Kurz vor dem großen Auftritt: Die ungewöhnlichen Tricks der Profis
Victoria Hudson Speerwerferin
Der Adrenalinspiegel steigt, der Körper schaltet auf Kampf oder Flucht. Doch statt wegzulaufen, soll er funktionieren – im besten Fall sogar Höchstleistungen erbringen. Ob bei einer Präsentation vor versammelter Belegschaft, einem Konzert auf der großen Bühne, einer Operation am offenen Herzen oder im Wettkampf um den Europameistertitel.
Profis verlassen sich dabei nicht auf Zufall. Sie nutzen gezielte Techniken, um sich in den entscheidenden Minuten zu fokussieren. Manche davon wirken ungewöhnlich – doch sie folgen einem klaren Prinzip. Laut Daniela Soykan-Tober, langjährige ORF-Sportmoderatorin und Kommunikationswissenschafterin, greifen sie auf zwei Ebenen zurück. Welche das sind – und warum sie in jeder Jobsituation funktionieren.
Ebene eins: Inhalt
Der Inhalt muss sitzen, man „muss sich richtig anstrebern“ ist Soykan-Tober überzeugt, die in ihrem Podcast „Wertgespräche“ gemeinsam mit Experten analysiert, was über einen gelungenen Auftritt entscheidet. „Auch Improvisation verlangt eine gute Vorbereitung“, führt sie im KURIER-Gespräch aus. „Wenn ich viel über ein Thema weiß, fällt mir spontan in Situationen auch viel dazu ein.“ Was alles zum Inhalt zählt?
Bei Sportlerinnen wäre es hartes Training, die Technik, die Bewegungsabläufe oder die Skiroute zu kennen. Bei Moderatorinnen die tiefgründige Recherche, die Vorbereitung von Fragen und Texten. Und beim ATX-CEO die Kenntnis über die Unternehmenskennzahlen, um bei der nächsten Hauptversammlung zu glänzen.
In den Minuten bevor es ernst wird, empfiehlt Soykan-Tober, die Inhalte noch einmal zu überfliegen und – je nach Jobsituation – die wichtigsten Informationen an den Anfang zu stellen. „Der große Gamechanger ist zudem, sich auf die Zielgruppe vorzubereiten. Man muss sich überlegen, wen man erreichen möchte.“ Lampenfieber wäre völlig normal und oftmals auch hilfreich, weiß die Expertin. „Blut wird vom Kopf in den Körper gepumpt. Auf diesen Effekt muss man sich einstellen. Da hat man geistig gar nicht die Möglichkeit, die schönsten Sätze zu formulieren, wenn sie nicht vorbereitet sind“, sagt Soykan-Tober und ergänzt: „Nach den ersten Sekunden lässt der Hormoncocktail aber für gewöhnlich nach und dann flutscht es.“
Ebene zwei: Körper
Auch der Körper kann auf Erfolg eingestellt werden. „Wer den Körper nach oben hin ausrichtet, stabil steht, Schultern locker lässt, manipuliert auch das Gehirn im positiven Sinn“, erklärt Soykan-Tober. Techniken gibt es viele: Die „High-Power-Pose“ von Amy Cuddy ist eine Variante. Der ehemalige ORF-Sportstar setzt auf die Visualisierung eines Baumes, bevor sie auf die Bühne geht: Ihre Beine stellt sie sich tief verwurzelt im Boden vor, ihr Kopf trägt eine große Baumkrone. „Macht man das kurz davor im Stillen, kann man sich körperlich in einen guten, inneren Zustand bringen.“
Bei extremer Nervosität helfen Ablenkungsmanöver: Box-Atmen (jeweils vier Sekunden lang einatmen, Atem anhalten, ausatmen und wieder Atem anhalten). „Das stimuliert den Vagusnerv und beruhigt.“ Auch möglich: Auf die Sinnesorgane fokussieren. Etwa indem man sich umsieht, welche drei Dinge man im Raum gerade hört, sieht oder fühlt.
Zuletzt lässt sich auch vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn die Aufgabe erfolgreich bewältigt ist. „Im Sportcoaching visualisieren viele den Sieg und rufen dieses Gefühl schon im Vorfeld ab.“ Es wird hingespürt, wie sich der Moment anfühlt, wenn die Gänsehaut sich ausbreitet, der Stolz, die Freude und die Erleichterung groß sind.
