Marcel Koller lässt seine Spieler sein, wie sie sind

© REUTERS/HEINZ-PETER BADER

Wirtschaft Karriere
06/14/2016

Marcel Koller, der Spielerflüsterer

So führt Österreichs Teamchef Marcel Koller: Er will gefürchtet und geliebt werden – sein Team eint er wie kein anderer.

Seit 2011 ist der Schweizer Marcel Koller Trainer der österreichischen Fußball- Nationalmannschaft. Seine Management- Idee vom Spiel: Aggressiv verteidigen,
früh provozieren, nicht zurückweichen, Leidenschaft zeigen. Ein Einblick in die „Kunst des Siegens“ von Spielerflüsterer Marcel Koller:

Der Spielerflüsterer und seine Führung

In der Schweiz hat man Marcel Koller den „Pferdeflüsterer“ genannt. Er selbst sagt: „Ich bin ein Trainer, der seine Ideen durchsetzen kann und will. Ich kann aber auch Kumpel sein. Es ist nicht so, dass ich mit der Peitsche komme und alle vor mir her scheuche. So kann niemand befreit aufspielen. Es soll so sein, dass man ein gutes Klima hat, sich wohlfühlt.“

Als Trainer will er gefürchtet und geliebt werden. „Man muss als Führungskraft in seinem ganzen Menschsein eine gewisse Wertschätzung und Akzeptanz haben. Man muss die jungen Leute gernhaben und dann spüren sie das auch und erwidern die Wertschätzung.“ Dann könne man auch leichter Regeln und Disziplin implementieren.
Für ihn sei wichtig, dass sich seine Idee vom Spiel überträgt. Er lasse jedem seine Wesensart. „Der eine ist halt extrovertierter als der andere. Das muss nichts Schlechtes sein. Zu viel Bravheit will ich auch nicht. Die Spieler sollen ja Persönlichkeiten sein.“

Leiden als Basis für den Erfolg

Marcel Kollers Karriere als Profifußballer war von vielen Rückschlägen und schweren Verletzungen geprägt. Manchmal fragte er sich, wozu? „Wenn alles gerissen war und sie das Knie unter Wasser gebogen haben. Wenn du auf dem Tisch lagst, du hast geschrien. Das waren solche Momente, wo man nur noch das Morphium herbeisehnte, um erlöst zu werden. Aber die Vorstellung, den Traum so enden zu lassen, war für mich damals noch schlimmer als die schlimmste Tortur. Das trieb mich an. Diese Leidensphasen waren im Nachhinein eine Schule der Willenskraft“, erzählt Marcel Koller.

Die Rückschläge waren für ihn prägende Erfahrungen. „Sie haben den Kopf hart gemacht“, sagt er. Hart für das Standhalten in Grenzsituationen, für das Darüberhinausgehen, für das letzte Teilstück Willenskraft, das vielleicht den kleinen, entscheidenden Vorsprung sichert. Die Leidensfähigkeit sieht er als Wettbewerbsvorteil, „als psychologische Stärke, wo andere vielleicht schon zurückweichen und wo man selbst in eine neue Dimension vorstößt. Es geht um Überwindung, um das Erweitern von Grenzen. Wenn andere zufrieden sind, muss bei dir die Unzufriedenheit einsetzen, die sagt: „Da geht noch etwas.“ Diese Haltung habe er später versucht, als Trainer auf die Spieler zu übertragen. Es fordert eine Überwindung, das in einer Gruppe durchzuziehen. Das ist nicht immer schön, und es ist auch nicht immer pädagogisch angenehm.“

„Eine Niederlage muss weh tun“

Marcel Koller mag Niederlagen nicht. Andererseits: „Wenn man im Fußball tätig ist kann man nicht das ganze Leben lang gewinnen. Man muss lernen, mit Niederlagen schöpferisch umzugehen“, so der Teamchef. Eine Niederlage müsse wehtun, sonst setzt sie keine Erkenntnisse, keine Läuterung, keinen Lernprozess in Gang.
„Es ist wichtig, dass man Niederlagen erleben darf, weil man aus ihnen mehr für sich und seine Entwicklung gewinnen kann als aus Erfolgen“, glaubt Marcel Koller.

Für ihn ist Erfolg sogar gefährlicher als die Niederlage. Erfolg hätte mehr Verführungskraft. Die Nachbetrachtung einer Niederlage sei intensiver, weil sie dazu nötigt, über Defizitäres nachzudenken. Erfolg hingegen betäubt mitunter. Da sei es ungleich schwerer, Mängel anzusprechen, weil Euphorie und Zufriedenheit alles zudecken. Koller: „Es stimmt, ich mag Niederlagen nicht. Aber sie sind notwendig. Du hast halt einfach, wenn du verlierst, mehr Fehler begangen als der Gegner. Und das nimmt man mit, um weiterzukommen.“

Vom Überschwang und der Weltklasse

Österreich zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn – diesen Zwiespalt hat auch Teamchef Marcel Koller schnell erkannt. Es habe am Anfang das Selbstvertrauen in der Mannschaft gefehlt. Und gleichzeitig gab es einen gewissen Überschwang: „Man hat sich lässig gegeben und gesagt, da haben wir fix die Punkte, dort holen wir fix die Punkte – das war für mich klassisch Österreich“, sagt Koller. Er habe sich gedacht: „Mensch, zuerst muss man spielen und dann Punkte zählen. Es war schwierig, das wegzukriegen.“ Dieses Verhalten zeigte sich auch nach der erreichten Qualifikation in Fragen wie: Werden wir jetzt Europameister? Da versuchte er dann, die Euphorie zu bremsen, und mahnte zu Nüchternheit und Realismus. „Wir haben eine gute Quali gespielt, aber das heißt im Umkehrschluss noch nicht, dass wir Anwärter auf den Europameistertitel sind. Wir sind noch nicht am Ende unserer Möglichkeiten, wir wollen die Story weiterschreiben“, mahnt Marcel Koller zu Realismus.

Für die Weltklasse brauche man vor allem Konstanz, um ganz oben mit dabei zu sein. Und nur so kann man auch oben bleiben. Die Luft sei dünn an der Spitze, da würden schon Kleinigkeiten entscheiden. „Wenn man auch diese Kleinigkeiten gut macht, dann kann man erfolgreich sein. Wenn man sie weniger gut macht, dann ist der Gegner erfolgreich“, sagt Marcel Koller.

Über Solisten und das Spiel im Team

Für Marcel Koller ist das Team als Ganzes relevant. „Man muss ein Team zusammenstellen, man kann nicht nur Solisten haben“, sagt er. „Du brauchst auch solche, die dazwischenhauen, das Handwerkszeug nach vorne nehmen. Abgeordnete für die Drecksarbeit.“ Er mag beides: das Feine und das Grobe, die Ästhetik und den Kampf. Grundsätzlich schätzt er Spieler, die technisch gut sind, die Schnelligkeit haben und die kreative Aggressivität, Tore zu schießen.

Koller ist nicht zufrieden, wenn wir den Ball nicht haben. „Ich warte nicht gerne. Ich versuche immer, aktiv zu sein und früh und aggressiv zu verteidigen und auf diese Art schnell wieder in den Ballbesitz zu kommen. Da kann auch Trickreiches im Spiel dabei sein. Spielfreude darf nicht unterdrückt werden, sie muss sich entfalten. Aber sie darf niemals selbstbezogen sein, selbstverliebt, dem Eigennutz geschuldet. Die Spielfreude muss dem großen Ganzen dienen, erst dann gewinnt sie einen höheren Wert.“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.