Wirtschaft | Karriere
26.11.2018

Humanenergetik: Einblick in eine von Mythen umringte Branche

Die gestresste Gesellschaft beschert Humanenergetikern regen Zulauf. Was wirklich hinter dem noch jungen Berufsbild steckt.

Hightouch“ statt Hightech. Abseits vom Start-up-Hype in der Technologiebranche findet der wahre Gründerboom in Österreich derzeit ganz woanders statt: Bei den persönlichen Dienstleistern. Im Vorjahr gab es 2200 Neugründungen in diesem Bereich, ganz vorne mit dabei das freie Gewerbe der Humanenergetik.

Die Zahl der aktiven Mitgliedsbetriebe in der Wirtschaftskammer (WKO) ist binnen weniger Jahre auf 18.300 angewachsen. Den Gewerbeschein gelöst haben sogar 25.700, darunter auch Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, die ihn inzwischen zurückgelegt hat. Die meisten sind Ein-Personen-Unternehmen (EPU), der Frauenanteil beträgt 90 Prozent. Ausschließlich davon leben können oder müssen die wenigsten. „Maximal fünf bis zehn Prozent“, schätzt Michael Stingeder, Fachverbandsobmann der Humanenergetiker in der WKO. Und räumt gleich mit dem ersten Mythos auf: „Dass reiche Energetiker notleidenden Menschen das Geld aus der Tasche ziehen, ist schlicht eine böse Mär. Die meisten kommen gerade so über die Runden.“

Berufung

Was fast alle eint: Es ist nicht ihr erster Job und er hat mehr mit Berufung bzw. Sinnstiftung im Leben zu tun als mit Broterwerb. „Ab 35 kommen viele drauf, es gibt noch etwas anderes im Leben“, schildert Stingeder. Auch er arbeitete viele Jahre in der Spitzengastronomie, was für den Körper nicht ohne Folgen blieb. Weil die Schulmedizin nicht weiterhalf, versuchte er es mit alternativen Methoden. „Ich bin dann schnell draufgekommen, dass meine Stärke nicht in der Gastronomie, sondern in der Begleitung von Menschen liegt“, erzählt er.

Viele Energetiker haben mehrere Gewerbescheine, etwa als Lebens- und Sozialberater, Masseur oder Physiotherapeut. Es brauche aber viel Zeit, sich einen Kundenstock aufzubauen.

Strenge Standesregeln

Da es sich um ein freies Gewerbe handelt, gibt es keine großen Zugangshürden und unterschiedlichste Ausbildungen. Es darf aber nicht jeder machen, was er will was er will, räumt Stingeder mit einem weiteren Mythos auf. Um Scharlatane abzuschrecken, beschloss die WKO 2014 relativ strenge Standesregeln. Honorartransparenz, ein klar definierter Arbeitsumfang und einen ordnungsgemäßen Vertragsabschluss vor Auftragsbeginn werden darin ebenso vorgeschrieben wie das Verbot von „unseriösen Versprechen“, das „Aufzwingen der eigenen Meinung“ oder die „Beeinflussung durch Angstmacherei“. „Wir belassen die Klienten in ihrer Selbstverantwortung“, betont der Branchensprecher, „wir geben Unterstützung zu einer körperlichen und seelischen Ausgewogenheit, aber versprechen keine Heilung“. Gegen schwarze Schafe werde rigoros vorgegangen.

Qualitätssicherung

Seit 2015 gibt es zusätzlich ein dreistufiges Qualitätssicherungs-Programm. Wer diverse Weiterbildungskurse besucht, darf entsprechend des dafür geleisteten Aufwandes ein Gütesiegel in Bronze, Silber oder Gold führen. Die Kennzeichnung soll Klienten mehr Sicherheit bei den rechtlichen Rahmenbedingungen geben und die Seriosität der Dienstleistung sicherstellen. Bisher führen 2500 Energetiker das Bronze-Siegel, 1800 das Silberne und den Gold-Status dürfen 500 Mitglieder führen. Nicht immer einfach ist die Abgrenzung zu anderen Berufen, die „Grenzüberschreitungen“ sorgen mitunter für rechtliche Konflikte. Neben der Humanenergetik gibt es noch die Raumenergetik ( Feng Shui, Radiästhesie etc.) und die Tierenergetik.

