„Mensch ist Mittel, nicht Mittelpunkt“

© Bild: Alek Kawka

Bei einer „Würde und Management“-Debatte an der Wirtschaftsuni Wien teilte Ökonom Johannes Steyrer gegen Philosophinnen und Theologen aus.

KURIER: Wie würdevoll ist arbeiten in Österreich?

Johannes Steyrer: Ich weigere mich, hier über würdevoll zu reden. Arbeitszufriedenheit lässt sich messen, Würde nicht. 90 Prozent der Österreicher sind mit ihrer Arbeit sehr zufrieden oder zufrieden.

Bei einer WU-Diskussion vergangene Woche sagten Sie, die Moraldebatte sei verlogen und sprachen von „moralisierender Gefühlsduselei“ – warum?

Ich habe nichts gegen Moraldebatten. Auch Unternehmen müssen sie führen. Ich habe aber Probleme mit dem Würde-Begriff, der meines Erachtens mehr verstellt als er erhellt. Im theologischen Zusammenhang rechtfertigt er die Sonderstellung des Menschen, sich die Erde untertan zu machen. Damit wurde die totale Ausbeutung der Welt religiös legitimiert.

Arbeitgeber sind heute oft sozial engagiert, gleichzeitig erwarten sie von Mitarbeitern Flexibilität und ständige Erreichbarkeit. Wie passt das zusammen?

Machen wir uns nichts vor: der innere Wert eines Menschen ist für Unternehmen zweitrangig. Arbeitnehmer sind für Unternehmen in erster Linie Leistungsträger. Wenn Arbeitgeber davon sprechen, dass der Mensch im Mittelpunkt stehe, sind das Lippenbekenntnisse. Der Mensch ist Mittel, nicht Mittelpunkt. Das Instrumentalisierungsverbot von Immanuel Kant, wonach der Mensch niemals Mittel zum Zweck sein darf, geht völlig an der Realität von Unternehmen vorbei.

Wieso diese negative Haltung zum Würdebegriff?

Weil er ein gutes Beispiel dafür ist, wie abstrakte Begriffe mit einer generalisierenden Aura des Guten aufgeladen werden, bis niemand mehr etwas dagegen sagen kann. Mit dem Begriff werden dann zum Beispiel Chancengleichheit, Menschen- oder Freiheitsrechte verknüpft, gegen die kein vernünftiger Mensch argumentieren wird. Gleichzeitig wird so festgelegt, was richtig und falsch, schwarz und weiß ist. Es werden kategorisierende Feindbilder kultiviert. Im Fall der Menschenwürde-Debatte nützen das beispielsweise dann jene, die in einem moralisierenden Duktus die „böse“ Marktwirtschaft anprangern, in der die „wahren“, die inneren Werte verloren gehen.

Einfache Arbeiten werden heute in Billiglohnländer ausgelagert. Warum gibt es noch Lohndumping?

Unternehmen sind untereinander in einem Konkurrenzkampf. Das ist Marktwirtschaft: Von der Konkurrenzdynamik profitieren wir letztlich alle. Unzulässiges Lohndumping muss mit entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen konsequent bekämpft werden. Auch das ist keine Frage der Würde, sondern des Arbeitsrechts.

Recht ist ja nichts anderes als festgeschriebene Spielregeln, die Moral und gesellschaftlichem Frieden dienen sollen. Also doch Menschenwürde?

Ich bin sehr wohl der Meinung, dass unsere Rechtsnormen ethische Standards brauchen, um überhaupt formuliert werden zu können. Ich bezweifle lediglich, dass der Begriff Würde weiterhilft. Beispielsweise kann ich im Namen der Würde höchst abwegig argumentieren: „Es ist unter meiner Würde, Frauenarbeit wie kochen zu machen“, oder „Es entspricht nicht der Würde der Frau, ihr Gesicht in der Öffentlichkeit unverhüllt zu zeigen.“ „Würde“ ist eine Leerkategorie, die mit höchst Fragwürdigem gefüllt werden kann.

Die Generation Z will die Gesellschaft verändern, heißt es. Haben die Jungen mehr Gespür für Würde?

Wir haben an der WU in einer Langzeitstudie verschiedene Werthaltungen der Generationen abgefragt. Ergebnis: Kein Unterschied. Die Generation Y legt nicht mehr Wert auf Work-Life-Balance als die Generation X. Und nein, ich glaube nicht, dass den Jüngeren die Menschenwürde wichtiger ist. Auch deswegen, weil ihre Karrierechancen viel schlechter sind als die ihrer Eltern.

Automatisierung und Roboter sind am Arbeitsmarkt Thema. Wo bleibt die Menschenwürde?

Da steht uns die finale Kränkung bevor. Nachdem wir feststellen mussten, dass wir nur höher entwickelte Primaten sind, die vielfach vom Unbewussten beherrscht werden, werden wir als nächstes die noch größere Kränkung aushalten müssen, dass künstliche Intelligenz uns weit überlegen sein wird. Wir Menschen schaffen uns gewissermaßen selber ab. Vermutlich wird dann niemand mehr von Menschenwürde reden.

( kurier.at , av ) Erstellt am 15.05.2018