Vier Wochen  Freiwilligenarbeit in Afrika: Studentin Hannah Gombas

© SusannaSklenar

Wirtschaft | Karriere
05/13/2019

Freiwilligenarbeit: „Ein bisschen wie Welt retten“

Helfen, Erfahrungen sammeln und Horizont erweitern: Fünf Erfahrungsberichte über Freiwilligenarbeit im Ausland.

Es sind Studenten wie Hannah, Sonja oder Anna, Berufstätige wie Christian, Jungmanager wie Joschua oder auch ältere Selbstständige wie Susanna, die einen Urlaub der anderen Art anstreben. Sie suchen eine Job-Auszeit abseits der Masse und den Touristen-Hotspots, stellen dabei ihre Arbeitskraft oder ihr Know-how zur Verfügung und lernen fremde Kulturen und Länder aus einer Perspektive kennen, die herkömmlichen Reisenden verschlossen bleibt.

Volunteering boomt

Travel-Volunteering ist der neue Hype des individuellen Reisens, das Kurzzeitsabbatical unserer materiell orientierten Gesellschaft, der persönliche, kleine „Beitrag zum Weltfrieden“, wie die Wienerin Susanna, 50, die selbst schon in Südafrika im Einsatz war, sagt.

Denn wer sich bewusst mit fernen Regionen der Erde, deren Bevölkerungen und wiederum deren Bedürfnissen, Alltagsgeschichten, Sorgen und Freuden auseinandersetzt, ja mehr noch, Teil der Community wird, gewinnt Einsicht, Verständnis und in den meisten Fällen auch neue Netzwerke, Werte und Freundschaften.

Freiwilligenarbeit boomt wie selten zuvor, auf allen Kontinenten und unter allen Altersgruppen – ab 18 und ohne Grenzen nach oben“, bestätigen die Mitarbeiter diverser Agenturen, die sich auf die Vermittlung von Volunteer-Projekten spezialisiert haben.

Vier Wochen Südafrika

Hannah Gombas und Susanna Sklenar waren in Afrika

Motivation: „Uns beide hat die Tierwelt Afrikas immer schon fasziniert. Aber auch speziell die vielfältige Natur Südafrikas. Das Projekt war eine einmalige Chance, die Big Five (Anm.: Elefant, Nashorn, Löwe, Büffel, Leopard) hautnah zu erleben, mit erfahrenen Rangers zusammenzuarbeiten und Neues über Wildlife und Tierschutz zu lernen.“ 

Freiwilligenarbeit: „Wir waren jeden Tag stundenlang in einem Resort unterwegs – arbeiteten quasi vor Ort hinter den Kulissen, wo sonst Touristen Safaris machen. Wir machten Aufzeichnungen über die Tierarten  und ihre Aufenthaltsgebiete, studierten ihr Verhalten, waren aber auch für die Instandhaltung der Zäune zuständig oder  fürs Reparieren der Wasserleitungen, die in Trockenzeiten manche überlebenswichtigen Wasserstellen im Reservat speisen.“

Erfahrung: „Man macht etwas Sinnvolles, nimmt teil am Leben von Tieren, die man sonst nur in Filmen oder Zoos sieht und studiert fremde Fauna und Flora aus einer einzigartigen Perspektive. Durch das Tierschutzprojekt lernten wir aber auch viele Menschen in den Townships Südafrikas kennen, arbeiteten zusätzlich mit Waisenkindern und HIV-infizierten Jugendlichen. “

Lehren und viel lernen auf den Philippinen

Joschua hat Englisch und Mathematik auf den Philippinen unterrichtet – ein Herzensprojekt

Motivation: „Wer nicht reist, lernt viele Seiten dieser Welt nicht kennen und schreibt auch an seiner eigenen Geschichte nicht weiter. Ich wollte quasi dahin gehen, wo zuvor kein Weg war, um eigene Spuren zu hinterlassen.“

Freiwilligenarbeit: „Ich war schon mehrmals im Einsatz. Auf den Philippinen habe ich zunächst bei einem Natur- und Umweltschutzprogramm geholfen,dann ging es auf die Insel Palawan, wo ich mit anderen den Einheimischen geholfen habe. Danach aber kam mein Herzensprojekt, bei dem ich in einer Schule Englisch oder Mathe unterrichtet habe.“

Erfahrung: „Manchmal hast du weder Strom, noch Handyempfang oder warmes Wasser. Dafür schier endlose, weiße Sandstrände und vor allem das Gefühl, nicht bloß Helfer zu sein, sondern wie ein Familienmitglied. Den Kindern geht es teilweise gesundheitlich schlecht, dennoch sind sie glücklich, sie lachen jeden Tag, vor allem, wenn sie uns Fremde sehen. Da überdenkst du deine Werte neu. Es geht im Leben nicht darum, alles perfekt zu meistern oder aufs Äußere bedacht zu sein. Es geht darum, Perspektiven zu schaffen – gemeinsam.“

