Eroberinnen der Männerjobs

Sabine Radl, Maria Scharffenberg, Petra Gregorits,…
Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Maria Scharffenberg, Sabine Radl und Petra Gregorits im Gespräch

Fußball, Pharma, Kirche – noch immer gelten diese Gebiete als Männerdomäne und als hartes Pflaster für Frauen, die hier an die Spitze wollen. Wir baten drei, die es geschafft haben, an einen Tisch und fragten: Wie haben Sie das gemacht?

Kirche, Pharma, Fußball – Bereiche, die als Männerdomäne gelten. Wie werden Sie in diesen Bereichen als Chefin wahrgenommen?

Sabine Radl: Wir haben bei Sanofi zu diesem Thema, also womit eine Frau in einer Führungsposition assoziiert wird, kürzlich erst eine Umfrage gemacht. Das Ergebnis zeigt, dass Frauen stark mit Soft Skills in Verbindung gebracht werden, gut im Talentemanagement oder Zuhören sind. Männer hingegen werden als starke Netzwerker gesehen, die hohe Sichtbarkeit im Betrieb haben. Mit diesen stereotypischen Wahrnehmungen muss man sich, vor allem als Frau, immer wieder auseinandersetzen. Gerade bei der Sichtbarkeit können wir, und da nehme ich mich nicht aus, noch ein Stück des Weges gehen. Frauen arbeiten gerne im Team, bringen viel weiter. Sie gehen nach Projektabschluss aber oft zu rasch zum nächsten Thema über. Vielleicht sollten wir dazwischen mal eine Pause machen. Und den Erfolg, nicht nur im Team sondern auch in der Organisation, zelebrieren.

Maria Scharffenberg: In der Kirche kommen zwei interessante Mythen zusammen: Dass hier jeder nett ist. Und dass jede weibliche Führungskraft sowieso nett ist. Das heißt also: Als weibliche Führungskraft in der Kirche müsstest du besonders nett sein. Dazu kommt: Für eine Priesterin, die weder jung und hip noch die liebe Oma ist, gibt es nur mehr eine Kategorie: die Zicke. Weil sie klare Aussagen macht, bestimmt ist. Bei einem Mann wirkt das stark. Bei einer Frau eben leider zickig.

Warum sind Frauen in Ihren Bereichen immer noch so selten vertreten, wieso wurde das bisher nicht aufgebrochen?

Petra Gregorits: Fußball ist seit jeher ein männerdominierter Mannschaftssport. Seine Entwicklung muss man auf drei Ebenen sehen: Management, sportlich und gesellschaftspolitisch. Im Vereinsfußball gibt es in Österreich 450.000 Männer und nur rund 18.000 Frauen. Auf der Managementebene sind Frauen aber fast ein Muss. Auch der Weltfußballverband FIFA hat seit 2016 eine weibliche Generalsekretärin. Man hat erkannt, dass diese Diversität hilft, Transparenz und Antikorruption schneller voranzutreiben. Beim SK Rapid war meine Berufung ins Präsidium nicht nur eine Image-Frage. Die Idee dahinter war: Wenn der Verein auch in Zukunft in allen Bereichen vorne mitspielen will, muss eine Frau dabei sein.

Maria Scharffenberg: In meinem Bereich dreht sich viel um Tradition. Die römisch-katholische Kirche hat immer noch nur männliche Pfarrer. In der Schwedischen Kirche entschied man sich 1958, sich auch Frauen gegenüber zu öffnen. Für die erste Generation dieser Frauen war das nicht einfach. Sie mussten zuerst die Strukturen erkennen und verstehen, um sie zu verändern. Sie bildeten Netzwerke, halfen einander. Natürlich haben auch einige Männer geholfen, es hat immerhin den ersten Bischof gebraucht, der Frauen weihen wollte. Heute machen Frauen 50 Prozent unter den Pfarrern aus, auch die Erzbischöfin ist eine Frau.

