"Herren haben sich die Quote verdient"

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Foto: Kurier/Juerg Christandl Monika Schulz- Strelow

Österreich bekommt ab Jänner eine Frauenquote für Aufsichtsräte. Monika Schulz-Strelow, Präsidentin von "Frauen in die Aufsichtsräte" in Berlin, über das Quotengesetz, das es in Deutschland schon seit zwei Jahren gibt.

KURIER: Frauen in die Aufsichtsräte: Was in Österreich ab Jänner 2018 per 30-Prozent-Quote vorgeschrieben sein wird, gibt es in Deutschland schon seit 2016. Was hat sich seither geändert?

Monika Schulz-Strelow: Wir haben in Deutschland die Quote in Aufsichtsräten unter bestimmten Bedingungen. Bei den Unternehmen, die der festen Quote unterliegen, haben alle die 30-Prozent-Marke erreicht. Wir untersuchen regelmäßig die im DAX notierten Unternehmen: die, die nicht der Quote unterliegen, haben einen Frauenanteil von unter 20 Prozent im Aufsichtsrat.

Was wieder einmal zeigt, dass die Quote wirkt.

Ja. Denn wenn man nicht im Fokus der Aufmerksamkeit ist, duckt man sich häufig weg.

Oft heißt es, es gibt nicht genug Frauen. Hat man in Deutschland Schwierigkeiten, Frauen für die Aufsichtsräte zu finden?

Wer sucht, findet. Es ist eine Mär zu glauben, in einen Aufsichtsrat kommt nur ein DAX-Vorstand. Eine Aufsichtsrätin muss natürlich erfahren sein und Führungsexpertise haben. Und generell muss man festhalten: es ist viel zu wenig Internationalität und Diversität im Aufsichtsrat.

Wieso ist Qualifikation bei Frauen ein Thema, bei Männern aber nie?

Ich habe es bei Männern auch noch nie gehört. Bei Frauen werden generell mehr Kriterien angelegt als bei Männern. Es ist ein Schlag-mich-tot-Kriterium, um Frauen zu verhindern. Es gibt reichlich Frauen, da bin ich sicher. Schauen Sie sich die Zahl der Uni-Abgängerinnen an.

Sehen sich Frauen durch dieses Gesetz als Quotenfrauen abgestempelt?

Einige sagen natürlich, sie wollen das nicht sein – das verstehe ich auch. Aber wäre die ganze Bewegung nicht gewesen, würden sie diese Jobs überhaupt nicht angeboten bekommen. "Wir sind gegen die Quote und haben es ganz aus eigener Kraft geschafft" – ein Mann würde das nie sagen. Männer wissen, dass man immer einen Mentor oder Sponsor braucht, der einen trägt. Die Ablehnung der Frauen gegenüber der Quote ist aber geringer geworden.

Wie viel Gegenwehr gab oder gibt es aus der Wirtschaft?

Anfangs war die Gegenwehr enorm groß, weil die Quote als Eingriff in die Organisation betrachtet wurde. Wertkonservative Manager haben gesagt, hier haben Frauen nichts verloren. Das würden sie heute nicht mehr sagen, auch, weil es nicht mehr politisch korrekt wäre. Da hat sich viel verändert, aber wir sehen auch, dass nicht ein Gramm mehr passiert, als getan werden muss.

Wo stünde Deutschland heute ohne Quote?

Wir haben in Deutschland eine freiwillige Selbstverpflichtung gehabt. Sie war vom 2001 bis 2015 verankert – und hat nichts verändert. Sie war komplett wirkungslos. Es geht nur mit Druck und Sanktion. Selbst unsere Bundeskanzlerin hat gesagt: "Wir haben 20 Jahre vor den Türen gestanden und gewartet. Sehr geehrte Herren, Sie haben sich die Quote durch Nichtstun verdient."

Wie tun sich Frauen in männlich dominierten Aufsichtsräten?

Wenn eine Frau dort allein ist, ist es nicht gut. Deshalb liegt die Quote ja auch bei 30 Prozent, damit sie eine Kraft haben. Erst bei 30 Prozent werden Minderheiten als Normalität angesehen.

Orten Sie seit der Quoteneinführung generell mehr Sensibilität beim Thema Diversität?

Ja, definitiv. Die Unternehmen, die der Quote unterliegen, legen andere Zielgrößen für Vorstand und Managementebenen fest. So kaskadiert die Vielfalt dann ins Unternehmen hinein. Bei diesem Prozess muss sich nämlich die gesamte Firmenkultur ändern. Apropos Firmenkultur: Wir empfehlen jungen Frauen zu Beginn ihrer Karriere, sich die Unternehmen gut anzugucken. Die Frage ist: gibt es in einer Firma überhaupt die Chance, weiter nach oben zu kommen.

Welche Auswirkungen hat das Gesetz langfristig?

Unsere Hoffnung ist, dass das Gesetz einmal abgeschafft werden kann, weil gemischte Gremien dann eine Normalität sind. Wir sind Mahner und Pusher, mit der Hoffnung, dass man uns irgendwann nicht mehr braucht.

(kurier) Erstellt am
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