Frauen im Recht

Juristinnen zum Weltfrauentag, Nachtrag © Bild: gilbert novy

Unter den Anwälten liegt der Frauenanteil bei nur 19 Prozent, bis zum „Par tner“ schaffen es Frauen fast nie – weil das von Männern erdachte System dagegen hält.

Anno 1933 hieß es noch: „Die Hereinnahme der Frauen in die Gerichtsbarkeit ist ein schweres Unrecht gegen den Mann“. Man könnte meinen, dass dieses Denken immer noch verbreitet ist: Nur 19 Prozent aller Anwälte sind heute Frauen.

KURIER: Wieso ist diese Branche für Frauen so schwierig?

Bettina Stomper-Rosam: Die meisten Großkanzleien sagen, sie seien frauenfreundlich. Noch zu meiner Zeit stellte man jedoch die Frage: Was willst du – Kind oder Karriere? Ich habe beschlossen, wenn sich Männer nicht fragen, wie das mit der Vereinbarkeit geht, dann frage ich mich auch nicht.

Gundi Wentner: Anwälte, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater agieren in einem geschlossenen System – da können sich Männerdomänen leicht halten. Sie haben ein extrem standesrechtliches Denken. Dazu kommt eine gewisse Arroganz: Hat man es hier geschafft, ist man eine gewisse Elite, sie glauben, sie seien die Krönung der Schöpfung, da funktionieren Ausschlussmechanismen gut.

Karin Sommeregger: Auch wenn ich oft die einzige Frau bin, erlebe ich keine Probleme damit. Es weht generell für alle ein scharfer Wind, man muss sich behaupten – ob Mann oder Frau.

Stomper: Früher hätte ich Ihnen zugestimmt. Jetzt, mit Kindern, weiß ich, dass das Großkanzleisystem das Thema Vereinbarkeit untergräbt. Die Anwesenheit zählt, das Stunden abdienen...

Wentner: ... spät und lang da sein: Der wichtige Anwalt ist immer da für den Klienten, was ein völliger Schwachsinn ist.

Stomper: Nicht einmal, wenn man für seine Kinder ein volles Betreuungskonzept hat, kommt man ohne Diskussionen in Großkanzleien durch. Wir reden von zehn, 15 Jahren, wo man ein Familienleben haben will – das wird niemals akzeptiert. Ein Jahr Karenz geht vielleicht grad noch durch.

Aber Stunden absitzen ist gegen jeden Management-Trend.

Wentner: Das sind tradierte Verhaltensweisen, die nicht hinterfragt werden.

Stomper: Man ist nur toll und wichtig, wenn man besonders lange im Büro sitzt. Auch wenn man dadurch besonders viel Effizienz verliert.

Sommeregger: Ein normaler Kanzleitag dauert lange, das stimmt. Ich erlebe bei uns große Diskussionen zu den 80-Stunden-Anwesenheiten und der ständigen Erreichbarkeit. Kanzleien fühlen sich am wohlsten, wenn alle Mitarbeiter bis 22 Uhr da sind. Neue Technologien sollten das Umdenken aber einfacher machen.

Wentner: Die Kultur ist verheerend, auch bei der Frage, wann Meetings gemacht werden.

Stomper: Das ist doch auch ein Vertrauensproblem.

Wieso haben sich Männer so eine Kultur geschaffen?

Wentner: Der durchschnittliche Anwalt bzw. Manager ist verheiratet, hat zwei Kinder und ist vollkommen unbehelligt von familiärer Verantwortung – er hat eine Frau, die mitspielt. Im Büro findet seine Verwirklichung statt.

Denkt die junge Generation beim Thema Work-Life-Balance anders?

Stomper: Mein Mann und ich teilen uns die Kinderbetreuung. Ich glaube aber, dass es Männer hier schwerer haben: bei Frauen ist das Kinderthema eingerechnet, bei ihm wird es nicht akzeptiert.

Wentner: Aber es ist auch eingepreist: Sie verdient weniger, sie darf weniger aufsteigen.

Sommeregger: Es gibt definitiv einen Generationenwechsel hier.

Stomper: Ach, den Wunsch eines Kollegen, am Freitag zu Mittag heim zu gehen, hat der Senior-Partner abgelehnt und nicht verstanden, warum er das möchte.
Sommeregger: Die jungen Anwälte sind hin und her gerissen zwischen dem, was sie toll fänden und den alten Strukturen. Wenn sie erfolgreich sein wollen, müssen sie sich einfügen. Ich merke schon, dass die Jungen etwas anderes wollen. Mehr Work-Life-Balance, nicht jeden Tag bis 23 Uhr sitzen.

Was muss man leisten, um nach oben zu kommen?

Sommeregger: Viel. Es ist superhart, da wird enorm viel Einsatz gefordert. In die Höhen schaffen es bedeutend mehr Männer als Frauen. Es müsste für die Branche normaler werden, dass es Frauen schaffen.