Sabine Radl: In unserer Belegschaft gibt es etwa 50 Prozent Frauen, 50 Prozent Männer. Bei Sanofi Österreich haben wir auch noch in der obersten Führungsebene 40 Prozent Frauen. Weltweit ist das nicht der Fall. Junge Frauen und Männer starten nach dem Studium alle gleich, irgendwann kommt die Bruchstelle im System, die bewirkt, dass der Prozentsatz nach oben hin dünner wird. Wenn vom Top-Management das Thema Frauen im Management gewünscht ist, ist es ein Leichteres, sie an die Spitze zu holen. Bottom-up ist das sehr schwierig. Was hilft, sind Kennzahlen und Mentoring-Programme. Durch sie kriegt man Einsichten, wie Management funktioniert, welche Mechanismen hier greifen und wo es Aufholbedarf gibt.

Frau Gregorits, Sie sind sogar die einzige Frau im Rapid-Präsidium. Wie geht’s Ihnen da?

Petra Gregorits: Der Fußball lebt von der gemeinsamen Emotion, das bringt schnell auf Augenhöhe. Fußball hat vielen Bereichen, wie der Politik etwa, voraus, dass hier alle dasselbe wollen. Als Einzelner kann man da gar nicht ausscheren. Ich hab mich in der Interessensvertretung immer dagegen gewehrt, das "Mädl" zu sein. Weil man sich gegen die Burschen einfach auch durchsetzen muss.

Wie gehen Sie das an, was funktioniert?

Petra Gregorits: Ich kann, wenn es notwendig ist, sehr tough sein. Dann gibt es auch Themen, wo ich milder bin und mich von Argumenten überzeugen lasse. Diese Spielarten ermöglichen immer eine gewisse Leichtigkeit.

Sabine Radl: Bei Frau Gregorits ist es eine Sondersituation, weil sie die einzige Frau ist. Ich glaube, es wird eine immer größere Selbstverständlichkeit, dass Frauen in Führungspositionen sind. Das muss auch das Ziel sein. Es kann nicht unser Ziel sein, froh darüber zu sein, dass man jetzt nur eine Frau dort hat.

Es heißt, die kritische Masse, die Strukturen verändern kann, sind 30 Prozent.

Sabine Radl: Diversität ist ein strategischer Erfolgsfaktor im Unternehmen, das ist belegt. Wenn Sie im Team nicht Leute haben, die unterschiedliche Blickwinkel auf eine Sache haben, werden Sie als Unternehmen nicht reüssieren.

Was bewirken Frauen an der Spitze von Firmen?

Petra Gregorits: Ich höre sehr oft: Dass ich andere Fragen stelle, wirkt sich positiv auf die Entscheidungsfindung aus. Ich gebe Diskussionen damit einen neuen Spin. Das ist ein Faktor, den man aus der Gender Diversity kennt.

Welche Eigenschaften sollten sich Frauen zulegen, die weiter hinauf kommen möchten? Was begünstigt eine Karriere – auch in einer Männerdomäne?

Sabine Radl: Zielstrebigkeit. Den Mut zu haben etwas zu tun, das man nicht 100-prozentig kann. Und immer aufzuzeigen, wenn es um die Verteilung neuer Aufgaben geht.

Maria Scharffenberg: Kennen Sie Pipi Langstrumpf? Sie hat gesagt: ,Oh, das habe ich noch nie zuvor probiert. Aber das kann ich sicher gut.‘

Eine Einstellung, die sich in der Gesellschaft scheinbar noch nicht verhaftet hat.

Maria Scharffenberg: Absolut. Denken Sie nur ans Bewerbungsverfahren, wo verschiedene Qualifikationen gefordert sind. Ein Mann sagt: ,Ich kann diese zwei Sachen, aber diese fünf kann ich nicht‘ – und bewirbt sich. Die Frau sagt: ‚Ich kann diese fünf Sachen, aber diese zwei nicht‘ – und bewirbt sich nicht. Das müssen wir ändern. Wir sollten mehr wie Pipi Langstrumpf sein.

Petra Gregorits: Aus langjähriger Erfahrung sehe ich aber, dass wir es nur dann schaffen, wenn sich Männer noch mehr dafür interessieren, was Frauen tun. Und sie interessieren sich, das sieht man, sonst wäre auch ich nicht zu Rapid geholt worden. Es braucht eine Aufmerksamkeit auf beiden Seiten. Und man muss auch aus seiner Komfortzone heraus, muss offen für Möglichkeiten sein und auch mal Sachen machen, die man vielleicht nicht so spannend findet. Dann trauen einem Männer auch mehr zu.

