„Mir rutscht gleich die Hand aus“: Wenn Gewalt den Arbeitsalltag bestimmt
„Wer in der gehobenen Gastronomie arbeitet, weiß, dass zwischen Küche und Service eine gewisse Spannung herrscht“, erzählt eine ehemalige Servicemitarbeiterin. Der Umgang in der Küche ist rau, das Service wiederum muss dem Druck der Gäste standhalten. „Das kann im Team zu Auseinandersetzungen führen“, sagt sie. Einmal uferte ein Konflikt besonders aus. Eine Führungskraft wurde handgreiflich und würgte einen Mitarbeiter. Sie ließ erst ab, als der Lokalinhaber einschritt.
Das Beispiel ist kein Einzelfall. Gewalt am Arbeitsplatz nimmt sogar zu. Laut aktuellen Daten der Allgemeinen Unfallversicherungs-Betriebsgesellschaft (AUVA) sind Vorfälle seit 2021 um 65 Prozent gestiegen (der KURIER berichtete). Konkret wurden vergangenes Jahr 1.750 Fälle registriert. Dabei handelt es sich ausschließlich um Fälle körperlicher Gewalt, die sogar im Krankenstand mündeten. Es sei also nur die Spitze des Eisbergs, sagt Caroline Krammer, Präventionsdirektorin der AUVA in einem Hintergrundgespräch.
Nicht erfasst wurden psychische Gewalt, wie Beschimpfungen oder Mobbing, sowie sexuelle Belästigung. Dabei können auch diese Übergriffe gravierende gesundheitliche Folgen haben, mahnt Dinah Djalinous-Glatz, Expertin für Arbeitnehmerschutz im Gewerkschaftsbund (ÖGB). Oder eine ganze Karriere überschatten.
Gewalt ist keine Branchensache
„Es ist mir ein großes Anliegen, meine Erfahrungen zu äußern“, schreibt eine besorgte Mutter in einem Leserbrief an den KURIER und bittet diesen zu veröffentlichen. Es geht um ihre Tochter. Diese hat eine Ausbildung zur Landschafts- und Gartengestalterin absolviert. Es war ihr „großer beruflicher Wunsch“, doch nach nur drei Jahren im Job ist die Freude getrübt. Der Chef soll cholerische Züge an den Tag legen. Jeden Morgen um sieben Uhr soll die Belegschaft einen grundlosen „Anschiss“ kassieren. Herabwürdigende Äußerungen gehören zur Tagesordnung.
Langjährige Mitarbeiter würden kündigen, da sie die Demütigungen nicht mehr ertragen können. „Meine Tochter sucht seit einigen Monaten psychologische Unterstützung, da sie ihrem – einst Traumberuf – jetzt immer negativer und demotivierter entgegensteht.“ Auch der Bruder der jungen Gärtnerin ist in der Branche und hat mit einem „jähzornigen Chef“ arbeiten müssen. „Jetzt rutscht mir aber gleich die Hand aus“, soll sein Chef gedroht haben. „Ich hatte schon die Abende vor dem Arbeitsbeginn Bauchweh und Übelkeit“, teilt er dem KURIER auf Nachfrage mit.
Die Erfahrung der jungen Gärtner zeigt: Gewalt am Arbeitsplatz kann jede Branche treffen – und unterschiedliche Ausprägungen haben. Sie kann intern durch Vorgesetzte oder Kollegen erfolgen. Oder extern – von Kunden, Klienten und Patienten. Zweiteres treffe auf zwei Drittel der Vorfälle zu, so die Daten der AUVA. Am stärksten betroffen seien Frauen und Beschäftigte in Berufen mit intensivem Kundenkontakt. Der kritischste Sektor wäre mit Abstand der Gesundheits- und Sozialbereich.
