Wirtschaft | Karriere
05.06.2018

Franz Viehböck: Manager-Tipps aus dem All

Während der Deutsche Alexander Gerst am Mittwoch zum zweiten Mal ins All fliegt, ist Franz Viehböck, Österreichs einziger Astronaut, heute Vorstand.

KURIER: Warum haben Sie den Weltraumanzug gegen den Businessanzug getauscht?

Franz Viehböck: Diese Entscheidung habe ich nicht von mir aus getroffen. Nach meinem Flug hat die Österreichische Bundesregierung entschieden, zwar Teil der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA zu sein aber nicht mehr an Projekten der bemannten Raumfahrt teilzunehmen. Ich habe mich auf europäischer Ebene erneut beworben. Aber es gibt bei der ESA nur begrenzte Plätze und andere Länder wurden bevorzugt. Länder wie Schweden oder Belgien zahlen für die bemannte Raumfahrt und erwarten natürlich, dass bei der Auswahl der Astronauten und Astronautinnen ein Vertreter ihres Landes dabei ist.

Vermissen Sie das All? Gibt es Erfahrungen und Skills, die Sie mit auf die Erde zurückgebracht haben und die Ihnen in der heutigen Funktion nützlich sind?

Ja und ja. Mit dieser Zeit verbinde ich sehr positive Emotionen und Erlebnisse, die sich sehr stark eingeprägt haben. Ich habe damals viel gelernt, ohne noch zu wissen, dass ich das fünf bis zehn Jahre später als Manager gut gebrauchen kann. Etwa im Umgang mit Stress, in Sachen Management- und Führungsmethoden. Und wie wichtig Teamarbeit ist.

Ein gutes Gespür für Teams hilft im All und im Management?

Absolut. Die verschiedenen Materien, mit denen man als Manager konfrontiert wird, werden immer komplexer, Stichwort: Digitalisierung. Die bietet uns neue Möglichkeiten, schafft aber auch neue Herausforderungen. Das schafft man als Einzelkämpfer bei weitem nicht so gut wie im Team. Daher ist für mich ein gutes Team eine essenzielle Sache. Als Führungskraft muss ich dann wissen, wie ich so ein Team führe damit es effizient und leistungsbereit agiert. Mitte der 1990er, in meiner Zeit bei Boeing, hatte ich das Glück, dort mit Top-Führungskräften wie Alan Mulally, dem späteren Ford-CEO, zu arbeiten. Er hat Teamarbeit extrem forciert. Bei der Entwicklung der Boeing 777 hat er Personen aus allen möglichen Bereichen konsultiert: Piloten, Flugbegleiter, Passagiere und Flugzeug-Schlepper. Das hat Veränderungen bewirkt, an die die Ingenieure am Reißbrett mit ihrer rein technischen Sicht nicht gedacht hätten. Wenn die Stimmung in einem Team gut ist, entsteht ein Flow. Durch Teamarbeit wird das Endergebnis um vieles höher als die Summe der Einzelleistungen.

Sie sind 2008 in den Berndorf-Vorstand gekommen, das Jahr der Finanzkrise. Welche Erfahrung hat Ihnen in der Krise geholfen?

Auch hier war der Schlüssel die Teamarbeit. Die Gruppe umfasst Firmen in unterschiedlichen Branchen. Bei manchen sind die Aufträge am Tag nach der Lehman-Pleite dramatische zurückgegangen. Andere haben das erst Monate später gespürt. Wir haben mit unseren Geschäftsführern engen Kontakt gehalten. So haben wir voneinander gelernt. Die Erfahrungen, die eine Tochter gemacht hat, haben wir versucht, bei der Zweiten anzuwenden. So haben wir es geschafft trotz 25-prozentigen Umsatzrückgangs in der Gruppe, ergebnismäßig positiv durch die Krise zu kommen. Man rückt zusammen, wie das Team in einer Raumkapsel. Alle im Team müssen sich wohlfühlen und Probleme offen ansprechen können.

Sie haben im All 15 wissenschaftliche Experimente durchgeführt. Wie wichtig ist Forschung als Erfolgsfaktor für Berndorf?

Extrem wichtig. Ohne Forschung und Entwicklung würden wir uns unsere Zukunft verbauen. Ich habe 1991 im Weltraum unter anderem einen neuartigen Ionenemitter getestet. Später wurde er für die Satellitentechnik weiterentwickelt. Seit etwa zwei Jahren baut ein Start-up in Wiener Neustadt dank dieser Technologie kleine Triebwerke für Satelliten. Vor einem Monat war ich zufällig dort. Es ist schön zu sehen, wie aus so einem Grundlagenforschungsprojekt vor über 25 Jahren hier eine Firma entsteht, die heute am Weltmarkt erfolgreich Hochtechnologie verkauft.

