Wirtschaft | Karriere
05.12.2011

"Engagement nicht nur für Lebenslauf"

Uni-Projekt: Wie es kam, dass Studenten in Bremerhaven für soziales Engagement auch Credit Points für ihr Studium bekommen können.

Das Studentenmagazin der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" wählte sie unter die Top 100 "Studenten, von denen wir noch hören werden": Mareike Emde, 25, studierte in Bremerhaven Kreuzfahrtmanagement - und sorgte dafür, dass man Credit Points für "Gutes tun in der Umgebung" bekommen kann.

KURIER: Wie kam das Wahlpflichtfach "Soziales Engagement" zustande?
Mareike Emde: Grundsätzlich war das ein studienintegriertes Projekt, aus unserem Studiengang heraus. Der Kurs nennt sich Campus Outreach Project , wo es darum geht, nicht ins Curriculum eingebundene Thematiken zu bearbeiten. Die Idee war, zu erforschen, wie das Spendenverhalten in Deutschland ist und warum man eher für Tsunami-Opfer spendet als für den Obdachlosen vor der eigenen Haustür. Im Mai 2008 war die Kinderarmut sehr stark in den Medien vertreten. Wir haben überlegt, wie können wir das Projekt nutzen, um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen und auch als Studenten etwas beizutragen.

Mit Kreuzfahrt-Management hat das wenig zu tun.
Wir sind eine sehr technisch orientierte Hochschule. Weil aber jeder im Lauf des Bachelor-Studiums vier Wahlpflichtfächer belegen muss, gibt es die Möglichkeit, auch Thematiken aus der Zivilgesellschaft in die Hochschule zu tragen. Das ist ein wichtiger Faktor in einem Bachelor-Studiengang, wo sonst null Komma null Zeit für solche Aktivitäten bleibt. So haben wir ein Wahlpflichtfach konzipiert, wo Studenten in Gruppenarbeit mit sozialen Institutionen in Bremerhaven arbeiten. Eine Win-Win-Situation: Man hilft, sammelt Erfahrung in Projektorganisation und Credit-Points fürs Studium.

Quasi eine Soft-Skills-Vorlesung?
Wenn man es so labeln möchte, klar. Es sind Eigenschaften, die man sich nicht in irgendwelchen normalen Vorlesungen aneignen kann.

Wie schaut das konkret aus?
Ganz konkret haben wir den Verein "Rückenwind für Leher Kinder" unterstützt, der kümmert sich um sozial benachteiligte Kinder, denen von zu Hause aus kaum Beachtung geschenkt wird. Wir haben dann eruiert, was Talente sind, die Studenten in den Verein einbringen könnten: zum Beispiel bei der Buchhaltung, oder eine Website zu basteln. Uns ging es darum, dass man die einzelnen Expertisen der Studenten nutzen kann.

Wie war die erste Reaktion der Uni-Leitung?
Da hatten wir absolutes Glück, weil der Rektor uns sofort unterstützt hat. Er hat gesagt: "Macht doch gleich einen ganzen Studiengang draus." Der Vorteil ist, dass die Hochschule mit 2500 Studenten sehr klein ist. Man sitzt mit dem Rektor in der Mensa, man kennt sich, man sieht sich. Es gibt Austausch.

Sind die Studierenden in diesem Projekt engagierter als in "normalen" Vorlesungen?
Doch, schon. Ein Projekt aus dem Campus Outreach -Kurs hat sich so entwickelt, dass jetzt eine eigene Straßenzeitung herausgegeben wird. Es wählen eben auch diejenigen dieses Fach, die ihre zeitlichen Ressourcen für soziale Themen einsetzen wollen. Es werden andere Schwerpunkte gesetzt.

Es gab einmal die Idee, Studiengebühren durch Nachhilfestunden abarbeiten zu lassen. Kann man so soziales Engagement fördern?
Ein interessanter Gedanke. Wobei es eine Gratwanderung ist. Möchte man Engagement durch materielle oder andere Leistungen hervorbringen? Was ist die Motivation der Studenten? Man muss aufpassen, dass man sich nicht nur für den Lebenslauf engagiert, um zu zeigen, ich war hier und da Mitglied.