Wirtschaft | Karriere
20.04.2017

Evotec-CEO: Kraft schöpfen aus der Wachau

Werner Lanthaler, CEO der Evotec AG, lebt und liebt Leadership. Wenn der Vielflieger einmal Pause macht, genießt er Natur pur in der Wachau und verbreitet als Opinion Leader seine Begeisterung für das UNESCO-Weltkulturerbe.

Nur ein paar helle Flecken durchbrechen das düstere Wolkengrau. Die Sonne hat keine Chance. Werner Lanthaler strahlt trotzdem. Er ist in seiner Lieblingsgegend und geht seiner Lieblingsbeschäftigung nach: Leute für etwas zu begeistern – in diesem Fall für ein Stück Wachau. "Kommen Sie, wir gehen da ein Stück hinauf. Ist nicht weit, nur 200 Meter. Die lohnen sich aber! Dort tut sich ein wunderbarer Weitblick auf", motiviert Werner Lanthaler das nicht auf Bergwanderung eingestellte KURIER-Team. "Ein toller Name!", konstatiert der ehrenamtliche Fremdenführer zum Fotografen: "Franz Gruber ist der Erfinder von Stille Nacht."

Schon in den ersten Minuten der Begegnung legt der Topmanager an den Tag, was sein Leadership ausmacht: Empathie, Wertschätzung und Motivationsfähigkeit. Das blitzschnelle Erkennen des richtigen Köders gehört dazu. Und überzeugende Kommunikation: "Sie ist ruhig, reich – nicht im kapitalistischen Sinne, sondern an Geschmack und Nuancen. Sie hat schon viel erlebt und noch viel Zukunft vor sich", macht er Stimmung für die Wachau. Wer könnte das anders sehen?

UNESCO-Weltkulturerbe gibt Kraft

Lanthaler ist CEO der Evotec AG. Das Biotechnologieunternehmen erforscht und entwickelt Wirkstoffe, die in Forschungsallianzen und Entwicklungspartnerschaften mit Pharma- und Biotechnologieunternehmen im Erfolgsfall neue pharmazeutische Produkte hervorbringen. An die Spitze des Unternehmens hat den promovierten Absolventen der WU und eines Masterstudiums in Harvard der Kernaktionär Roland Oetker geholt. Lanthaler gilt als hervorragender Netzwerker. Seine Geschäftsbeziehungen zu Spitzenforschungseinrichtungen und zu Entscheidungsträgern führender Unternehmen der Pharmaindustrie vertieft er auch gerne in der Wachau. "Wir bringen hier jährlich durchschnittlich 50 Personen aus aller Welt her."

Hier hat der heute 48-Jährige vor zehn Jahren gemeinsam mit vier Freunden die Weinberge des Stiftes Göttweig gepachtet. Warum der gebürtige Oberösterreicher die zum UNESCO-Weltkulturerbe avancierte Wachau so ins Herz geschlossen hat? "Sie ist eine Zeitreise zurück und nach vor. Auf diesen Steinen sind schon die alten Römer, die hier im zweiten Jahrhundert nach Christus die ersten Weinstöcke pflanzten, marschiert. Und dass die Gegend zum Weltkulturerbe erklärt wurde, bedeutet, es herrscht Einverständnis darüber, dass sie so bleiben darf, wie sie ist. Und das ist doch gut, in einer Welt, in der sich alles ständig verändern muss."

Lanthaler ist selbst einer, der ständig Vieles verändern muss. Mit seinem wachen Geist, seiner Kreativität und seiner Offenheit für Neues hat er immer darum gekämpft, Dinge zum Besseren zu verändern. Zum Beispiel als Vorsitzender der Hochschülerschaft an der WU, wo er Interessenkonflikte löste und Wahlen gewann. Oder als Berater bei McKinsey und Marketing-Chef der Industriellenvereinigung, für die er moderne Kommunikationsstrukturen entwickelte. Cay Urbanek, heute kaufmännischer Direktor des Wiener Volkstheaters, genoss Werner Lanthaler als Buddy, als er 1997 in das renommierte Beratungsunternehmen McKinsey kam. "Lanthaler hat sofort eine freundschaftlich hilfsbereite Atmosphäre geschaffen, hat sich Zeit genommen, mir Tipps zu geben. Er ist einer, der mit ganz einfachen Mitteln Vertrauen erzeugt, glatt und ehrlich rüberkommt und immer Wort hält", erzählt Urbanek.

Christoph Neumayer, heute Generalsekretär der Industriellenvereinigung, erinnert sich an Lanthaler, der damals als Bereichsleiter Kommunikation und Marketing sein Chef war, nicht nur als brillanten Analytiker und umsetzungsstarken Visionär: "Was ihn aber vor allem auszeichnet, ist seine Charakterstärke, die er in vielen Konfliktsituationen, in denen es damals schon oft hart zur Sache ging, an den Tag legte."

Eine Konsequenz, die nicht nur Lanthaler, sondern auch seine Arbeitgeber weiterbringt: Das Biotech-Start-up Unternehmen Intercell AG, das Lanthaler als CFO an die Börse brachte, war 2007 mehr wert, als etwa die Austrian Airlines.