Ärztegesetz

Mit gemischten Gefühlen sieht Stingeder die geplante Novelle des Ärztegesetzes. Diese sah ursprünglich vor, dass Heilmethoden Ärzten vorbehalten bleiben. Grundsätzlich begrüßt er die bessere Handhabe gegen „unseriösen Heilsversprechen“. Damit werde „Wunderheilern“ ein Riegel vorgeschoben. „Das Problem ist aber, dass der Begriff Heilmethode nicht ausformuliert ist“, so Stingeder. Streng genommen könnten auch energetische Methoden darunter fallen. „Viele unserer Mitglieder haben langjährige Ausbildungen in unterschiedlichsten Methoden. Wenn sie die nicht mehr ausüben dürften, käme das einem Berufsverbot gleich.“ Danach sieht es derzeit nicht aus, die Novelle ging ohne den umstrittenen Passus durch den Ministerrat. Den Menschen helfe nur ein sinnvolles Miteinander zwischen Ärzten und Energetikern.

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---- Was ist eigentlich Energetik?

Humanenergetiker/innen helfen, vereinfacht  gesagt, Menschen dabei, ihr körperliches, seelisches und energetisches Gleichgewicht (wieder) zu erlangen.   Zu den Tätigkeiten zählen das  Erkennen und Lenken des Energieflusses sowie das Ausbalancieren  von Störungen und Blockaden. Sie nutzen dafür  ein breites Portfolio an Methoden von Bioresonanz über sanfte Berührungen, Blütenessenzen, Düfte und Aromen bis hin zur  Musik. Humanenergetiker dürfen keine medizinischen Tätigkeiten und Handlungen ausüben und  sich  nicht als  Therapeut  oder Heiler bezeichnen.

Nähere Infos der WKO-Branchenvertretung finden Sie hier

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Beispiel 1: Die eigene Erfahrung zum Beruf gemacht

Kinesiologie. Jeder Mensch trage seine Lösung bereits in sich, ist Patricia Valehrach überzeugt.

Ein sanfter Muskelreaktionstest, danach  der Armlängenreflextest: So beginnt häufig eine Sitzung der Kinesiologin Patricia Valehrach in ihrer Praxis in Wien-Döbling. Ziel der energetischen Sitzungen ist es, Blockaden im gesamten System aus Körper, Geist und Seele zu lösen, um die Selbstregulation anzuregen. Eine Hand fährt über den Körper, ohne ihn zu berühren und spürt solche Blockaden auf. Auch das  minutenlange  Festhalten des Fußknöchels ist eine häufig angewandte Methode. „Handauflegen ist ein uraltes Zeichen, eine Berührung macht etwas mit dem Menschen“, erläutert Valehrach.

Vor zehn Jahren gründete die 48-jährige Valehrach „Mentalfokus“  und arbeitet nach einigen Jahren Anlaufzeit hauptberuflich als Humanenergetikerin.   Kinesiologische Methoden  wendet sie dabei ebenso an wie etwa Persönlichkeitsanalysen nach dem Mayakalender. Individuelles Eingehen auf die Klienten ist dabei oberstes Prinzip. „Jeder von uns trägt seine Lösung bereits in sich, doch wir haben verlernt, darauf zu vertrauen“, ist Valehrach überzeugt. 

Zu ihrem Beruf kam sie, wie so viele in ihrer Branche, aus eigener  Erfahrung in der Phase eines Lebensumbruches. Die Energetik habe ihr damals einen Weg gezeigt, wie sie selbst ihre Gedanken- und Gefühlswelt ordnen kann.

Heute kommen Menschen in emotional-stressigen Umbruchphasen zu ihr, um  den Kopf wieder freizubekommen.    Andere unterstützt sie dabei, ärztliche  Therapien  besser  anzunehmen. 90 Prozent der Klienten kämen durch Weiterempfehlung. Weil sich bei  ihren Methoden das Reden nicht vermeiden lässt, hat sich die Energetikerin auch zur Lebens- und Sozialberaterin ausbilden lassen.  Das 30-minütige Erstgespräch bei Mentalfokus ist gratis, eine Sitzung kostet 90 Euro die volle Stunde. Es werden auch Seminare und Workshops veranstaltet. www.mentalfokus.at

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Beispiel 2: Der Klang der Stimme als Balsam für die Seele

Stimmklangschalen-Coaching. Für Sathya Bernhard ist Energetik eine Sache der Erfahrung

