Wirtschaft | Karriere
09.01.2012

Körpersprache: "Keinen lauwarmen Mittelweg“

Sicheres Auftreten in unsicheren Zeiten? Das geht, sagt Stefan Verra: Schultern zurück, lauter, aufrechter – und lächeln.

Stefan Verra sitzt an seinem Schreibtisch, auf einem großen Ball, „wie ein Ökofuffi, weil so muss ich mich ständig bewegen“. Beim Gespräch mit dem KURIER bleibt der quirlige Coach tatsächlich keine Sekunde still. Gut so, wie er selbst meint.

KURIER: In Ihrem letzten Newsletter zitieren Sie: „Die Sprache ist natürlich im ersten Moment immer ein Hindernis für die Verständigung“ – ist es also besser, nichts zu sagen?

Stefan Verra: Es ist besser, etwas später etwas zu sagen. Also das Großhirn nicht sofort zu beschäftigen, sondern die Situation kurz wirken zu lassen. Etwa: Noch bevor ich dem Chef die Hand gebe, zu spüren, wie ist er heute drauf: dominant, unverbindlich, mit Gorillagehabe, ist er verändert zu sonst? Worte sind schon gut, aber eben erst ein paar Sekunden später.

Wie geht man auf ein Jahr zu, in dem einem die Krise überall entgegenschaut?

Am besten immer fest daran denken, wie schrecklich das alles werden könnte. Viel böse Nachrichten lesen, das wirkt garantiert. Und ein Merkel-Foto auf dem Schreibtisch hilft auch – dann haben Sie spätestens Mitte Jänner eine Depression. Im Ernst: In der Konjunktur geht es natürlich um die Gesamtwirtschaftslage. Aber für den Einzelnen geht es um die Mikro-Konjunktur, um das persönliche Umfeld. Eine Person soll in ihrem Gebiet möglichst erfolgreich sein. Wenn die Verunsicherung ringsum groß wird, steigt auch die Angst. Der Kunde, der auch verunsichert ist, braucht jetzt vom Verkäufer viel Zuspruch. Also: Nicht geduckt daherkommen, sonst potenziert sich der Angst-Teufelskreis.

Wie reagieren die Menschen bei Angst?

Das passiert innerhalb von Millisekunden. Beim ersten Budgetmeeting im Jänner, der Chef steht da, und alle Mitarbeiter erkennen sofort: Der ist angespannt. Weil sich sein Muskeltonus erhöht, das erkennt man vor allem an den Beugemuskeln. Weil er den Kopf einzieht, die Schultern nach vorne klappt, die Arme vor den Oberschenkeln hat, die Knie gebeugt sind und eingeknickt. Er wirkt kleiner.

Kann man sich Selbstvertrauen aneignen?

Ich meine: Du bestimmst dein Lebensglück auch mit der Wahl deiner Freunde. Also: Mit wem im Unternehmen hau’ ich mich auf ein Packerl? Mit wem verbringe ich meine Mittagspause? Man sollte sich ein positives Umfeld aussuchen, erkennen, in welchen Situationen es einem gut geht. Und die Menschen, mit denen es einem nicht so gut geht, meiden. Es geht hier bei den Menschen ganz stark um Gewohnheiten: Man muss sich angewöhnen, positiv zu leben, öfter zu lächeln. Wir glauben nur, wir sind freundlich, das stimmt aber meistens nicht.

Ganz konkret: Wie schaut souveränes Auftreten aus?

