Wirtschaft | Karriere
26.11.2018

Gesucht: Mehr als 200 neue Professoren

Österreichs größte Hochschule, die Uni Wien, schreibt 73 ganz neue Professuren aus. Auch anderen heimische Unis stocken auf.

Universitätsprofessoren auf Jobsuche dürfen sich freuen. Die Uni Wien schreibt dieser Tage auf einen Schlag 73 ganz neue Professuren aus. Die Innsbrucker Uni verstärkt sich mit 45 neuen Professuren. Graz stockt um 40 auf, die Wirtschaftsuniversität (WU) um 30, die Uni Linz ebenfalls um 30. 19 neue Lehrstühle schafft die Uni Salzburg.

Ermöglicht wird die Einstellungswelle durch ein finanzielles Plus: 2017 hat der Nationalrat beschlossen, das Budget der 22 heimischen Universitäten für die Jahre 2019 bis 2021 um 1,35 Milliarden Euro auf insgesamt 11,07 Milliarden Euro aufzustocken. „Das Budgetplus ist positiv zu werten“, sagt Jürgen Janger, Experte für Finanzierungsstrukturen an Universitäten und stellvertretender Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts.

Verhandlungssache

Nachsatz: „Das Plus liegt zwar deutlich über der Inflation, im absoluten Vergleich haben die meisten europäischen Topunis aber weit mehr Geld verfügbar.“ Hinzu käme, dass die großen Unis in den Budgetverhandlungen mit dem zuständigen Ministerium aufgrund des Einstiegs in die Studienplatzfinanzierung wahrscheinlich besser abschneiden werden, als kleinere.

Janger: „Ich vermisse einen stärkeren Ausbau bei den Fachhochschulen.“ Die 3000 neuen Studienplätze, die der FH-Entwicklungsplan vorsehe, seien im Verhältnis zur Gesamtnachfrage zu wenig. „Die praxisnahen FH hätten Potenzial, die öffentlichen Hochschulen bei der Lehre zu entlasten.“

Digitaler aufstellen

Fragt man die Universitäten, wo die neuen Professuren eingesetzt werden sollen, nennen alle eine verbesserte Betreuungsquote als prioritär. Davon abgesehen will man sich mit den neu geschaffenen Stellen moderner ausrichten.

Forschungsstärken wie molekulare Biowissenschaften, Klimawandel und Digitalisierung will etwa Uni-Graz-Rektorin Christa Neuper ausbauen. Meinhard Lukas, Rektor der Uni Linz: „Mit der Hälfte der neuen Professuren wollen wir Forschung und Lehre in den technischen Studiengängen ausbauen.“ Etwa mit dem neuen Studium „Artificial Intelligence“, das 2019 als Fernstudium, unter anderem am Standort Wien startet. Eine Pilotfabrik für Industrie 4.0 in Kooperation mit der Wirtschaft nimmt ebenfalls 2019 ihren Betrieb auf.

Die Uni Innsbruck will Studierenden diverser Fächer Zusatzqualifikationen, etwa im Bereich der Digitalisierung, anbieten. Weiters werden zwei neue Forschungsgebäude errichtet und wissenschaftliche Stärkefelder wie Physik und die Erforschung des alpinen Raums ausgebaut. Die Uni Salzburg expandiert im Schwerpunkt European Union Studies und in der Lehrerausbildung.

Die WU will sich noch besser vernetzen: „Weil viele in wichtigen Wirtschaftspositionen oder erfolgreiche Gründer sind, wird eine intensivere Beziehungen zu unseren Alumni in den nächsten Jahren ein Schwerpunkt sein“, so Rektorin Edeltraud Hanappi-Egger.

Internationaler werden

Zugleich möchten sich die Hochschulen über die Landesgrenzen hinaus vernetzen. Die Uni Graz verhandelt aktuell eine neue strategische Partnerschaft mit der chinesischen Universität Nanjing. Für ein mit 30 Millionen Euro dotiertes Pilotprojekt der Europäischen Kommission für ein neues Netzwerk europäischer Universitäten kündigen WU, Uni Innsbruck und Uni Salzburg gegenüber dem KURIER ihre Bewerbung an. An den Universitäten Linz und Graz überlegt man noch.

Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron hatte im Herbst vergangenen Jahres vorgeschlagen, bis 2024 mindestens 20 Europäische Universitäten zu gründen, "die ein Netzwerk von Universitäten aus mehreren Ländern Europas bilden und die einen Studienverlauf schaffen, in dem jeder Studierende auch im Ausland studieren kann, und die Orte pädagogischer Neuerung und exzellenter Forschung sind." Die Kommission hat im Oktober eine Pilotphase mit einer Projektsumme von 30 Millionen Euro ausgeschrieben. Dabei sollen sechs Projekte mit jeweils maximal fünf Millionen Euro für drei Jahre gefördert werden. Die Bewerbungsfrist läuft noch bis Februar.

Im Zuge des Pilotprojekts sind unter anderem gemeinsame Studiengänge mit Hochschulen im Ausland geplant. In Salzburg gibt es das bereits: „Den Bachelor Ingenieurwissenschaft absolvieren Studierende zum Teil an der TU München. Der Master Digital Communication Leadership wird gemeinsam mit Universitäten in Kopenhagen und Brüssel angeboten“, so Rektor Heinrich Schmidinger.

Heinz W. Engl: „Professorenberufungen sind meine wichtigste Aufgabe“

Uni-Wien-Rektor Heinz W. Engl über die größte Professorenbesetzung der 653-jährigen Geschichte des Hauses.