Umwelt- und Tierschutzprojekte, Empowerment-Programme, Waisenhäuser

Und wo Nachfrage ist, da steigt auch die Vielfalt der Angebote. So kann man sich aktuell in Sozialprojekten mit Kindern oder bedürftigen Menschen, in Frauen-Empowerment-Programmen oder in Bildungseinrichtungen und Waisenhäusern ebenso engagieren wie in Umwelt- und Tierschutzprojekten, Nationalparks oder auf Farmen. „Ein solcher Freiwilligenjob ist eine tolle Möglichkeit, neue Fähigkeiten zu entwickeln, über seine Grenzen hinauszugehen, interessante Leute aus aller Welt zu treffen und dabei noch etwas Gutes zu tun“, sagt Sonja, 19, die bereits zweimal in dieser Mission unterwegs war – auf Bali hat sie Kinder unterrichtet und geholfen, das Schulgebäude zu renovieren, in Südafrika arbeitete sie als Sportlehrerin.

„Als Freiwillige arbeitest du unentgeltlich in einem sozialen oder ökologischen Projekt und unterstützt die einheimischen Worker bei ihrer Arbeit. Als Gegenleistung erhältst du von den meisten Projekten oder Gastfamilien freie Unterkunft und Verpflegung.“ Auf alle Fälle lernt man, in einfachen Verhältnissen zu leben, schließt neue Freundschaften mit Einheimischen und internationalen Helfern und taucht für einige Monate in eine ganz andere Welt ein.

Dies zumindest ist garantiert, ob man in Namibia Zebrababys pflegt, in Thailand Lehmhütten baut, in Chile mit Rinderherden unterwegs ist, in Neuseeland auf einer Pferderanch hilft, in Indien Kindern Englisch, Geografie oder Rechnen beibringt, in Südafrika das Verhalten von Elefanten erforscht oder in Frankreich in einer Wohngemeinschaft mit behinderten Menschen lebt – freiwillige Helfer leisten immer einen wichtigen Beitrag fürs Gastland.

In die Schule nach Bali

Sonja Koller absolvierte ein Schulprojekt auf Bali

Motivation: „Angefangen hat es mit der Flüchtlingskrise, da habe ich gemerkt, wie einfach Helfen sein kann. Außerdem wollte ich nach der Schule länger verreisen und dabei etwas Sinnvolles tun, vor Ort helfen, wo Unterstützung benötigt wird – mit dem Ansatz, die Welt zu retten; ein bisschen zumindest.“

Freiwilligenarbeit: „Ich war ein Monat lang auf Bali im Einsatz, habe eine Woche Kinder in Englisch unterrichtet und drei Wochen an einem Schulrenovierungsprojekt teilgenommen. Wir haben Möbel hergerichtet, das Haus repariert, Wände gestrichen, geputzt.“  

Erfahrung: „Man lernt das fremde Land ganz anders kennen als Touristen, schließt neue Freundschaften, auch mit den anderen Freiwilligen aus allen Herren Ländern. Das Beste aber ist das Gefühl, wie sehr man mit einfachen Mitteln jenen helfen kann, denen es viel schlechter geht als uns hier in Österreich.“

Vermittlungsagenturen helfen bei der Suche

Die Freiwilligenprogramme, die es derzeit weltweit gibt, werden auch hierzulande von deutschsprachigen Agenturen vermittelt und organisiert, danach jedoch meistens von lokalen Institutionen betreut. Die Vermittlungsagentur stellt den Interessierten alle Infos zur Verfügung und bereitet die Volunteers gezielt auf die Reise vor, samt allen Formalitäten.

Oft wird im Vorfeld auch eine Art Rundreise oder eine Einschulungswoche angeboten, um sich schneller einzuleben, das Land besser kennenzulernen oder sich auf die jeweilige Tätigkeit gut vorzubereiten. Die meisten Teilnehmer an Freiwilligenprojekten möchten die Zeit zwischen Matura und Studium sinnvoll nutzen und ihren geistigen Horizont weiterentwickeln.

Freiwilligenarbeit als Überbrückung

Aber auch ältere Teilnehmer profitieren von Freiwilligenarbeit: Längere Berufsauszeiten durch unbezahlten Urlaub, eine sinnvolle zeitliche Überbrückung zwischen zwei Arbeitsverträgen oder eine nützliche Aufgabe im Alter – die Möglichkeiten sind vielfältig. Um richtig im Gastland anzukommen und einen praktischen Nutzen aus den Freiwilligenprojekten zu ziehen, empfiehlt sich eine Teilnahme von mindestens vier Wochen.