Victoria Hudson Speerwerferin
Vor dem Wurf in Rekordweite: Das Umfeld ausblenden und eine Anweisung umsetzen
Die Niederösterreicherin Victoria Hudson ist Österreichs beste Speerwerferin, 2024 wurde sie Europameisterin, 2025 Welt-Jahresbeste mit einer Wurfdistanz von 67,76 Metern. Die Spitzensportlerin weiß nach knapp 15 Jahren Training genau, wie sie in den Fokus kommt. Und was sie in den letzten Augenblicken tun muss, um den perfekten Wurf zu landen.
Vor jedem Wurf nutzt Victoria Hudson die Methode der Visualisierung. Dabei stellt sie sich eine, maximal zwei technische Anweisungen vor, die sie von ihrem Trainer bekommen hat. Mehr Gedanken wären kontraproduktiv, weiß sie, „sonst kommt kein entspannter Wurf dabei raus.“ Welche Anweisung sie in den entscheidenden Sekunden am häufigsten gedanklich durchgeht – und zwar bis zu dem Moment, in dem die Geschwindigkeit am höchsten ist und der Speer ihre Hand verlässt? Den linken Arm richtig timen. Der ist nämlich „träge und langsam“, sagt Hudson selbstkritisch. Also fokussiert sie sich darauf, beim Stemmen den „richtigen Druck draufzukriegen“ und ihn vor dem Abwurf kräftig nach unten zum Rumpf zu reißen.
Vor ein paar Jahren hat sich die Sportlerin außerdem Unterstützung von einer Mentaltrainerin geholt. Etwa, um sich im Wettkampf nicht ablenken zu lassen. Früher habe es sie aus dem Konzept gebracht, wenn eine Konkurrentin nach einem gelungenen Wurf gejubelt hat, erzählt Hudson. Heute fokussiert sie sich stattdessen auf ihren Speer. Darauf, wie er sich anfühlt, welche Farben er hat. „Ich versuche, mich dann an einen sehr ruhigen Ort hineinzudenken. Gefühle, ohne sie zu bewerten, zu erkennen und zu benennen. Das muss man aber üben“, betont sie. „Das ist echt schwierig.“
Auch inhaltlich bereitet sich die Speerwerferin vor und versucht, wie der US-Schwimmer Michael Phelps, für jede erdenkliche Situation, die eintreten könnte, eine Lösungsidee zu finden. „Er trainierte zum Beispiel mit einer Schwimmbrille voller Wasser, um für alles gerüstet zu sein.“ Ihre Nervosität will Hudson damit aber nicht bekämpfen. Im Gegenteil. „Wenn ich nicht nervös bin, versuche ich mich etwas hineinzusteigern und das Adrenalin hochzubeschwören, weil sonst kommen nicht so gute Leistungen raus.“
Vor der großen Show: Ein Stamperl Whisky und ein Kreis der Liebe
Lemo bezeichnet sich als „nicht so nervösen Typen“, der „mittlerweile schlimm abgebrüht“ ist. 30 bis 40 Auftritte pro Jahr sind Routine für den Austro-Star, der für Hits wie „Himmel über Wien“ oder „So wie du bist“ bekannt ist. Dennoch hat er ein Ritual, an dem er eisern festhält, jedes Mal bevor er vor das Publikum tritt.