Trotzdem hat Österreich entschieden, nicht mehr bei der bemannten Raumfahrt mitzumachen. Hat Forschung hierzulande zu wenig Stellenwert?

Ich glaube, Österreich unterstützt Forschung auf verschiedenen Ebenen sehr wohl stark. Natürlich wäre es schön, mehr Geld zu haben, auch für bemannte Raumfahrt. Da geht es weniger um den wissenschaftlichen Effekt, sondern um öffentliche Aufmerksamkeit, die bewirkt, dass sich Junge mehr für technische und naturwissenschaftliche Gegenstände interessieren. Wir brauchen junge, gute Leute, die sich den Herausforderungen in Naturwissenschaft, Technik oder Medizin stellen.

Berndorf hat in den vergangenen Jahren auch stark ins Ausland investiert. Haben Sie auch in dieser Hinsicht etwas aus der Zeit in der internationalen Raumfahrt mitnehmen können?

Ja, auf alle Fälle. Das war damals noch die Zeit der Sowjetunion, unsere Mission ein sowjetisch-österreichischer Flug. Mit mir im Weltall war auch der erste Kasache, zwei Ukrainer und ein Russe. Sobald man da oben ist, verschwinden die künstlichen geografischen Grenzen. Man schaut hinunter auf unseren Heimatplaneten. Das ist ein starkes Gefühl. Heute, wo die Wirtschaft über den Erdball so verwoben ist, ist es mehr denn je notwendig, dass Führungspersönlichkeiten offen für die globale Wirtschaft sind. Und auch anderen Kulturen gegenüber weil man kulturübergreifend zusammenarbeiten muss. Berndorf hat das Hauptquartier in Österreich, wir machen aber mehr als 25 Prozent unserer Geschäfte im Ausland. Ich bin sicher weltoffen, das ist notwendig. Fremdsprechen zu sprechen, ist heute eine Selbstverständlichkeit.

Weil die Schwerelosigkeit im All die Körperflüssigkeit verstärkt in den Kopf drückt, hatten Sie während Ihrer Mission tagelang Kopfschmerzen. Gibt es in Ihrem heutigen Leben als Manager manchmal Momente, wo Sie das Gefühl haben, den Boden unter den Füßen zu verlieren?

Nein, so schlimm eigentlich nicht. Aber natürlich gibt es im Manager-Leben Phasen, wo man extrem hoher Belastung ausgesetzt ist. Vorbereitung macht viel aus. Wer vorbereitet ist, hat gewisse Herausforderungen gedanklich bereits durchgespielt und den Kopf im entscheidenden Moment frei für Wesentliches.

Wie finden Sie den Ausgleich?

Das Astronautentraining war eine wichtige Erfahrung, man lernt sich dabei selbst kennen und es bringt einen physisch und psychisch an die Grenzen. Ich habe damals intensiv autogenes Training gemacht. Heute sind es Atemübungen und viel Zeit in der Natur, etwa bei der Gartenarbeit oder auf Skitouren. Auch Ernährung ist ein wichtiges Thema: viel Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und wenig Zucker. Ich bin aber auf dem Ernährungsgebiet nicht religiös, da könnte ich durchaus noch besser sein (lacht).

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst musste neulich bei einem Interview Tubennahrung blind verkosten. Was ist schlimmer, acht Tage lang Weltraumessen oder sich beim Businessdinner das Sakko anzupatzen?

Für die Frage bin ich der Falsche. Ich trage sehr selten Sakko bei Business-Veranstaltungen, lieber trage ich Pullover. Für mich ist beides nicht wirklich schlimm. Weltraumnahrung ist zwar keine Hauben-Küche aber so schlecht ist sie auch nicht. Natürlich, es ist sehr viel sublimierte Nahrung, also gefriergetrocknete Pulver. Es spart beim Transport Gewicht, wenn man erst oben das Wasser dazugibt. Außerdem Tuben und Konserven. Es muss alles in geschlossenen Gefäßen sein, sonst würde es herumschweben.

Sie haben sich also schon wieder auf normales Essen gefreut?

Sicher, keine Frage. Wobei ich aber nur acht Tage im All war, da kann man das schon verkraften.
 

Zur Person: Im Oktober 1991 fieberten Millionen Österreicher mit als Kosmonaut Franz Viehböck, heute 57, für acht Tage in den Weltraum flog. Nach seiner Rückkehr auf die Erde landete der promovierte Elektrotechniker als Manager in den USA, unter anderem bei Boeing. 2002 holte ihn der niederösterreichische Hochtechnologie-Spezialist Berndorf als Geschäftsführer von Berndorf Band, Hersteller von industriellen Stahlbändern (die unter anderem in der Formel-1 zum Einsatz kommen). 2008 stieg Viehböck in die Vorstandsetage der Konzerngruppe auf.