Wirtschaft | Karriere
25.06.2018

Karriere-Check: So wird man ATX-Manager

Die Vorstandschefs von Österreichs 20 größten Börse-Unternehmen im Lebenslauf-Check: Was zählt wirklich für die Vorstandsetage?

Die Formel scheint einfach: Man nehme ein Y-Chromosom, ein Doktoratsstudium und einmal mehrjährige Erfahrung im Consulting. Man vermenge die Zutaten und lasse sie etwa 49 Jahre reifen. Fertig ist die Karriere zum Vorstandsvorsitzenden eines der 20 größten börsennotierten Unternehmen Österreichs.

Tatsächlich sind 95 Prozent der aktuellen ATX-Chefs Männer, Elisabeth Stadler, Vienna Insurance Group, ist die einzige Frau.

Neun der 20 Manager haben mindestens ein Doktorat. Jeder Vierte auf der Liste hat im Laufe seines Lebens im Consulting gearbeitet, zwei bei McKinsey, einer bei Ernst & Young.

Zufall? „Zu Beginn der Karriere bei einer der internationalen Top-Beratungsunternehmen gearbeitet zu haben, tut der Karriere auf jeden Fall gut“, sagt Julia Zdrahal-Urbanek, Managing Partner des Headhunters AltoPartners. Die Kaderschmiede bei Consultern sei auf hohem Niveau, die Kandidaten würden ein breites Projektportfolio kennenlernen. „Einmal arbeiten sie am Projekt einer Bank, als nächstes bekommen sie ein Retail-Unternehmen, dann eines aus Industrie oder Telekom.“ Und ja, auch das so geknüpfte Netzwerk sei später hilfreich. Zudem seien die Weiterbildungsmöglichkeiten besonders gut. „Jungen Mitarbeitern wird hier etwa ein MBA-Studium im Ausland finanziert“, erklärt Zdrahal-Urbanek.

Techniker gefragt

Ein Studium sei im Management heute Standard, der Doktortitel hingegen verliere an Bedeutung. Akademische Breite, die renommiertesten Hochschulen und Abschlüsse aus dem Ausland, das sei in akademischer Hinsicht heute die Faustregel zum Erfolg. Von den 20 ATX-Bossen hat nur einer ein geisteswissenschaftliches Fach studiert (und um ein MBA ergänzt), acht haben ein Wirtschaftsstudium in der Tasche, ebenso viele ein MINT-Fach abgeschlossen. Was ist die bessere Wahl?

Am besten beides, meinen Experten. „Auf Jobs in der Wirtschaft bereitet natürlich ein Wirtschafts- oder Jus-Studium sehr gut vor. Ein Wirtschaftsingenieur-Studium deckt zusätzlich technische Kompetenzen ab“, spricht sich Zdrahal-Urbanek für kombinierte Ausbildungen aus. „Geisteswissenschaften würde ich in Österreich niemandem empfehlen“, so Michael Schaumann, Managing Partner beim Recruiting-Unternehmen Stanton Chase. Viele heimische Unternehmen seien technologiegetrieben. Digitalisierung und Automatisierung verstärkten die Nachfrage nach Technikern mit Führungskompetenz.

An der Spitze der ATX-Unternehmen stehen 15 Österreichern drei Deutsche, ein Amerikaner, und ein Argentinier gegenüber. Unter den Österreichern finden sich nur ein Salzburger und kein einziger Tiroler oder Vorarlberger. Dieses Ost-West-Gefälle kann sich Zdrahal-Urbanek nicht recht erklären. Ihre Vermutung: „In Westösterreich gibt es viele erfolgreiche Familienunternehmen, die nicht börsennotiert sind. Vermutlich sitzen die Tiroler und Vorarlberger Management-Talente eher in diesen Unternehmen.“

Über den Tellerrand

Überraschenderweise haben lediglich sieben der 20 untersuchten Manager, also 35 Prozent, im Laufe ihres Lebens im nicht-deutschsprachigen Ausland studiert oder gearbeitet. Das sei ein österreichisches Spezifikum und im Wandel, erklärt Schaumann. „Die Führungselite von morgen sind internationale Kaliber, die mindestens zwei bis drei Jahre im Ausland gearbeitet haben.“ Dabei gehe es weniger um das Thema Fremdsprachen, gutes Englisch reiche gemeinhin.