171 Millionen Euro Umsatz

Seit März 2009 setzt Lanthaler seine Fähigkeiten zur Bekämpfung tödlicher Krankheiten bei der in Hamburg basierten Evotec AG ein. Durchschnittlich ist der CEO nur zwei Tage pro Woche in seinem Büro in der Alster-Metropole. Die restliche Zeit reist der Chef von rund 1100 Mitarbeitern – davon 80 Prozent Akademiker – zu den weltweit neun Standorten sowie zu Kooperationspartnern und Financiers. Obwohl das im deutschen TecDAX an der Frankfurter Börse notierte Unternehmen noch kein eigenes Medikament auf dem Markt hat, machte es 2016 171 Millionen Euro Umsatz und erzielte ein bereinigtes Konzern-EBITDA (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) von 36,2 Millionen.

Auf die Frage, wie er denn als Chef sei, antwortete der Top-Manager einmal in einem Interview mit einem knappen "Eh lustig." Was die Einhaltung etwa von Kostensdisziplin aber nicht aufhebt. Dabei geht der Chef mit gutem Beispiel voran: "Meinen Hon-Status bei der Lufthansa habe ich verloren, weil ich wie alle anderen Führungskräfte unseres Unternehmens nur noch in der Holzklasse reise", illustriert der Vielflieger lächelnd. Den Zug zum Tor hat der in Jugendjahren hochtalentierte Kicker nie aufgegeben: "Man muss immer versuchen, Erster zu sein. Es gibt keinen dritten Sieger", ist seine Überzeugung. Auch in seiner Freizeit ist er Qualitätsfetischist. Gemeinsam mit seinen befreundeten Weinbergpächtern sorgt er auf 35 Hektar Anbaufläche dafür, dass Qualität und Kasse stimmen.

Hans Schmid, ehemaliger Werbungs- und Medienunternehmer, nunmehr Großwinzer und Co-Pächter der Göttweiger Weingüter, schätzt Werner Lanthaler "als exzellenten Zuhörer, der das Gesagte aufnimmt und dann mit einer sehr profunden Meinung kommt." Und noch was: "Er ist auch sehr großzügig und der Erste, der Boni vorschlägt für Leute, die exzellente Arbeit geleistet haben." Der gelebte Grundsatz, dass sich Leistung auch für andere lohnen soll, macht wohl mit die besondere Leadership-Qualität von Werner Lanthaler aus.

-Johanna Zugmann

Nachgefragt bei Christoph la Garde, Senior Client Partner von Korn Ferry

La Garde, Office Managing Director und Sen. Client Partner von Korn Ferry: „Wichtige persönliche und soziale Kompetenzen für einen Manager sind unter anderem das Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben, die Authentizität und ein gerütteltes Maß an Bodenhaftung. Aus der schnellen, leistungs- und fokussierten Welt der Börse und der wissenschaftlich orientierten biopharmazeutischen Industrie in eine andere Rolle schlüpfen zu können und zu wollen, zeugt von solchen Fähigkeiten. Die Bodenhaftung zu bewahren, das Wissen um die Wichtigkeit des Durchatmens und der Pause, um neue Energie und Kreativität im Job zu finden, scheinen hier Werner Lanthaler anzuleiten.“

Ein Leben zwischen Weinbergen und Spitzenforschung

Werner Lanthaler, Jahrgang 1968, wuchs in Oberösterreich auf, studierte an der WU Wien sowie in München (Psychologie) und als Schumpeter-Stipendiat in Harvard (Master). Von 1995 bis 1998 Unternehmensberater bei McKinsey, 1998 bis 2001 Bereichsleiter Marketing und Kommunikation bei der Industriellenvereinigung Österreichs, 2001 bis 2009 CFO der Intercell AG und seit 2009 CEO der Evotec AG. Werner Lanthaler ist verheiratet und hat eine Tochter und einen Sohn im Teenager-Alter. Gemeinsam mit Freunden hat er die Weinberge des Stift Göttweig gepachtet, seine Freizeit verbringt der Hobbywinzer, Halbmarathonläufer und leidenschaftliche Segler gerne an seinem Ferienwohnsitz in der Wachau.

Das Unternehmen

Die in Hamburg beheimatete Evotec AG arbeitet mit Spitzenforschern und Pharmafirmen aus aller Welt an neuartigen Therapieansätzen. Evotec arbeitet in Forschungsallianzen mit Partnern wie Bayer, Boehringer Ingelheim, CHDI, Genentech, Janssen Pharmaceuticals, Merck, MedImmune/AstraZeneca, Roche und UCB zusammen. Darüber hinaus verfügt das Unternehmen über Entwicklungspartnerschaften und über eine Reihe von eigenen Wirkstoffkandidaten in der klinischen sowie in der präklinischen Entwicklung. Dazu gehören Partnerschaften mit Boehringer Ingelheim und MedImmune im Bereich Diabetes, mit Janssen Pharmaceuticals auf dem Gebiet Depression und mit Roche auf dem Gebiet der Alzheimer'schen Erkrankung.