Wirtschaft | Karriere
30.09.2017

Im spacelab: "Wir graben nach Talenten"

Wer den Anschluss an Schule, Lehre oder den Job verliert, bekommt Hilfe im spacelab. Hier unterstützen Coaches und Trainer auf dem Weg zurück ins selbstbestimmte Leben.

Wer ins spacelab kommt, steckt weder in einer Ausbildung noch in einem Job. Hier werden Jugendliche betreut, die aus dem Ausbildungssystem fallen. Hier sollen sie wieder job-fit gemacht werden: erkennen, welche beruflichen Möglichkeiten sie haben; mit Selbstvertrauen ausgestattet werden, sodass sie mit einer neuen Ausbildung, einer Lehrstelle oder einem Job durchstarten können. Alexandra Wriesnig-Zabransky vom spacelab im 20. Bezirk in Wien arbeitet täglich mit Jugendlichen an ihrer Zukunft.

KURIER: Wie ist Ihr Eindruck von den Jugendlichen, die ins spacelab kommen?

Alexandra Wriesnig-Zabransky: Es ist erst mal ein vorsichtiges Antasten. Man hört zu und versucht, ihre Geschichte zu verstehen.

Welche Gründe führen sie hierher?

Entweder das AMS schickt sie – viele haben schon Kurse gemacht und wieder abgebrochen. Oder aber sie finden zu uns durch Freunde oder die offene und aufsuchende Jugendarbeit, die die Kids draußen in ihrer Lebenswelt abholt.

Warum tun sich die Jugendlichen so schwer, eine Ausbildung, eine Lehre oder einen Job zu finden?

Da gibt es eine Milliarde Gründe. Ich glaube, es gibt ein generelles Unverständnis gegenüber den Problemen, die ein junger Mensch haben kann. Viele werden etwa im Schulsystem nicht als Person mit Bedürfnissen wahrgenommen. Dann kann Liebeskummer dazukommen, schlechte Noten, die Scheidung der Eltern. Oder eine abgebrochene Lehre, eine Krankheit, schlechte Deutschkenntnisse. Viele kennen nur ein System, in dem sie immer wieder abgeschoben werden, ein System, das nur das Negative bewertet.

Das System geht davon aus, dass alle hineinpassen.

So ist es. Entweder du spielst mit und wenn du das nicht kannst oder willst, fliegst du raus.

Versäumen es Schulen oder die Eltern, die Jungen auf ein erwachsenes Leben vorzubereiten?

Man kann sich am Schulsystem abputzen. Es ist aber auch so, dass man in der Gesellschaft nicht genau hinschaut. Man sieht nicht den Menschen, der vor einem steht. Man sieht nur seine Noten.

Was beschäftigt die Jungen, wenn sie hier sind? Haben sie Sorgen? Oder Hoffnungen und Träume?

Sie können in Wahrheit verdammt viel, aber ich glaube, sie haben Angst davor, dass man sie eben nicht wahrnimmt. Wir können sie hier kennenlernen, unser Angebot auf sie abstimmen. Es geht um ein wertschätzendes Lustgefühl und darum, zu sehen: Es gibt mehr als Computerspielen und Abhängen. Wir vermitteln ihnen, dass Arbeit Spaß machen kann.

Sie wollen in Werkstatt-Settings und beim Arbeiten mit Coaches ihre Talente ans Licht bringen.

Ja. Wir graben nach ihnen wie nach Schatztruhen in einem großen Sandhaufen. Manchmal finden wir auch riesengroße. Und wir Trainerinnen sind dann dazu da, um herauszufinden, wohin es mit diesen Talenten beruflich gehen könnte.

Ziel ist die Re-Integration in den Bildungs- oder Arbeitsmarkt. Wo sind die Schwierigkeiten?

Wenn die Jugendlichen so weit sind, versuchen wir sie in Praktika oder sogar Lehrstellen zu vermitteln. Manche tun sich bei diesem Realitätscheck schwer, sie sind ja in den Firmen wieder auf sich allein gestellt. Viele trauen sich das dann nicht zu, brechen deshalb auch wieder ab. Wir haben aber auch ein eigenes spacelab für Mädchen, wo auch viele Musliminnen sind. Da ist das Problem ein ganz anderes. Sie sind die, die am schnellsten Deutsch lernen, nebenbei noch die Abendschule machen und wirklich fit sind. Aber: Sie haben wegen des Kopftuchs kaum Chancen.

Mit der neuen Ausbildungspflicht bis 18 sollen rund 5000 Jugendliche, die aus dem Bildungssystem fallen, aufgefangen werden. Welche Rolle kommt dann den Produktionsschulen zu?

Die Produktionsschulen sind schon auf eigene Marktsegmente spezialisiert. Wir punkten mit der Niederschwelligkeit, helfen, wo wir können, begleiten aus dem Scheitern heraus in eine Orientierung. Ich habe nicht das Gefühl, dass uns die Zielgruppe ausgehen wird.

Die Wiener Produktionsschule hilft Jugend ohne Ausbildung und Job

An vier Wiener Standorten werden Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren am Übergang zwischen Schule und Beruf unterstützt. Sie arbeiten in Tagestrainings in Werktstätten (gegen 10 Euro Taschengeld am Tag) und machen sich mit Coaches Gedanken zu ihrer Zukunft. Ziel ist es, Talente und Kompetenzen zu entdecken. Pro Tag können 110 Jugendliche betreut werden, 64 Prozent haben 2016 aus dem spacelab heraus eine weiterführende Schule, AMS-Qualifizierungsmaßnahme, Lehre oder einen Job gefunden. Das lab wird vom Sozialministerium und dem waff gefördert. www.spacelab.cc