Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Abriss eines Wiener Traditionswirtshauses – was jetzt dort entsteht

120 Jahre lang prägte ein Wiener Wirtshaus seinen Bezirk. Jetzt steht nur noch die Fassade, doch ein neues Projekt ist offiziell gestartet.
Amons Gastwirtschaft

Am Tag, bevor das Stiegenhaus gefallen ist, ist Leo Amon IV. noch einmal in den ersten Stock gegangen. Dorthin, wo er aufgewachsen ist. Wo seine Familie seit über 120 Jahren gelebt und gearbeitet hat. Sein Vater galt als der beliebteste Wirt im dritten Bezirk, der Urgroßvater hob „Amon’s Gastwirtschaft“ 1904 aus der Taufe und Leopold IV. war es, der das Traditionswirtshaus vor ziemlich genau drei Jahren für immer schließen musste. Nicht weil das Geschäft nicht lief, sondern weil das Haus zu alt, die Sanierung zu teuer gewesen wäre.

„Die letzten Trümmer wurden vor sieben Wochen ins Auto geladen“, erzählt der Gastwirt. „Dann haben sie angefangen.“ Zuerst hat der gelbe Bagger den Wintergarten plattgemacht, dann den Saal, irgendwann das Stiegenhaus und jetzt steht nur noch die Fassade in der Schlachthausgasse 13. Leo Amon IV. ist emotional, aber nicht traurig. „Wir machen ja was Schönes draus“, strahlt er. „Ich behalte den Amon da, der Leopold I. tät sich ur freuen, wenn er das sieht.“

Amon wird zu Noma

Statt Bewirtung bietet die Familie Amon jetzt Behausung. „Das Feine ist: Das ganze Objekt ist im Eigentum und nicht belastet“, sagt Leo Amon IV. 26 moderne Eigentums- und 15 Mietwohnungen entstehen an der Adresse, wo einst die Kutscher und später die Straßenbahner für ihr Fluchtachterl einkehrten, Stammgäste über ein Jahrhundert lang ihre Schnitzerl verspeisten sowie Familien allerlei Feierlichkeiten, von Hochzeiten bis zu Taufen, veranstalteten.

Amon's Gastwirtschaft

Von der Eröffnung 1904 bis zum Abriss im Jahr 2026: Die Amons prägten den 3. Bezirk.

Amon's Gastwirtschaft

Amon's Gastwirtschaft

Von der Eröffnung 1904 bis zum Abriss im Jahr 2026: Die Amons prägten den 3. Bezirk.

Familie Amon

Amon's Gastwirtschaft

Von der Eröffnung 1904 bis zum Abriss im Jahr 2026: Die Amons prägten den 3. Bezirk.

Familie Amon

Amon's Gastwirtschaft

Von der Eröffnung 1904 bis zum Abriss im Jahr 2026: Die Amons prägten den 3. Bezirk.

Amon's Gastwirtschaft

Von der Eröffnung 1904 bis zum Abriss im Jahr 2026: Die Amons prägten den 3. Bezirk.

Jetzt werden im Amon neue Geschichten geschrieben, aber unter anderem Namen. Noma (Ananym von Amon) heißt das Wohnprojekt, das im Herbst 2027 abgeschlossen sein soll. Eine Heidenarbeit, die die Wirtsfamilie ganz bewusst auf sich nimmt. „Ich hätte alles auch in Bausch und Bogen verkaufen können. Nur wie wäre es mir gegangen, wenn ich mit dem Auto vorbeifahre und jemand anderer hat etwas hergestellt, das vielleicht gar nicht schön ist oder nur zum Cash machen?“, stellt Leo IV. in den Raum, der gemeinsam mit seiner Frau Doris das Noma zu seinem „Herzensprojekt“ erklärt hat.

„Meine Frau und ich haben in den vergangenen zwei Jahren wirklich einen Crashkurs gemacht: Von Wirtin und Wirt zu Bauherrin und Bauherr.“ Wobei Doris Amon betont, „keine Immobilienmenschen“ zu sein. „Wir sind Gastronomen.“ Und das wird man im Noma spüren.

Im Eingangsbereich soll es eine Waschstation für Räder und Hundepfötchen geben. Der ursprüngliche Weinkeller der Gastwirtschaft soll wieder installiert werden, mit Original-Mobiliar und einem Tresor, wo Andenksel wie alte Speisekarten gebunkert werden. Den Reservierungsplan verwaltet die Familie Amon, „sonst kommt ein Kuddelmuddel raus oder es feiert jemand eine Party und dann ist was hin.“ Und noch ein weiteres Projekt für Gastlichkeit ist in Planung, aber noch streng geheim. „Schau ma mal“, schmunzelt Leopold IV.

Was es jedenfalls nicht geben wird: Eine neue Amon’s Gastwirtschaft. Tochter Melanie hatte ursprünglich vor, den Amon an einer neuen Adresse im dritten Bezirk wieder auferstehen zu lassen. „Wir haben lange ein Geschäft gesucht, das zu ihr passt“, berichtet Leopold IV. „Aber die meisten waren Pachtlokale, wo der Wirt oder die Wirtin in Pension gehen und natürlich noch so viel mitnehmen wollen, wie möglich.“ 

Die Ablösen überstiegen teilweise eine halbe Million Euro, ins Lokal investieren müsse man auch noch stolze Summen. „Da arbeitest du die nächsten zehn Jahre für nichts“, weiß der Gastronom und ergänzt: „Irgendwann müssen sich die Wirtin und der Wirt verabschieden. Eine Tür geht zu, die nächste geht auf und das ist gut so.“

Amon's Gastwirtschaft

Spatenstich für das neue Projekt der Familie Amon.

Die Tochter fand eine gute Anstellung und ist sehr glücklich mit ihrem Job. Die Stammgäste aber liegen den Wirten bis heute in den Ohren, weil sie ihr Lokal vermissen. „Amon’s Gastwirtschaft war ein Begriff, weit über die Bezirksgrenzen hinaus“, sagt Bezirksvorsteher Erich Hohenberger vergangene Woche beim offiziellen Spatenstich des Projekts. Er, künftige Wohnungseigentümer und bekannte Gesichter wie Chocolatier Andreas Heindl oder Dompfarrer Toni Faber, sind auf die Baustelle gekommen. Für das knusprige Spanferkel, die Familie Amon und um sich eine exklusive Einladung in den Weinkeller zu sichern, wo Amon’s Gastwirtschaft auch noch die nächsten Jahrzehnte oder Jahrhunderte weiterlebt.

Kommentare