Wentner: Wenn es keine Role-Models gibt, ist es auch weniger erstrebenswert. Weil man nicht sieht, wie es gehen könnte. Und es genügt auch nicht, wenn es nur eine Frau es schafft, es müssen schon viele sein, damit das normal wird. Frauen wird das Gefühl vermittelt, sie gehören nicht dazu, da spielt auch eine gewisse Frauenfeindlichkeit mit. Sie werden abgewertet, weil die Männer kein Interesse haben, ihre Kreise zu öffnen. Das ist kurzsichtig, weil die guten Leute fehlen werden. Und es ist betriebswirtschaftlicher Nonsens, mit fünfzig Prozent Frauen zu starten, sie dann aber nicht zu entwickeln.

Sommeregger: Es gibt auch in den Großkanzleien Tendenzen, dass sich die Männerkreise öffnen müssen, weil der wirtschaftliche Druck größer wird. Es gibt zunehmend Mandanten, die hinterfragen: Warum sind eure Anwälte immer 35-jährige, weiße Männer?

Welche Faktoren könnten Veränderungen schaffen?

Wentner: Nur die Mitarbeiterknappheit und die jungen Generationen. Je jünger, desto mehr fordern sie gute Bedingungen.

An ein Umdenken der älteren Generationen glauben Sie nicht?

Wentner: Nein, an das glaube ich absolut nicht. Das kann nur durch eine wirtschaftliche Notwendigkeit erzwungen werden.

Stomper: Wir müssen hoffen, dass die Generation Y da so stur ist, wie sie prognostiziert wird. Es ist der Nachwuchs oder es sind die Mandanten, die Veränderung bewirken können. Aus den verhärteten Strukturen heraus wird sich nichts ändern.

Drei Frauen, drei Lebenswege

Die Rechtsanwältin Bettina Stomper-Rosam nennt sich selbst einen bunten Hund: Nach diversen Ausflügen in die Medien und einem Einstieg bei Haarmann Hügel war sie nicht sicher, ob das Leben in der Großkanzlei für sie richtig ist. Sie wechselte in die Selbstständigkeit und ist seit Kurzem Mitgründerin und Rechtsanwältin bei Northcote.Recht: eine Marke für selbstständige Rechtsanwälte, die das Thema „balanced life“ bewusst in ihren Werten hat. Derzeit sind fünf Anwälte bei Northcote.Recht. Beate Stomper-Rosam ist Jahrgang 1974 und hat drei Kinder im Alter von 7, 5 und 3 Jahren. Zum Frauentag sagt sie: „Schade, dass es das braucht.“

Gundi Wentner studierte Rechtswissenschaften an der Universität Graz und absolvierte ein postgraduales Studium an der Johns Hopkins University. Sie wollte immer Anwältin werden, in den 80er-Jahren wurde ihr von allen Seiten gesagt „das ist nichts für eine Frau.“ Sie entschied sich, in die Unternehmensberatung zu gehen, wo sie seit über zwanzig Jahren erfolgreich ist. Ihre Schwerpunkte sind Personal und Personalmanagement. Gundi Wentner ist Jahrgang 1960 und hat eine Tochter, die zehn Jahre alt ist. Zum Frauentag sagt sie: „Das braucht’s. Es ist erstaunlich, wie viele Themen da immer wieder diskutiert werden. In den vergangenen Jahren gibt es extrem wenig Fortschritt.“

Nach dem Diplomstudium der Rechtswissenschaften an der Uni Wien ging Karin Sommeregger für einen postgradualen Studiengang an die Anglia Ruskin University, es folgte ein Doktoratsstudium der Rechtswissenschaften an der Uni Wien (Promotion 2008). Seit 2010 ist sie Rechtsanwältin bei Freshfields Bruckhaus Deringer LLP (70 Juristen, 120 Mitarbeiter) mit Spezialisierung auf den Fachbereich Arbeitsrecht, Pensionsrecht und Vergütungssysteme, seit 2012 ist sie „Principal Associate“ und hat einen Lehrauftrag an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sommeregger ist Jahrgang 1980 und hat keine Kinder. Zum Frauentag sagt sie: „Einer von 365 Tagen kann ruhig den Frauen gewidmet werden.“

Zur "Partnerin" schaffen es nur wenige

In den großen Anwaltskanzleien gab es lange Zeit kaum Frauen: 1951 zählte man in Österreich 34 Anwältinnen, erst 1973 waren es hundert (von 2091 gesamt). Heute ist zwar die Hälfte der Berufseinsteiger weiblich, bis zur Gesellschafterin schafft es aber kaum eine Frau. In den zwölf umsatzstärksten Großkanzleien in Österreich gibt es insgesamt 181 Partner, nur 13 davon (sieben Prozent) sind Frauen. Die beiden größten heimischen Kanzleien – Binder Grösswang und bpv Hügel – haben keine Gesellschafterinnen in ihrer Führungsriege.
Die Rechtsanwaltskammer zählt derzeit 5756 Rechtsanwälte in Österreich, 1109 (19 Prozent) davon sind Frauen. Dabei wäre die Ausgangsbasis durchaus ausgewogen: Von den Rechtsanwaltsanwärtern sind von 2016 immerhin noch fast die Hälfte, nämlich 958, weiblich (Stand: Dezember 2012). Im Gegensatz dazu gibt es eine regelrechte Feminisierung der Justiz: 67,3 Prozent der Richteramtsanwärter und 53 Prozent der Richter sind Frauen, 50,4 Prozent der Staatsanwälte sind weiblich.

Erstellt am 08.03.2013