Wirtschaft | Karriere
03.05.2018

„Habe schon viele Welten zerstört“

Effekte-Meister Luis Guggenberger ist 29 Jahre alt und hat das erreicht, wovon viele Künstler ihr Leben lang träumen.

Wenn sich die Wolken dunkelrot färben und der Himmel Feuer speit; wenn der Burj Khalifa aus dem Boden in Dubai gerissen wird und Tausende Kilometer weiter mit voller Wucht ins London Eye prallt. Wenn außerirdische Planeten-Konstruktionen über die Erde kratzen und dabei ganze Kontinente zerbersten. Dann war Luis Guggenberger wieder am Werk. Er mag der breiten Masse nicht bekannt sein. Was aber fast jeder kennt, ist seine Kunst in Filmen. Der Deutsche ist „Concept Artist“ und verleiht Action- und Science-Fiction-Filmen das einzigartige Gefühl, die glaubhafte Umgebung. Mit digitalen Effekten. Sein Talent steckt in den bekanntesten Blockbustern: „Star Wars Episode VII“, „Independence Day 2“ oder „Avengers – Age of Ultron 2“. Guggenberger hat mit erst 29 Jahren das erreicht, wovon manche Künstler ihr Leben lang träumen: eine Karriere in Hollywood.

Beinahe schüchtern stand der Effekte-Meister jetzt vor wenigen Tagen vor einem vollen Hörsaal des Aus- und Weiterbildungs-Instituts für audiovisuelle Medien SAE und hielt hier seine Masterclass vor Studenten. „Ich habe in dem, was ich studiert habe, eigentlich nie eine Karriere gesehen“, sagte er verschmitzt. Denn er wurde eines Besseren belehrt. Guggenberger, der mit seinem zerzausten Haar, Lennon-Brille, den aufgekrempelten Jeans und weißen Sportsocken selbst noch wie ein Student wirkt, trennen heute Welten von seinen fast gleichaltrigen Zuhörern. Während die noch jahrelang büffeln müssen, hat er heute bereits jahrelange Praxis bei den Medienkonzernen Lucasfilm (von Star Wars-Produzent George Lucas gegründet), oder Scott Free (von Ridley Scott, dem Macher von Gladiator, Prometheus oder Blade Runner 2049 gegründet) hinter sich.

Vom Praktikanten zum Weltenzerstörer

Die Studis hängen an seinen Lippen, als er von seinen ersten Skizzen als Industrie-Design-Student an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München, von seinen Praktikanten-Engagements und seinem ersten, richtigen Concept-Artist-Job, erzählt. Weil er ein herausragender Praktikant bei „Trixter“ war, wurde er von einem Tag auf den nächsten zum Head of Art Department, einer eigens für ihn geschaffenen Abteilung, gemacht. Sein erster Job: Die Rüstung von „ Iron Man“ (Ja, dem Marvel-Iron-Man-Film) zu kreieren. Sehr aufregend für Guggenberger einerseits, allerdings, „gibt es Glorreicheres als Iron Man’s Hintern zu designen“, lacht er. Dieses Glorreichere lässt nicht lange auf sich warten. Wenige Monate später schon lädt ihn Star-Regisseur Roland Emmerich in sein Los Angeles-Anwesen ein. Er will, dass Guggenberger für „Independence Day 2“ digital die Welt zerstört. Fortan soll das sein Spezialgebiet sein. „Ich habe schon viele Welten zerstört“, erzählt er der Klasse.

Als Concept Artist muss Guggenberger aber weit mehr, als nur zeichnen können. Er muss sich in Situationen und Welten hineindenken, die es gar nicht gibt. Wenn er Atmosphären fremder „Star-Wars“-Planeten konstruieren oder den Mond für „ Transformers“ zerstören soll, wird er zum Physiker. Wenn er Fabelwesen Leben einhaucht, wird er zum Biologen. Wenn er Landschaften aufbrechen lässt, wird er zum Geologen. Ein Großteil seiner Arbeit ist Recherche, denn was man im Film sieht, soll möglichst realistisch wirken – auch wenn es das gar nicht sein kann. Zwar gibt der Regisseur den Inhalt der Szenen genau vor. Wie sie schlussendlich im Film aussehen, liegt in des Concept Artists geschickten Händen.

Ein bisschen Glück

Eine Künstler-Karriere in Hollywood: Wie schafft man die in so jungen Jahren? Der 29-Jährige stapelt tief: „Mit Glück, Glück und: Man muss auch psychisch in der Lage sein, das Glück zu ergreifen“, erzählt er im KURIER-Gespräch. Er rudert zurück: „Nein, in der Branche fliegt einem eigentlich nichts zu, sie ist manchmal sogar sehr hart. Man braucht eine dicke Haut.“ An so großen Projekten zu arbeiten, sei jedenfalls eine Referenz fürs Leben, Projekte könne man sich danach aussuchen. Und es lohne sich auch finanziell. „Am Anfang der Karriere ist Geld nicht wichtig. Ist man aber gut, kommt es von ganz allein.“ Luis Guggenberger scheint bis jetzt gut gewesen zu sein: Vor Kurzem hat er seine heiß begehrte Stelle als Senior Concept Artist bei Industrial Light & Magic (gehört zu Lucasfilms) gekündigt. Jetzt will er seine eigenen Projekten aufbauen – abseits von den einstürzenden Welten in Hollywood.