Wirtschaft | Karriere
16.01.2012

Harmer: „Das traut sich niemand mehr“

Philipp Harmer, scheidender CEO des Headhunter-Unternehmens Egon Zehnder Wien, das auch auf den öffentlichen Sektor spezialisiert ist – er wurde etwa beauftragt, den Chefposten der ÖIAG zu besetzen – über Postenschacher und Scheinausschreibungen.

KURIER: Egon Zehnder besetzt Stellen im öffentlichen Sektor: Warum greifen staatliche Betriebe auf Sie als Headhunter zurück?

Philipp Harmer: Republik und Gebietskörperschaften sind verpflichtet, Stellen öffentlich auszuschreiben. Das können sie selber machen. Sie bedienen sich aber meist für höhere Funktionen eines externen Beraters. Gerade für diese höheren Funktionen ist es gut, wenn ein externer Berater dabei ist, der den Markt und die Branche kennt.

Wie funktioniert der Ablauf der Stellenbesetzung?

Die Republik bzw. Gebietskörperschaft lässt den Ausschreibungstext vom Headhunter formulieren und das Inserat schalten. Bewerbungen werden von ihm evaluiert und aussichtsreiche Bewerber auf eine Shortlist gesetzt und zum Gespräch eingeladen. Die drei bis fünf Besten werden der Hearing-Kommission vorgestellt.

Und wenn der Headhunter einen geeigneten Kandidaten in petto hat?

Dann wird diesem nahegelegt, dass er sich im Rahmen der Ausschreibung auf die Stelle bewirbt.

Gab es in Ihrer Erfahrung jemals parteipolitische Interventionen?

In den 17 Jahren bei Egon Zehnder hab ich nie erlebt, dass eine politische Partei ganz unverfroren sagt, sie will einen bestimmten Kandidaten. Das wird in der öffentlichen Wahrnehmung übertrieben dargestellt. Aber logischerweise fühlt man sich als demokratiepolitisch Legitimierter mit Leuten seines Vertrauens wohler. Dass man jemand nur aus parteipolitischer Zugehörigkeit, ohne Qualifikation nimmt, das ist vorbei. Das traut sich niemand mehr. Weil doch die Haftungen für den Aufsichtsrat bei einem unqualifizierten Bewerber unglaublich hoch sind.

Gut, aber was, wenn die Qualifikation stimmt ...

Ich habe öfters erlebt, da wäre einer gewünscht. Man hat dann gemerkt, das geht fachlich nicht, dann hat man es auch nicht gemacht. Sehr oft gibt es aber die Situation, dass Positionsinhaber einen guten Job machen und sich für eine weitere Amtszeit wieder bewerben. Da passiert es sehr oft, dass ihnen ein Vertrauensvorschuss vom Evaluierungsgremium gegeben wird. Das ist, glaube ich, aber auch total in Ordnung.

Ihnen sind nie parteipolitisch gefärbte Wünsche untergekommen, auch nicht indirekt?

Was ich explizit erlebt habe in Gremien, war: Dass man niemanden wünscht, der politisch radikal ist oder wegen Wiederbetätigung verurteilt wurde.

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