In Tati findet man Retro-Möbel, Lampen, natürliche Seifen, Meersalz, Honig, Pasta und eigens aus Ligurien importierte Oliven und Öl.

© KURIER/Franz Gruber

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02/17/2015

Geschichte zu verkaufen

Katharina Polheim bietet in ihrem "Tati" Altes, Schönes und Köstliches.

von Magdalena Vachova

Der achte Bezirk in Wien sei wie ein Dorf, sagt man. Enge kleine Gassen, bürgerliche Lokale, erhabene Plätze. Hier spazieren die Herren mitunter noch mit Stock, der Bäcker kennt einen beim Namen. Unweit des Theaters in der Josefstadt, in der Lange Gasse 26, gibt es nun noch mehr Schönes zum Schauen. Die 52-jährige Bühnen- und Kostümbildnerin Katharina Polheim fand hier den besten Platz, um "Tati" – eine Goldgrube für Liebhaber von Altem – aufzusperren.

Auf 42 Quadratmetern verkauft sie hier seit rund vier Wochen, was sich in ihren 30 Jahren am Theater und in der Künstlerszene angesammelt hat. Kitsch und Schnörkel findet man nicht. "Ich mag schlichtes Design", sagt die Gründerin. Der fünf Meter hohe Laden mit komplett verglaster Auslage ist demnach weiß und einfach gehalten – die Mosaik- und Holz-Tische der 50er- und 60er-Jahre, lässige Freischwinger und Lederstühle, die Spiegel, Dutzenden Lampen, Retro-Uhren und Luster sprechen für sich und brauchen diesen Freiraum.

Zeitlos und köstlich

An der Wand immer wieder die Buchstaben T, A, T und I. Der Name sei einerseits eine Hommage an den französischen Schauspieler Jacques Tati, andererseits eine Aneinanderreihung der Länderkürzel AT und IT – die Länder, in die sich Polheim verliebt hat. "Außerdem wollte ich mich mit dem Namen des Ladens aufs nichts Bestimmtes, wie etwa nur Vintage, festlegen", erzählt sie. Schließlich wolle sie hier nicht nur zeitlose Möbelstücke verkaufen. In ihrem Sortiment finden sich auch Olivenöl und Oliven aus Ligurien, Meersalz, feinster Dijon-Senf, Honig oder Pasta. Obendrein verkauft hier Polheim auch natürliche handgemachte Seifen, welche sie in einer französischen Manufaktur in Marseille persönlich auswählt. Ganz Tati duftet so nach frischer und sauerer Zitronen-Melisse und herbem Rosmarin.

Plötzlich vor den Kulissen

Im Mittelpunkt von Tati zu stehen, ist für Polheim noch gewöhnungsbedürftig. Schließlich hat sie in ihrer Karriere stets hinter den Kulissen gearbeitet. Im wahrsten Sinne. Von der Liebe zur Mode und zur Schauspielerei geleitet, beschließt sie nach ihrer Lehre als Tapeziererin und Dekorateurin in der Schweiz ans Theater, vorerst in die Requisite, zu wechseln. Inspiriert von Thomas Bernhard und Egon Schiele zieht es Polheim mit 30 Jahren aber weiter nach Wien – um mehr über die Bühne zu erfahren und diese an der Uni für Angewandte Kunst zu studieren. Währenddessen reist sie für ihre Bühnen- und Kostümbild-Engagements durch Europa, lebt nach ihrem Abschluss in Frankreich und Deutschland – aber "meist eigentlich nur im Zug".

Vergangenes Jahr beschließt sie, ihre Theateraktivitäten aufgrund eines familiäres Ereignisses zurückzufahren. Damit einher kommt auch die Zeit, endlich die Idee eines eigenen Ladens zu verwirklichen. Doch was verkaufen? "Bücher? Stoffe? Es gibt so vieles, das mich interessiert hat. Dann habe ernsthaft überlegt: Was liebe ich wirklich?" Schnell war klar: Originale, Requisiten, Geschichte, Kunst. Davon lebte sie immer schon, davon sollte sie auch künftig leben. Sie recherchiert also im Internet nach Lokalen vom fünften bis zum siebten Bezirk. Aus Verzweiflung über die vielen unpassenden und teuren Locations erweitert sie die Suche eines Nachts um den "konservativen", wie Polheim sagt, achten Bezirk dazu. Ein Glück, denn schon am nächsten Tag sollte sie die Besitzer ihres künftigen Tati in der Lange Gasse treffen.

Ab diesem Zeitpunkt wird das leere Geschäft zu Polheims persönlicher Bühne. Im Alleingang und mit Erspartem reißt sie Zwischendecken ein, Parkett raus und renoviert und restauriert wochenlang, bis sie schließlich mit ihrem Werk Premiere feiern kann. Polheim ist heute stolz und strahlt: "Als Bühnenbildnerin war ich schon immer selbstständig. Aber erst jetzt fühle ich mich so richtig unabhängig und frei."

Was jeder Entrepreneur wissen muss

1. Halte deine Fixkosten so niedrig wie möglich. Oft lässt man sich von schönen, schnell verfügbaren und gut gelegenen Geschäftsflächen blenden. Aber das A und O ist es, aufzupassen und gut zu kalkulieren. Das Geschäft muss schwache Verkaufsmonate ohne groben Schaden überleben.

2. Keine Angst vor dem Gewerbeschein. Ich habe aktuell den für „Waren aller Art“ und „Lebensmittel“. Meine Erfahrung mit dem Schein ist: Wenn alles so einfach ginge wie seine Beschaffung, wäre das Leben ein Paradies. Ich möchte auch noch einen dritten, einen Imbiss-Gewerbeschein beantragen, damit ich hier auch ein bisschen was anbieten kann.

3. Die Wirtschaftskammer ist dein Freund und nicht dein Feind. Man hat immer ein bisschen Angst vor dieser Administrative, aber man wird sehr freundlich behandelt und alle sind sehr zuvorkommend.

4. Man darf sich in der Selbstständigkeit erlauben das zu tun, was man wirklich möchte. Und muss nicht das tun, was andere von einem verlangen oder erwarten. Wenn man ein Geschäft aufsperrt, kommen sehr viele Tipps. Viele möchten auch etwa, dass man ihre Ware in Kommission nimmt – aber man muss seinem Konzept treu bleiben.

5. Lerne „Nein“ zu sagen. Auch wenn man dabei die anderen vor den Kopf stößt. Sonst ist man schnell wieder in einem Verpflichtungs-Kreislauf. Anfangs fällt das schwer, es ist aber dringend notwendig.