Lächeln. Und da meine ich kein stupides Dauergrinsen, sondern die Mundwinkeln sollen mehr am Lächeln als am ernsten Gesicht sein. Der Blick geht leicht nach oben. Die Schultern zurückziehen, die Hände seitlich. Nicht breit-, nicht engbeinig. Nur, wenn die Lebensbasis zu unsicher ist, muss man breitbeinig da stehen. Es gibt übrigens keinen physiologischen Grund, warum Männer das immer tun. Die haben sich das angewöhnt, das ist ein Geschlechtssignal: Da geht der Blick vom Gegenüber in die Mitte des Körpers. Aber wenn der Mann vom Chef zusammengeputzt wird, sitzt er nimmer breitbeinig da. Frauen hingegen sitzen oft engbeinig – das ist das typische Kleinermachen. Die souveräne Körperhaltung wäre ungefähr hüftbreit. Und mit viel mehr Bewegung in der Kommunikation. Je mehr Bewegung man hat, desto lockerer ist man. Das führende Element in einer Kommunikation hat der, der sich bewegt, der agiert und reagiert. Das starre Pokerface ist machohaft aber sicher kein gewinnendes Auftreten.

Man könnte das also einfach üben.

Ja, man kann das üben. Die Körpersprache der Menschen ist angewöhnt und vielfach nicht naturgegeben. Man kann sich also auch etwas anderes angewöhnen. Nämlich zu lächeln, sich zu bewegen, wieder Spaß zu haben. Früher hat man Völkerball gespielt und dabei viel gelacht. Heute gehen alle laufen und verlieren keinen Lacher mehr dabei.

Im Büro: Wie findet man den Mittelweg zwischen Gorilla-Gehabe und Mäuschen?

Nur bitte keinen Mittelweg! Ich empfehle dringend, beides drauf zu haben, für beide Geschlechter. Körpersprachlich ist nämlich nichts schlecht – man muss das nur situationsbedingt einsetzen, die Werkzeuge parat haben.

Speziell Frauen tendieren zum Piepsen. Gibt’s da Vermeidungsstrategien?

Ach, Frauen können doch auch Gorillas sein. Nur lernen sie schon im Kindergarten, dass sie das nicht tun sollen. Wer im Leben nicht übrig bleiben will, muss aber auch den Gorilla draufhaben. Wenn sie das können, werden sie einen großen Schritt bei ihren Karrieren machen. Ich glaube, es würden mehr Frauen nach oben kommen, wenn sie sich mehr Alpha-Signale angewöhnen würden: Lauter, direkter, aufrechter stehen, Kopf gerade halten, mehr Raum einnehmen.

In harten Zeiten: Wie gefällig darf/soll man dem Chef gegenüber sein?

Man darf ruhig Ecken und Kanten haben. Mit einem lauwarmen Mittelweg wird man nicht auffallen. Ein konkretes Nein ist vollkommen okay. Es vermittelt Sicherheit. Aber: Man muss die Menschen a priori gern haben. Ihnen mit Wohlwollen gegenüber stehen.

Was mag das Chef-Gegenüber?

Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit. Und bitte: Legen Sie nicht jedes Wort auf die Waagschale. Vor allem Frauen denken viel zu sehr über jedes einzelne Wort nach. Ich empfehle, die Amplituden einzudämmen: Ein Lob nicht himmelhoch jauchzend nehmen, bei einem bösen Wort nicht zu Tode betrübt sein. Weil am Abend verlassen wir den Job, gehen mit guten Freuden auf ein Glaserl Wein, so oder so.

Stefan Verra: Er spricht Körper

Leben Stefan Verra, Jahrgang 1973, lebt in Wien und Niederösterreich, hat zwei abgeschlossene Musikstudien, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Seit 2008 ist er Vortragender und Trainer für Körpersprache.

Berufung Verra ist Dozent an der Steinbeis Universität Berlin, Speaker der German Speakers Association und Buchautor. Rund 10.000 Menschen pro Jahr bringt er das Thema Körpersprache näher. Verra trainiert Unternehmen wie T-Mobile oder die Fußball-Nationalmannschaft. Sein Buch „Die Macht der Körpersprache im Verkauf“ erscheint soeben in dritter Auflage. Im Jänner 2012 eröffnet Verra ein Büro in München.

Interaktiv Stefan Verra gibt’s auch im Netz. Auf Facebook, Twitter, Xing liefert er jeden Montag eine Prominentenanalyse oder einen Tipp.