Als Tochter eines Dirigenten und Geigers kam Sathya Bernhard schon früh mit Klängen in Berührung. Mit fünf Jahren startete sie ihre Violinkarriere  und trat in großen Konzertsälen auf. „Bei einem Mozart-Violin-Konzert merkst du einfach die Atmosphäre im Publikum, die Gänsehaut, da passiert einfach etwas“, erzählt die 53-Jährige, wie sie zu Energetik kam. Mit acht beschloss sie, Opernsängerin zu werden.  Mit der Stimmlage dramatischer Koloratursopran  kann sie die Seele der Menschen berühren, wie es so schön heißt. Bei einem „Ave Maria“ kommen vielen Zuhörern die Tränen, ohne dass sie es wollen – Meridiane, Energiebahnen des Körpers, werden angesprochen, Blockaden   gelöst.

„Die  Stimme ist die angeborene Klangschale im Menschen“, meint Bernhard. Jeder Mensch bringe seinen eigenen Grundton mit. Viele würden ihren ursprünglichen Klang aber vergessen. Ihre Stimme könne die Resonanzen im feinstofflichen und grobstofflichen Körper wieder wecken.

Seit 2004 bietet Bernhard als Humanenergetikerin Stimmklangschalen-Coaching an. Die Klienten   kommen aus allen Schichten, Männer wie Frauen gleichermaßen. Eine Klangschalen-Sitzung dauert 50 Minuten, davor gibt es ein kurzes Gespräch. Der Stundensatz beträgt 70 Euro, auf einen freien Termin muss man bei ihr schon vier bis sechs Wochen warten. „Es geht in der Energetik nicht um Glauben, sondern um Erfahrung“, erzählt sie.    Ständige Weiterbildung sei in dem Beruf ein Muss,  der Vorwurf, Energetiker würden nichts können, gehe völlig ins Leere. Sie selbst  ist ein gutes Beispiel. Die studierte Musikwissenschaft  und bildete sich in tibetischer Medizin aus. Seit dreieinhalb Jahren lehrt sie an der Donau-Uni Krems „Asiatische Medizinsysteme im Vergleich“ und studiert nebenbei Zahnmedizin.   www.mongolianwheeloflife.com

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Beispiel 3: Blockaden lösen durch sanftes Klopfen

EFT-Methode. Claudia Gaida hilft, Stress abzubauen und negative Gefühle loszuwerden

Wer klopfet an? Die sogenannte Emotional Freedom Techniques (zu deutsch: Technik(en) der Emotionalen Freiheit) regt durch sanftes Beklopfen der Haut die Endpunkte der Meridiane, Energieleiterbahnen des Körpers,  an,   um so Blockaden zu lösen. Diese   Akupunktur ohne Nadeln ist   in den USA als wissenschaftliche Methode in der Psychologie anerkannt,  in Österreich aber noch wenig verbreitet.  Claudia Gaida (47), hat  sich im zweiten Bildungsweg auf diese Technik spezialisiert  und sie  zum Hauptberuf gemacht.  Zuvor war die Mutter einer 19-jährigen Tochter als Ökonomin und Historikerin in der Sozialpolitik tätig.

Vor 15 Jahren  kam sie selbst über eine Energetikerin zur EFT-Methode. Ihr selbst habe die Methode geholfen, auf einfache Art und Weise Stress abzubauen und so aus einer Lebenskrise zu kommen. 2011 machte sie sich als Energetikerin selbstständig und mietete sich in eine Praxis im dritten Bezirk ein. Die Klienten kommen aus allen Altersschichten und unterschiedlichsten Berufen, Lkw-Fahrer seien da ebenso dabei wie Krankenschwester,  Schüler mit Prüfungsangst, Fotografen, Juristen oder Pensionisten. „Mein jüngster ist neun Jahre, meine älteste 75“. Mit der EFT-Methode könnten innerhalb einer 80-minütigen Sitzung neben Stress vor allem negative Gefühle wie Enttäuschung, Wut, Ärger oder Trauer gelöst werden.„Die Klienten gehen erleichtert und entspannt nach Hause.“

80 Euro kostet eine Sitzung, Gaida bietet  Einzelsitzungen, aber auch Workshops an. EFT lässt sich unter Anleitung lernen und eignet sich  zur Selbstanwendung zu Hause. Ein 3-Stunden-Workshop kostet 90 Euro. Demnächst will die sportliche    Mutter (Marathonläuferin)  ihr Wissen auch  in Buchform herausbringen. www.eft-energetikerin.at

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