KURIER: Herr Rektor, Sie sind Mathematiker. Die Uni Wien schreibt jetzt 73 neue Professuren aus. Das ist eine Steigerung um wie viel Prozent?

Heinz W. Engl: Etwa 15 Prozent.

Dann ist das die größte Professorenbesetzung der vergangenen Jahrzehnte.

Absolut. Ich glaube sogar, das hat es noch nie gegeben.

Liegt wohl auch daran, dass es heute mehr Studierende gibt, als vor 100 Jahren.

Die vielen Studierenden sind der Anlass, um darauf hinzuweisen, dass wir mehr Geld brauchen: International kommen 40 bis 70 Studierende auf einen Professor, wir haben teilweise in manchen Fächern Verhältnisse, bei denen wir auf  bis zu 300 Studierende kommen. Mit unserer Ausschreibung stehen wir jetzt aber in riesiger internationaler Konkurrenz. In Deutschland etwa sucht man gerade auf ähnlichen Gebieten, wie wir.

Schon jede vier Professur in Österreich wird von einem Deutschen besetzt. Wie international legen Sie Ihre Suche an?

Zwei Drittel unserer Berufungen kommen jetzt schon von außerhalb Österreichs – man darf den wissenschaftlichen Arbeitsmarkt nicht national sehen. Klar haben wir viele Professoren aus Deutschland, es arbeiten aber auch viele Österreicher in Deutschland. Der wissenschaftliche Nachwuchs ist mobil, Karrieren sind international.

Sie werden auch  19 Tenure-Track-Professuren für Nachwuchswissenschaftlern ausschreiben. Ist es attraktiv, sich in Österreich für eine Uni-Karriere zu entscheiden?

Ja, sicher. Wien ist ein attraktiver Forschungsstandort – die Uni Wien ist zwar riesig, sie hat aber eine hohe Qualität in vielen Fächern. Und eine Wissenschaftlerin, die hierher kommen will, schaut natürlich: Wie steht ihr Fach da?

Unter anderem werden die Geistes- und Sozialwissenschaften mit digitalen Arbeitsmitteln und Methoden kombiniert. Wie oft sollten sich der Lehrplan und die Lehrmethoden Ihrer Meinung nach erneuern?

In der Forschung muss man sich ständig erneuern. Gerade in den durch die Digitalisierung betroffenen Fächern – und das werden letzten Endes alle sein – müssen wir uns jetzt anpassen. Auch in der Lehre, aber man sollte nicht zu reaktiv sein. Universitäre Ausbildung strebt schon langfristiges Wissen an, man muss nicht auf jeden neuen Trend sofort mit einem Studienprogramm reagieren. Die revolutionären, disruptiven neuen Trends beeinflussen unser gesamtes Leben. Dazu haben wir dann die neuen Professoren, die diese Veränderungen tragen und mitgestalten. Wir haben jetzt eine Chance, langfristig die Uni zu modernisieren.

Hielten die bisherigen Methoden den Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht mehr Stand?

Eine Problematik, die viele Studierende haben, ist natürlich: Sie studieren neben ihrem Beruf. Digitalisierung bietet Chancen, Dinge, die man in der Präsenzlehre nicht machen konnte, individuell nachzuholen, seine eigene Geschwindigkeit auszusuchen. Das bedarf großer Überlegungen, aber auch großer Investition.

Blended Learning und Onlinekurse sollen die Zukunft sein -  die heimischen Unis setzten auf mehr Personal. Wie passt das zusammen?

Ich war bei der Inauguration des jetzigen MIT-Präsidenten dabei, die Präsidentin von Harvard hat die Festrede gehalten. Dort war die Hauptfrage: Wozu haben wir heute eigentlich noch einen Campus, wozu so viele Professoren, warum müssen Studierende vor Ort sein? Die Antwort ist ganz klar: Wissenschaft und wissenschaftliche Ausbildung lebt vom persönlichen Kontakt. Elektronische Methoden dienen der Vorbereitung, die Universität hat dann die Aufgabe, diese Erkenntnisse dann persönlich zu diskutieren.

Sie suchen 73 neue Professoren – was müssen sie können und mitbringen?

Grundvoraussetzung ist: Weltklasse in der Forschung. Die Berufungskommissionen beurteilen in erster Linie die Qualität der Forschung, aber auch internationale Sichtbarkeit ist wichtig. Wir sind aber keine reine Forschungsinstitution, wir sind eine Universität, wir brauchen also Leute, die auch gern Studierende ausbilden und das nicht als lästige Pflicht sehen. Das kann man bei Berufungsverfahren auch gut abtesten. Dann brauchen wir natürlich Personen, die sich einfühlen, soziale Kompetenz haben. Professoren sind ja auch Führungspersonen, leiten wissenschaftliche Projekte, müssen in der Lage sein, Mittel für ihre Forschung aufzutreiben, etwa beim Forschungspreis ERC.

Wie viele Bewerbungen erwarten Sie?

Je nach Fach hatten wir in der Vergangenheit immer zwischen 30 und 100 Bewerbungen. Das braucht man nur zu multiplizieren. Das wird eine riesige Aufgabe. Die ersten Tenure Tracks sollen am 1. Oktober 2019 beginnen, die ersten Professoren wohl ein Jahr später. Aber jede zweite Verhandlung führt nicht zu einer Einigung, ich rechne mit 150 Berufungsverhandlungen. Und ich sehe die Professorenberufungen als meine allerwichtigste Aufgabe. Das wissenschaftliche Personal prägt die Universität schließlich für die nächsten 30 Jahre.

Sie haben ein hartes Jahr vor sich.

Mir ist lieber, wir haben viel zu tun und können die Uni voranbringen als wir sitzen da und jammern.