Obwohl Kost und Logis in den meisten Projekten frei sind, wird häufig ein Unkostenbeitrag verlangt, der zu einem geringen Teil die Programmgebühren abdeckt, zum Großteil aber dem jeweiligen Projekt zugute kommt. Neben der helfenden Hand sorgt ein Freiwilligenarbeiter also auch dafür, dass Unterrichtsunterlagen, Tierfutter oder Baumaterialien angeschafft werden können.

Anbauen lernen in Kanada

Christian schnupperte  ins Leben eines Ökobauers

Motivation: „Ich war immer schon an  Kulturen interessiert, und Arbeiten in der Natur begeistert mich sowieso. Kanada fand ich besonders spannend – sowohl aufgrund seiner Größe und als auch wegen der natürlichen Vielfalt.“

Freiwilligenarbeit: „Ich habe auf dem Land gelebt und bei kleinen Ökobauern gearbeitet. Wichtig war es, flexibel zu sein, denn die Arbeitsaufgaben waren vielfältig – von diversen Arbeiten im Haus bis zur Hilfe bei der Ernte.“  

Erfahrung: „Es ist wichtig, offen zu sein für alles Neue, sich für Land, Leute, Geschichte und Kultur zu interessieren, dann sind die Menschen einem gegenüber auch sehr positiv gestimmt. Die Kanadier sind sehr hilfsbereit und entspannter als Deutsche, sie nehmen manche Dinge nicht ganz so genau. Bei Problemlösungen im Job sind Kanadier deutlich kreativer und spontaner. Auf der Farm habe ich schnell gelernt, komplex zu denken und selbstständig Entscheidungen zu treffen.“

Frewilligenarbeit erweitert den Horizont

Hannah, die gemeinsam mit ihrer Mutter in einem Big Five-Tierreservat in Südafrika gearbeitet hat, will diese Erfahrung jedenfalls nicht missen: „Bei den Freiwilligen-Projekten wohnt und arbeitet man direkt mit den Einheimischen zusammen, tauscht sich aus, lernt voneinander. Wird ein Teil des Ganzen, erfährt ganz unmittelbar, was die Menschen dort wirklich beschäftigt und wie ihr Alltag aussieht. Das verändert definitiv die Sichtweise auf die Welt. Mich jedenfalls hat es sehr verändert.“

Die meisten freiwilligen Worker werden zu Wiederholungstätern: Denn – und das ist das Tolle am internationalen Volunteering – es geht nicht darum, acht Stunden am Tag, fünf Tage in der Woche in einem Projekt mitzuarbeiten, sondern darum, einen Einblick in ein lokales Projekt wie ein Kinderheim, eine Schule oder auch ein Schildkrötenprojekt zu bekommen, ein paar Stunden am Tag dort mitzuhelfen und so auch diesen Aspekt des Gastlandes kennenzulernen.

Ein sinnvolles Jahr in Paris

Anna Ladstätter ging nach der Matura für ein ganzes Jahr weg

Motivation: „Nach der Matura wollte ich nicht gleich studieren, sondern ein Jahr lang etwas anderes machen, mich im sozialen Bereich engagieren und das mit Reisen verbinden.“

Freiwilligenarbeit: „Nach einem zweiwöchigen Vorbereitungscamp habe ich in einer Einrichtung am Stadtrand von Paris mit behinderten Erwachsenen gearbeitet und zugleich mit ihnen in einer Wohngemeinschaft gelebt. Zusammen mit den Sozialarbeitern war ich sowohl für deren Versorgung als auch für Hygiene zuständig, aber auch für Alltagsbetreuung, für Freizeitaktivitäten, fürs Kochen und Aufräumen.“

Erfahrung: „Die Arbeit war hart – zuweilen bis zu 50 Wochenstunden, aber auch interessant und erfüllend. Man lernt so viel, wenn man den Alltag mit beeinträchtigten Menschen – sowohl mental als auch körperlich – teilt. Besonders schön war es, auch vielen anderen jungen Freiwilligen unterschiedlicher Nationen zu begegnen und neue Freundschaften zu schließen. Durch die Arbeit habe ich wertvolles Know-how gesammelt – ich studiere Bildungswissenschaften und möchte künftig im sozialen Bereich arbeiten.“ 

Möglichkeit der Finanzierung

Zur Finanzierung eines Freiwilligenaufenthalts kann man zum Beispiel  einen Spendenkreis aufbauen: informieren Sie Familie, Freunde, Bekannte und Kollegen über Ihre Absicht, in einem Projekt zu helfen und bitten sie, Sie zu unterstützen. Viele werden von der Idee begeistert sein, weil sie wissen, dass ihre Spende wirklich etwas bewegt, nämlich durch Sie und Ihre Arbeit vor Ort.

Details und Informationen:

www.auszeit-weltweit.de

https://welt-sicht.org

www.travelworks.at/freiwilligenarbeit

www.rainbowgardenvillage.com

www.stepin-austria.at/freiwilligenarbeit