Es gibt die berüchtigten männlichen Seilschaften. Soll und kann man sich daruntermischen?

Petra Gregorits: Ich glaube, Frauen spielen hier schon ganz gut mit. Bei vielen hat das aber nicht immer Priorität. Es sollte aber schon so sein, dass wir die alten Seilschaften um den weiblichen Aspekt bereichern. Wir sollten jedenfalls nicht aufhören, nach der Arbeit auf ein Bier mitzugehen.

Wie durchbricht man die gläserne Decke?

Sabine Radl: Durch Performance, Leadership und Netzwerkpflege, man sollte sich mit anderen weiblichen Führungskräften austauschen. Die männlichen Kollegen machen das auch. Frauen müssen lernen, wie ein Netzwerk funktioniert – da geht es nicht rein um klassische Frauenthemen wie Kinder. Es hilft, Sichtbarkeit zu bekommen, sich gegenseitig zu stützen, sich Tipps zu geben.

Petra Gregorits: Es gibt ein sehr komplexes und sensibles Thema, das nicht von allen Frauen so gesehen wird, aber im Fußball lebt man davon: Es ist das Akzeptieren von Rang und Hackordnungen. Es gäbe keinen Erfolg im Fußball, wenn man nicht akzeptieren würde, dass der Trainer die Mannschaft aufstellt, die Verantwortung trägt. Das lernen Männer von klein auf am Fußballplatz, Frauen müssen erst entscheiden, ob sie das lernen wollen.

Sabine Radl: Man muss das Spiel einfach verstehen lernen. Dann kann man wählen: Will ich da mitspielen? Kann ich das? Und was bringt es mir?

Die Ergebnisse der Studie "Women in Workplace 2016" von LeanIn.Org und McKinsey, zeigen, dass Frauen, egal ob Sie Kinder haben oder nicht, dem unternehmerischen Druck oft lieber fernbleiben.

Sabine Radl: Das ist ein Mythos. Jeder Manager muss irgendwann ‚Nein‘ sagen lernen. Das können Männer genauso wie Frauen.

Petra Gregorits: Frauen hinterfragen sich dabei nur zwanzig Mal selber: Geht das? Habe ich wen vor den Kopf gestoßen? Das muss man aushalten lernen. Ich glaube, den Jungs geht’s hier nicht anders.

Sabine Radl: Ab einer gewissen Management-Position müssen Sie mit Druck umgehen können. Man lernt mit der Zeit, was wirklich wichtig ist. Und wichtig sind das Ziel und das große Bild.

Maria Scharffenberg: Je mehr Frauen wir an der Spitze haben, desto mehr Rollenbilder entstehen für junge Frauen, die Karriere machen wollen. Irgendwann wird man hoffentlich hinter das Geschlecht blicken und nur mehr die Qualifikation sehen. Wir sind noch nicht dort, aber langsam kommen wir dorthin.

Petra Gregorits

Rapid-Aufsichtsrätin

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Foto: KURIER/Gerhard Deutsch

Petra Gregorits, 51, ist Gründerin und Chefin der Unternehmensberatung  „PGM“. Sie war bei der Jungen Wirtschaft, war „Frau in der Wirtschaft“-Wien-Vorsitzende und hat einen Sohn. Mit 2015 zog sie als erstes weibliches Mitglied und Aufsichtsrätin ins Präsidium des SK Rapid Wien ein.   Ihre Kraft schöpft sie aus:  „Familie, SK Rapid und der Natur.“ Bei Niederlagen – und die sollen im Fußball schon mal vorkommen – ist ihr Motto. „Kopf hoch. Sonst siehst du die Sterne nicht.“ Ihr Ziel: „Mit Rapid einen Titel holen.“

Maria Scharffenberg

Schwedische Pfarrerin

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Foto: KURIER/Gerhard Deutsch

Maria Scharffenberg, 47, ist schwedische Dekanin. Seit 2012 ist sie Pfarrerin in der „Svenska kyrkan“, der schwedischen Kirche in Wien. Ihre Gemeinde  erstreckt sich über Österreich, Tschechien, die Slowakei und Ungarn. 2016 wurde sie von der Schwedischen Handelskammer und Botschaft  mit dem  Wirtschaftspreis „Managerin des Jahres“ geehrt. Scharffenberg ist Mutter einer  Tochter.  Ab August wird sie der Schwedische Kirche in Berlin vorstehen. Ihre Motivation? „ ... “ (Sie zeigt mit dem Finger nach oben) 

