienen: Geht das? „Ja, das geht! Das muss gehen! Ein paar Einschnitte muss man hinnehmen, aber das, was man dafür zurück bekommt, ist es allemal wert, diesen Weg einzuschlagen.“

Warum will die junge Generation Jobs mit Sinn? „Es ist wohl so, dass „schneller, höher, weiter“ nicht mehr für alle wichtig ist. Was ich sehr gut finde. Man kann auch mit weniger Materiellem rund um sich glücklich sein – wenn nicht sogar glücklicher.“

Was rät man Jobeinsteigern? „Sucht euch, was euch Spaß macht und macht es einfach. Ja, man verdient vielleicht weniger, aber man lernt extrem viel und man hat jede Menge Spaß. Ich kann dafür Praktika, Ferialjobs und ehrenamtliche Tätigkeiten nur empfehlen.“ 

Nachhaltigkeit in Jobbeschreibungen

Im Kampf um die besten Mitarbeiter bedient man daher die guten Vorsätze der Generation Weltverbesserer: So hat die Billig-Modekette H&M mittlerweile eine „Nachhaltigkeitsabteilung“.

Die Spar-Gruppe, mit 84.000 Menschen einer der größten privaten Arbeitgeber im Land, bietet auf ihrer Website „Jobs mit Integrationskraft“. Und wer sich für eine Stelle bei den ÖBB interessiert, erfährt, dass er dann für eine der „modernsten, zuverlässigsten und umweltfreundlichsten Mobilitätsketten Europas“ tätig wäre .

„Zusätzlich zum Anspruch, Sinn in ihrer Tätigkeit zu erkennen, haben junge Talente ein Bedürfnis nach Selbstbestimmtheit. Unsere Mitarbeiter etwa haben die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit vollkommen flexibel zu gestalten“, erklärt Höfinger. Er weiß, dass Unternehmen heute solche Mehrwerte bieten müssen: „Das ist die einzige Möglichkeit, will man junge Talente im Unternehmen halten.“

Alpengummi: Kein 08/15-Bürojob

Keine einfache Sache. Denn viele Junge suchen – einerseits wegen der Selbstbestimmung, andererseits wegen der monetär oft ungerechten Bevorzugung von Alteingesessenen – nicht bei bestehenden Firmen nach Berufen mit Weltverbesserungspotenzial, sondern schaffen sie einfach selbst. Wie etwa Claudia Bergero und Sandra Falkner.

Die Idee zu ihrer Firma „Alpengummi“ – Kaumasse aus heimischem Föhrenharz und Bienenwachs – hatten sie während einer gemeinsamen Lehrveranstaltung. Anfangs ging es dabei um Innovation im Forstsektor, entstanden ist ein Business, das auf der alten österreichischen Tradition der Pecherei basiert. Falkner: „Die neue Generation stellt Glück über Geld – sie versteht nicht mehr, warum man sein ganzes Leben lang schuften sollte, um dann viel Geld zu haben, aber keine Zeit, es auszugeben.“

Claudia Bergero und Sandra Falkner  wollen Teil der Lösung sein. Daher gründeten sie „Alpengummi“ und machen nachhaltige Kaugummis: Aus heimischem Föhrenharz und Bienenwachs.

Warum habt ihr gegründet? „Weil es für uns als Umweltwissen- schafterinnen klar war, dass wir keinen 08/15-Bürojob ausüben wollten, der das jetzige – nicht-nachhaltige – System perpetuiert.“

Schlägt Glück Geld? „Natürlich muss man ein gewisses Einkommen haben, um auszukommen. Aber es ist ja nicht nur Geld, mit dem man entlohnt werden kann. Jede positive Rückmeldung zu unserer Idee und unserem Produkt ist wie Balsam für die Seele.“  

Was ratet ihr der Generation Z? „Dran bleiben, nicht den Mut verlieren, über den Tellerrand blicken. Und eventuell selbst was starten – für viele Probleme gibt es nämlich noch keine adäquaten Lösungen.“

Die Jungen, so meint sie, erkennen, dass das jetzige System den Menschen und dem Planeten schade: „Sie sehen die Verantwortung, die sie haben und wollen dieser gerecht werden.“ „Die Werte-Verschiebung findet zwar langsam statt, aber doch. Nicht umsonst erlebt die Start-up-Szene im sozial-ökologischen Bereich seit einigen Jahren einen starken Aufwärtstrend“, fügt Bergero hinzu.

Unverschwendet: Die Obstretter

In diesem Aufwärtstrend fliegt auch das Start-up „Unverschwendet“. „Wir kaufen Obst und Gemüse von den Landwirtinnen aus dem Großraum Wien, das für den Markt zu klein, zu groß, zu krumm, oder einfach zu viel ist und machen daraus Marmelade, Chutney, Senf und vieles mehr“, erklärt Cornelia Diesenreiter, Co-Gründerin und CEO ihr Business-Konzept.