„Eine Stunde vor dem Auftritt ist meine Fokuszeit“, berichtet Lemo. In diesen sechzig Minuten ist er für sich allein, legt das Outfit zurecht, singt sich sein. Früher hat er die Stunde nicht ganz so streng eingehalten, manchmal noch Interviews gegeben, aber gemerkt: „Das hat mich aus dem Konzept gebracht, ich war dann nicht voll da.“ Dreißig Sekunden vor dem Auftritt folgt ein weiteres Ritual mit der Band: Ein Stamperl Whisky und der Kreis der Liebe. „Da stellen wir uns alle gemeinsam auf und schwören uns ein.“
Nervosität verspürt Lemo selten, nur vergangenes Jahr, bei einer Open-Air-Show in der Wiener Arena, hat sich innerliche Unruhe bemerkbar gemacht. „Es war meine größte eigene Show und wir haben viele Sachen nicht wirklich gut geprobt. Da war zu viel im Ungewissen“, erinnert sich der Musiker, des deshalb auf gute Vorbereitung schwört. Schiefgehen könne sowieso immer etwas. „Je öfter man etwas macht, desto öfter passiert auch etwas“, nimmt er es gelassen. „Aber ich bin kein Chirurg. Wenn bei mir etwas schiefgeht, ist es auch irgendwie wurscht.“
Vor der Herzoperation: Kraft schöpfen und mit der eigenen Familie telefonieren
Um sich zu beruhigen, den Druck aus einer Situation zu nehmen, sagen viele: Ich operiere ja nicht am offenen Herzen. Sandra Folkmann macht genau das. Sie ist Herzchirurgin. Ein Job, in dem sie eine Vielzahl an intensiven Momenten erlebt: „Etwa wenn Patienten mit akut lebensbedrohenden Erkrankungen nach dem operativen Eingriff auf der Intensivstation wieder erwachen – oft sichtlich bewegt und zu Tränen gerührt, in dankbarer Erleichterung, noch am Leben zu sein.“
Bevor sie den OP-Saal betritt, stellt sie sicher, dass ihre eigenen Grundbedürfnisse erfüllt sind. Herzchirurgische Akut-Operationen können immerhin bis zu sechs Stunden dauern. Falls es die Zeit zulässt, telefoniert sie auch gerne mit ihrer Familie: „Vor einer schweren oder akuten Operation gibt mir das Kraft.“
Kurz vor einem Eingriff läuft alles klar strukturiert ab. „Vor der Operation erfolgt ein Briefing, eine interdisziplinäre Besprechung zwischen Herzchirurgie, Anästhesie, Kardiotechnik und Pflege, was genau operiert wird und wie. Alle sind fokussiert. Diese Routine gibt Sicherheit“, erklärt Folkmann. „Dadurch ist der Druck auch gut zu bewältigen.“ Was beim Fokus hilft, ist sich vorzustellen, dass der Patient auch ein Familienmitglied oder ein Bekannter sein könnte: „Eine erfolgreich durchgeführte Operation und zufriedene Patientinnen und Patienten geben mir zugleich die Motivation und Energie für den nächsten Eingriff.“
Vor der Rede vor versammelter Belegschaft: Die zentrale Botschaft visualisieren
Als CEO eines ATX-Unternehmens ist man immer wieder mit intensiven Momenten konfrontiert. So auch Andreas Klauser, Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens Palfinger. „Besonders intensiv sind jene Momente, in denen wichtige Entscheidungen unter herausfordernden Bedingungen oft kurzfristig getroffen werden müssen“, sagt er. Gemeint sind strategische Weichenstellungen, große Investitionen oder Krisensituationen. „Dann geht es darum, klar zu bleiben und Verantwortung zu übernehmen, auch wenn nicht alle Informationen vollständig vorliegen.“ Wie Klauser mit dem Druck umgeht?
„Kurz davor versuche ich, bewusst zur Ruhe zu kommen und mir noch einmal klar vor Augen zu führen, was die zentrale Botschaft ist.“ Wichtig ist ihm, vorbereitet zu sein, ohne sich an einzelnen Details festzuklammern. „Mir hilft es, den Blick auf das Wesentliche zu richten, darauf fokussiert zu sein und mir einen gedanklichen Handlungsspielraum zu schaffen.“ Druck gehöre zur Rolle. Entscheidend sei, ihn nicht zu verdrängen, sondern konstruktiv und als Antrieb zu nutzen, erklärt Klauser.
Diese Haltung habe er über Jahre entwickelt: „Ich habe gelernt, dass es oft besser ist, einen klaren Kurs zu setzen, als alles perfekt absichern zu wollen.“ Ein prägender Rat, den er im Laufe seine Karriere erhalten hat: „Treffen Sie Entscheidungen, auch wenn sie unangenehm sind. Nicht-Entscheiden ist meist die schlechteste Option.“ Diesen Rat gibt er jedem weiter.
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