„Gewünscht ist der Blick über den Tellerrand. Dass der Kandidat Bereitschaft bewiesen hat, die heimische Komfortzone hinter sich zu lassen“, so Schaumann.Fleiß! Was Führungspersönlichkeiten sonst ausmacht? „Fleiß und Ehrgeiz stehen ganz oben. Gefragt sind zudem hohe Authentizität, viel Charisma, Integrität und Offenheit, speziell in der Kommunikation. Außerdem brauchen sie ein hohes Organisationstalent und hohe emotionale Intelligenz.“ Wichtig sei ein gutes Gespür dafür, wie man die besten Mitarbeiter bekommt, motiviert und hält, ergänzt Zdrahal-Urbanek.

Auch Netzwerkpflege sei weiterhin angesagt. Eigene Leistungen und Erfolge sichtbar zu machen, sei heute noch wichtiger als früher. Und tatsächlich: Zwar sind die meisten ATX-Vorstände mit privaten Details sehr diskret, dennoch ist von den 20 Namen auf der Liste bekannt, dass mindestens drei in Rotary-Clubs sind und einer bei den Lions. Der für sein Networking-Talent bekannte Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber ist als Rotarier in gleich zwei Clubs, zudem noch CVer.

Bestens vernetzt

Andere engagieren sich an Unis, in Alumni-Clubs, bei der Industriellenvereinigung oder in Branchenverbänden. Wer die Lebensläufe der ATX-Chefs genau durchleuchtet, stößt außerdem auf einen Yacht Club, die UNICEF, das Vereinsgremium des FK Austria, die Freunde der Oesterreichischen Nationalbank und die Freunde der Albertina.

Die ATX-Vorstände seien überwiegend über 50 Jahre alt, relativiert Schaumann. „Früher musste man für eine gute Karriere beim CV sein, bei den Freimaurern oder bei den Rotariern. Heute tritt in der Privatwirtschaft das Netzwerk immer mehr in den Hintergrund.“ Warum ausgerechnet bei der Führungs-Besetzung in ATX-Unternehmen das Netzwerk noch eine große Rolle spielt, erklärt sich Kollegin Zdrahal-Urbanek historisch.

„Die heutigen ATX-Unternehmen waren in den 1970er- bis 1990er-Jahren praktisch alle Beteiligungsunternehmen der damals verstaatlichten Banken, danach verstaatlichte Industrie. “ Damals seien die Manager immer wieder politisch besetzt worden, Großteils auch paritätisch nach Koalitionsgefüge. Hier halfen die Netzwerke innerhalb der Parteien. „Je weniger Staatsanteil, desto weniger politische Netzwerke sind notwendig.“

Heute zählten Kompetenzen unterm Strich mehr als Beziehungen. Welche, variiert: „Bei dem einen zählt disruptive Kompetenz, um etwa globale Mitbewerber am Elektronikmarkt outzuperformen. Die Vorstände der Banken hingegen müssen sich regional aufstellen, lokale Rahmenbedingungen kennen“, sagt die Recruiting-Spezialistin. Hier sei der interne Aufstieg ins Top-Management eher möglich, teilweise typisch.

Künftig mehr Junge

„Industrieunternehmen begegnen hingegen globalen Herausforderungen, lokale Vernetzung spielt eine Nebenrolle.“ Hier sei es oft von Vorteil, möglichst breite, internationale, branchenrelevante Managementerfahrung gesammelt zu haben. Tatsächlich halten sich beide Karrierewege die Waage: Neun Chefs haben sich über durchschnittlich 15,2 Jahre in ihrer heutigen ATX-Firma hinaufgearbeitet, die übrigen elf sind von außen ins Management eingestiegen.

Im Schnitt waren die ATX-Chefs bei ihrem Antritt 49,4 Jahre alt. Alter spiele in diesen Kreisen immer weniger eine Rolle, so Zdrahal-Urbanek. „Die Altersspanne hat sich insgesamt vergrößert.“ Mit dem wegfallenden Doktorat gebe es immer mehr junge Top-Manager, stellt auch Schaumann fest.

Mindestens zwei der untersuchten Chefs stammen aus einer Landwirte-Familie, zwei weitere sind Söhne von Arbeitern und auch die meisten anderen haben Eltern, die keine Manager waren. Schaumann überrascht das wenig: „Der Ehrgeiz, es einmal besser zu haben, sich einen tollen Lebensstandard leisten zu wollen, ist schon ein starker Antrieb.“ Ein hoher Leistungsgedanke bei gleichzeitiger Demut sei in der Erziehung entscheidend, gibt ihm Zdrahal-Urbanek recht. „Das ist klassenunabhängig. Es kommt heute stärker als früher auf Kompetenzen an.“

Das werde früher oder später auch mehr qualifizierte Frauen an die Spitze bringen, die in der Vergangenheit aus den Männernetzwerken ausgeschlossen waren. Der Diversität täte das gut. Eine einzige Frau im ATX ist reichlich wenig.