Gutes tun und damit seinen Lebensunterhalt verdienen steht für sie in keinem Widerspruch: „Wir arbeiten im Sinne des Drei-Säulen Modells der Nachhaltigkeit: Soziales, Ökologie und Ökonomie. Vernachlässigt man die ökonomische Säule, dann ist kein langfristiges Wachstum möglich und je mehr wir wachsen, umso mehr können wir bewegen.“

Cornelia Diesenreiter und ihr Bruder Andreas starteten „Unverschwendet“ und machen aus gerettetem Obst und Gemüse  nachhaltige Feinkost.

Gutes tun und Geld verdienen? „Das steht für mich nicht im Widerspruch. Für eine nachhaltige Lösung braucht es  die ökonomische Grundvoraussetzung eines funktionierenden Business Models.“

Wie hart ist Gründen? „Nachhaltigkeit ist ein unglaublich komplexes Thema. Trotzdem ist es gut, einfach vom Denken ins Tun überzugehen und es gibt schnell viele kleine Erfolge und ganz viel Freude. Das Arbeiten in einem Start-up ist sicherlich kein Zuckerschlecken und man verdient zumindest anfangs relativ wenig. Aber man kann sich dabei verwirklichen und einen wertvollen Beitrag leisten.“

Job oder Leben? „Wir verbringen einen Großteil unserer Lebenszeit mit Arbeit und ich finde es fantastisch, dass es immer mehr Menschen wichtig ist, etwas Sinnvolles zu tun als schnell viel zu verdienen.“

Dass Arbeit mit gesellschaftlicher Wirkung für die junge Generation immer wichtiger wird, versteht sie: „Es gibt nichts Schöneres, als seine Kraft und Lebenszeit etwas zu widmen, das Sinn macht und nicht nur die Miete zahlt. “

Doch Diesenreiter weiß auch: „Nachhaltigkeit ist ein unglaublich komplexes Thema, für das es keine einfachen, schnellen Lösungen gibt. Und das Arbeiten in einem Start-up ist sicherlich kein Zuckerschlecken. Man verdient – zumindest anfangs – relativ wenig.“

Refurbed.at: Aus Alt mach Neu

Ob man von weltverbessernden Ideen überhaupt leben kann? „Diese Frage haben wir uns eigentlich nie gestellt. Wir waren damals sehr überzeugt von dem Gedanken, dass man nachhaltig Einkaufen kann und die Produkte günstiger als Neuware sind“, erinnert sich refurbed.at Co-Gründer Peter Windischhofer.

2017 gegründet zählt die ressourcensparende online Plattform für erneuerte Handys, Tablets und Laptops heute 100.000 Kunden, ist in den Top-10 der Jahrescharts von Google Österreich und sammelte zahlreiche Auszeichnungen ein.

Der Altersdurchschnitt der über 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter liegt bei 26 Jahren. Nachhaltig ist man trotz des Erfolgs geblieben. Windischhofer: „Für jedes verkaufte Gerät pflanzen wir einen Baum in Madagaskar, Haiti und Nepal.“

In nur zwei Jahren entwickelte sich das  Green-Tech-Unternehmen von  Co-Gründer Peter Windischhofer zu dem am schnellsten wachsenden Marktplatz für erneuerte Produkte im deutschsprachigen Raum.

Was macht refurbed.at?  „Wir revolutionieren nachhaltiges Shopping. Refurbed bietet vollständig erneuerte Handys, Laptops, Tablets und vieles mehr – bis zu 40 % günstiger und 100 % nachhaltiger. Nachhaltigkeit wird sozusagen salonfähig.“

Wollen Junge Sinn? „Auf jeden Fall! Gesellschaftlich erleben wir eine Verschiebung der Prioritäten und des Bewusstseins. Im Bezug auf die Wirtschaft und die Arbeitswelt ist das eine spannende Bewegung.“

Und Geld?  „Die Spitze der  Pawlowschen Bedürfnispyramide ist  ja Selbstverwirklichung, nicht die extra Null am Lohnzettel.  Was  keineswegs bedeutet, dass sie nicht mit finanziellem Erfolg einhergehen kann.“

Moralisch vertretbare Job - es gibt sie also. Aber wie können Junge, die etwas bewegen wollen, sie finden? Alpengummi-Chefin Bergero hat drei Vorschläge: „Dran bleiben, nicht den Mut verlieren, über den Tellerrand blicken.“

Ihre Kollegin Falkner rät: „Starten! Nicht zu viel nachdenken – die Idee sollte natürlich überlegt sein und Potenzial haben, aber man sollte sich nicht zu sehr in Details und Zukunftsfragen verfangen.“ Denn, so Falkner: „Mit der Zeit wird sich vieles klären.“ Wohl auch, was der Berufsalltag aus den guten Jobvorsätzen der Generation Z macht.