Forscher Bernhard Heinzlmaier hat ein neues Buch geschrieben

┬ę KURIER/Jeff Mangione

Interview
09/17/2016

"Es geht ums Ego, ums mickrige Ich"

Sozialforscher Bernhard Heinzlmaier sagt,dekadente Eliten ruinieren die Gesellschaft. Warum?

von Sandra Baierl

Bernhard Heinzlmaier: Haben Sie das Buch gelesen? Es ist an und f├╝r sich f├╝rchterlich.

KURIER: Warum ist es f├╝rchterlich?

Weil es die Menschen ersch├╝ttern wird.

Es ist eine Abrechnung. Warum gerade jetzt?

Weil es niemandem mehr um die Sache geht. Nur noch ums Geld und die Befriedigung der Eitelkeit, in Wirtschaft und Politik.

Ist das anders als fr├╝her?

Die alten Unternehmer, die etwas aufgebaut haben und sich mit ihrer Firma und ihren Besch├Ąftigten identifiziert haben ÔÇô die gibt es nicht mehr. Heute will man Geld verdienen, egal womit.

Sie sprechen den Kleinbetrieben und dem Mittelstand ab, dass sie hehre Ziele verfolgen?

Nein, die nehme ich raus. Es geht um die Konzerne. Die Kleinen glauben an das, was sie tun ÔÇô und leiden. Weil sie von den Konzernen vom Spielfeld gefegt werden. Am schlimmsten sind ├╝brigens diese Start-ups: Die kreiert man nicht wegen der Sache, sondern weil man irgendwie ein Business hochzieht, es schnell verkauft und Geld verdient. In der Politik ist es genauso: Jedem ist egal, was rauskommt, Hauptsache, er steht mit einem sch├Ânen Anzug und viel Ansehen auf der B├╝hne.

Sie haben das jahrelang ironisch kommentiert.

Ja, man fl├╝chtet sich in die Ironie. Aber das geht einfach nicht mehr, es ist zu viel.

Sie sagen, es geht jedem nur um den eigenen Vorteil. Woher kommt dieser Egoismus?

Wir erleben das Ende der gro├čen Erz├Ąhlungen. Menschen sind ideologiefreie Wesen geworden, sie glauben an nichts mehr, au├čer an sich selbst und den Erfolg. Keiner glaubt mehr an Gott, an die christliche Soziallehre, an die Gemeinschaft, an das Unternehmertum. Was bleibt ├╝brig? Nur der individuelle Erfolg des Einzelnen.

Und der ist auch noch salonf├Ąhig.

Ja, genau. Erfolg ist das Um und Auf in der Leistungsgesellschaft. Ich h├Ątte gerne wieder Unternehmer und Politiker, denen es um die Sache geht. Die daf├╝r alles aufgeben.

Dazu kommt ein hohes Ma├č an Inszenierung. Das muss die Menschen doch mittlerweile nerven.

├ťberhaupt nicht. In der Inszenierungsgesellschaft zeigen sich auch normale Menschen im Internet. Jeder ist den ganzen Tag besch├Ąftigt, sich in seiner Nichtigkeit zu pr├Ąsentieren.

Sie sagen, dekadente Eliten ruinieren die Gesellschaft. Wieso lassen das die unteren Schichten zu?

Weil die gesamte Gesellschaft ruiniert ist. Die Unteren neiden, sind boshaft, versuchen, ihren eigenen Misserfolg dadurch verkraftbarer zu machen, indem sie alle anderen niedermachen. Die Oberen inszenieren sich im Gro├čen. Und allen geht es nur ums Ego. Um das kleine, mickrige Ich.

Wieso hat man sich fr├╝her f├╝r den anderen, f├╝r die Gesellschaft mehr eingesetzt?

Fr├╝her gab es Erz├Ąhlungen, Ideen. Daf├╝r hat man sich aufgeopfert. Heute fehlt jede Begeisterung. Die Menschen sind emotional ruiniert. Sie sind nicht mehr konstruktiv, sondern versuchen nur, dem anderen sein Spielzeug kaputtzumachen.

Wieso geht es ├╝berhaupt nicht mehr um die Sache?

Weil die Idee des "gemeinsam" desavouiert ist. Der Mensch ist ├╝berzogen individualisiert.

... und marktgetrieben und marktgesteuert.

Ja. Das einzige Argument, das z├Ąhlt, ist das Wirtschaftliche. Niemand kommt auf die Idee, aus einer gesellschaftlichen Verantwortung heraus zu agieren. Kein Gef├╝hl mehr f├╝r den N├Ąchsten. Werte und Moral sind erledigt.

Was ist der Ausweg?

Ich habe die Hoffnung, dass der Supercrash kommt. Dass dieses Wirtschaftssystem zutiefst ersch├╝ttert wird. Das ist die einzige M├Âglichkeit.

Diese Ersch├╝tterung gab es 2008.

Genau. Das ├ťbel ist, dass das System nicht lernf├Ąhig ist, die Menschen schlimmer agieren als zuvor. Ohne Katastrophe kein Neuanfang.

Der Provokateur

Sozialforscher und Buchautor Bernhard Heinzlmaier provoziert auch in seinem neuen Buch. In Wirtschaft und Politik gehe es l├Ąngst nicht mehr um die Sache, sondern allein um die Befriedigung von Eitelkeiten. Jede gesellschaftliche Verantwortung ist abhanden gekommen, die Menschen sind ├╝berzogen individualisiert und leben nur f├╝r ihren eigenen Vorteil. ÔÇ×Anpassen, Mitmachen, AbkassierenÔÇť, Hirnkost-Verlag, um 18 Euro.

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