Sabine Radl

Pharma-Chefin

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Foto: KURIER/Gerhard Deutsch

Sabine Radl ist seit 2014 CEO von Sanofi Österreich, einem  weltweit führenden Pharmaunternehmen in mehr als 100 Ländern.  Die 48-Jährige hat mehr als 20 Jahre  Leadership-Erfahrung in ihrer Branche, trug Verantwortung in Süd- als auch in Osteuropa und war  Geschäftsführerin von Basics Germany. Ihr besonderes Interessensgebiet: Wachstumsstrategien. Die Mutter einer Tochter motivieren Frauenagenden, ihre  Familie und die Natur. Ihr berufliches Ziel: „Weiterhin erfolgreiche Managerin sein.“ 

Frauen in der Chefetage: sehr selten

Analyse

Am Mittwoch (8.3.) war Internationaler Frauentag. Dieser Tag in rosarot soll daran erinnern, was weltweit auf dem Gebiet der Gleichberechtigung  erreicht wurde – und was nicht. In der Wirtschaft gibt es zwar durchaus Vorzeigefrauen, die es bis  an die Firmenspitze geschafft haben – wie US-Notenbankchefin Janet Yellen oder Facebook COO Sheryl Sandberg oder Pepsi CEO Indra Nooyi. Die breite Masse an Frauen findet sich dort aber nicht.
Schauen wir nach Österreich: 72 Vorstandsmitglieder zählen die zwanzig ATX-Unternehmen zusammen, davon sind vier Frauen (5,5 Prozent). Weniger noch als im vergangenen Jahr. In Teilbereichen ist die Zahl der Frauen im Top-Management rückläufig, generell stagniert sie seit Jahren auf niedrigem Niveau. Sieht man sich alle Unternehmen an der Wiener Börse an, ist der Frauenanteil im Vorstand im Vergleich zum Vorjahr von 5,8 auf vier Prozent gesunken. In den 200 umsatzstärksten Unternehmen Österreichs mit über 600 Geschäftsführern liegt der Frauenanteil unter den Vorständen bei 7,2 Prozent. Plakative Gegendarstellung: Die Männerquote liegt umgekehrt bei 92,8 Prozent.

Bleibt die Frage  nach dem Warum?

„Ich glaube, dass viele nicht wollen. Weil sie es anstrengend finden. Weil das auch oft gerade in einer Phase im Leben kommt, wo Kinder ein großes Thema sind. Und weil wir hier von sehr raren Positionen reden, wo letztlich Männer die Entscheidung fällen, wer sie bekommt“, sagt Headhunterin Gundi Wentner. Männer würden mehrheitlich Männer befördern. Zudem würde Veränderung nur stattfinden, wenn es eine Talente-Knappheit gäbe – aber die gibt es aktuell nicht.
Oft werden die Rahmenbedingungen als Karriereverhinderer bei Frauen genannt. In Österreich sei man weit von einer Gesellschaft entfernt, wo beide Geschlechter das Positive an beiden Welten – Arbeit und Familie – erkennen. Die Rollenmodelle sind immer noch klassisch: Frauen bleiben bei den Kindern, oft lieber länger als kürzer, Männer arbeiten. Dass der Karriereknick dann auf Seiten der Frau eintritt, verwundert nicht. Auch, weil besonders viele Frauen, 48,2 Prozent, für den Wiedereinstieg  ein Teilzeitmodell wählen (nur 11,6 Prozent der Männer arbeiten Teilzeit).
Wirtschaftscoach Christine Bauer-Jelinek glaubt, das Problem löst sich  von selbst. „In zehn Jahren werden die Frauen in Chef-Positionen kommen – mit oder ohne Quote. Weil jetzt genügend gut ausgebildete Frauen in das Alter kommen, wo man Top-Karrieren macht.“ Andere Experten widersprechen vehement. Das World Economic Forum sieht  eine Gleichstellung in 117 Jahren.

Top, die Wette gilt.

-Sandra Baierl

(kurier) Erstellt am
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