Lehrlinge: Mehr als Wurstsemmerlholer

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Die Hälfte aller Lehrlinge will den erlernten Beruf nicht ausüben. Ein Grund: Schlechte Behandlung in der Lehrzeit.

Lehrlinge, die sich über ungerechte Behandlung beschweren, die Überstunden leisten müssen, die nicht fachgerecht eingesetzt werden – eine Umfrage der Arbeiterkammer macht deutlich, dass die Lehrzeit hart sein kann. Und unfreundlich: Ein Drittel der Befragten erlebt nicht nur manchmal, sondern oft Kritik unter der Gürtellinie. Zwei von fünf Wiener Lehrlingen müssen häufig Überstunden leisten – die für Jugendliche unter 18 eigentlich verboten sind. Ein Viertel bekommt zu spüren, dass Krankenstände nicht erwünscht sind. 34 Prozent sehen ihren Ausbilder nur selten.

Sind die Beschwerden berechtigt oder jammert die Jugend auf hohem Niveau? „Nein, da gibt es Probleme, das kann ich leider bestätigen“, sagt Jobcoach Elfriede Gerdenits, die regelmäßig junge Menschen berät. Dabei seien Überstunden – abgesehen von der Gastronomie – nicht das schlimmste Problem: „Ganz vorne steht die Respektlosigkeit im Umgang mit Lehrlingen.“

Keine Lobby

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Weiters bekritteln die Jugendlichen, dass sie oft für reine Hilfstätigkeiten eingesetzt werden. Gerdenits: „Hier muss der Ausbilder ihnen bewusst machen, dass man in der Lehre auch die kleinen Arbeiten tun muss. Lehrlinge aber nur zum Wurstsemmerlholen und Gummibaumgießen einzusetzen – das geht ebenso wenig, wie sie als volle, aber billige Arbeitskraft zu sehen. Lehrlinge müssen lernen.“

Aber: „Lehrlinge haben keine Lobby, vor allem in kleinen Betrieben“, so der Jobcoach: „Wehren können sie sich also kaum.“ Manche werden bockig, manche flüchten sich in Krankenstände, andere schmeißen die Lehre hin.

Der Schaden ist jedenfalls groß – denn auch wer durchhält, ist vielfach demotiviert: Weniger als die Hälfte der befragten Lehrlinge will im erlernten Beruf weiterarbeiten. Die Rechnung der Betriebe, sich durch Lehrlingsausbildung qualifizierte Mitarbeiter für morgen zu sichern, geht also nicht auf. Denn aus Fachkräften werden Arbeitsuchende. Max Fischer, stellvertretender Leiter der AMS- Wien-Geschäftsstelle für Jugendliche, kennt das Problem. Ist das AMS doch Anlaufstelle für Lehrlinge, die so schlecht behandelt werden, dass sie ein neues Lehrverhältnis suchen. Fischer: „Es geht es dabei fast immer um fehlende Entgeltzahlungen oder darum, dass man Lehrlingen Tätigkeiten zuweist, die mit ihrer Ausbildung nichts zu tun haben. Zwischenmenschliche Probleme kommen meist noch hinzu.“

Lehrzeit: Rechte und Pflichten

Die Rechte Lehrlinge haben Anspruch auf ordnungsgemäße Ausbildung, regelmäßigen Lohn, auf Urlaub und auf Freistellung für den Berufsschulbesuch. Sie dürfen nur zu Tätigkeiten herangezogen werden, die mit dem Wesen der Ausbildung vereinbar sind und ihre Kräfte nicht übersteigen.

Die Pflichten Lehrlinge müssen sich bemühen, den gewählten Lehrberuf zu erlernen und dafür regelmäßig die Berufsschule zu besuchen. Sie müssen Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse für sich behalten und bei Erkrankung oder einer sonstigen Verhinderung sofort den Lehrberechtigten verständigen.

 

Erstellt am 30.01.2012