„Gewalt ist nicht normal“
Das verdeutlicht ein schonungsloser Bericht einer Mitarbeiterin im Sozialwesen. „Das Adrenalin ist schon sehr hoch bei uns. Wir haben viel mit Gewalt zu tun, das ist ein gängiges Thema“, erzählt sie. „Es gibt Situationen, wo wir uns vor Klienten stellen müssen, um sie zu schützen.“
Man bekomme aber auch von Angreifern und Klienten regelmäßig „Beleidigungen an den Kopf geschmissen“ bis hin zu angedeuteten Drohungen. „Kein Wunder, dass immer mehr Femizide in diesem Land passieren“, musste sich die Mitarbeiterin anhören.
Für sie seien solche Situationen zwar alltäglich, doch Yvonne Rychly von der Gewerkschaft vida betont, dass Gewalt niemals normalisiert werden dürfe. „Es kommt immer wieder vor, dass die Menschen glauben oder ihnen eingeredet wird: Das ist das Berufsrisiko, das gehört zum Beruf dazu. Nein, absolut nicht. Es braucht null Toleranz, klare Regeln und konsequente Prävention.“ Rychly fordert Schulungen, ausreichend Personal und klare Meldewege.
Dem müssten Arbeitgeber nachkommen, ergänzt Dinah Djalinous-Glatz vom ÖGB: „Das Arbeitnehmer:innenschutzgesetz verpflichtet Arbeitgeber bereits, Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten zu schützen und Gefahren zu evaluieren.“ Doch auch Betroffene können tätig werden (siehe Kasten unten).
Die Fälle von Gewalt am Arbeitsplatz steigen, zeigen Daten der AUVA. Viele Vorfälle bleiben jedoch ungemeldet – aus Angst oder weil Gewalt in manchen Berufen noch immer als Teil des Arbeitsalltags wahrgenommen werde, erklärt Yvonne Rychly, stellvertretende vida-Bundesfrauenvorsitzende bei einem Pressegespräch vergangene Woche.
Umso wichtiger sei es, Gewalt klar als solche zu benennen: Sie beginne nicht erst mit körperlichen Angriffen, sondern bereits bei Beschimpfungen, Drohungen oder sexueller Belästigung.
Aber was tun, wenn es am Arbeitsplatz tatsächlich zu Gewalt kommt?
Was zu tun ist
„Gewaltprävention ist nicht ein individuelles Problem oder eine Frage von Sicherheitseinrichtungen, sondern eine Frage der Unternehmenskultur, der Führung, der Kommunikation und des täglichen Miteinanders“, sagt Caroline Krammer, Präventionsdirektorin der AUVA. Genau hier gebe es jedoch noch Aufholbedarf, ergänzt Dinah Djalinous-Glatz vom ÖGB. In vielen Betrieben würden klare Verfahren fehlen.
Beschäftigte wüssten entsprechend oft nicht, an wen sie sich wenden können oder wie mit Vorfällen umgegangen wird. „Aus Gewerkschaftssicht würde ich auf jeden Fall dazu raten, sich an den Betriebsrat oder an uns zu wenden. Der kann sich für einen einsetzen. Als Kollege würde ich aber auch mit dem Betroffenen reden und schauen, was er braucht“, so Djalinous-Glatz. Experten raten zudem, Vorfälle immer zu dokumentieren – besonders bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.
Es braucht Unterstützung von oben
Was der Mitarbeiterin im Sozialbereich im Arbeitsalltag geholfen hat? Supervision und sogenannte „Team Peers“, also Kollegen, mit denen man sich austauschen kann. „Es braucht auch Selbstreflexion und das Lernen, Distanz zu wahren“, sagt sie. Außerdem holt sie Unterstützung von ihrer Teamchefin ein. Hilfeleistung vom Vorgesetzten war auch für die Servicemitarbeiterin zentral.
„Es braucht eine Managerin, die ein Machtwort spricht und bei Übergriffen Konsequenzen zieht“, sagt sie. Auch bei Fehltritten von Gästen brauche es einen Lokalinhaber, der das Konzept „Der Gast ist König“ nicht blind walten lässt. Denn wer Gast ist, muss sich auch benehmen.
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