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Wirtschaft | Karriere
05/29/2019

„Eigenes Einkommen, kurze Karenzzeiten und kurze Teilzeit“

Olivia Stiedl (33) leitet den Bereich People & Organisation bei PwC, ist Mutter von zwei Kindern und verdient 130.000 Euro im Jahr.

KURIER: Sie beschäftigen sich beruflich viel mit Geld. Privat auch?

Olivia Stiedl: Geld ist immer ein Thema, man braucht es, um sein Leben zu gestalten. Ich habe zwei Kinder und bin immer wieder fasziniert davon, welche Beträge man umschlägt, wenn man Familie hat – selbst, wenn man kein ausschweifendes Leben führt. Grundsätzlich bin ich aber jemand, dem Geld nicht besonders wichtig ist. Ich habe aber immer Geld, plane das Familieneinkommen auf dem gemeinsamen Konto.

Ein gemeinsames Konto mit dem Partner?

Ja, das ist heute kein so übliches Modell mehr, ich weiß (lacht). Bei uns hat es aber immer funktioniert. Wir haben auch eine besondere Situation, da ich ein höheres Einkommen habe als mein Mann, was ja in vielen Familien anders ist. Wir haben uns auch die Kinderbetreuungszeiten aufgeteilt.

Laut Umfragen beschäftigen sich Frauen zu wenig mit Geld und Anlage. Sparen Sie?

Wir sorgen vor. Mein Mann und ich haben ein Grundstück, das ist eine Sparanlage für die Zukunft. Ich bin Steuerberaterin, wir haben ein eigenes Pensionssystem über die Kammer. Es ist ein gutes Bruttomonatsgehalt, das man da einzahlt im Jahr. Dann haben wir noch ein paar kleinere Varianten. Mein Mann hat eine Pensionszusatzversicherung und wir haben eine kleine Ansparform für die Kinder, wo regelmäßig Geld für sie reinkommt. Ich bin aber niemand, der besonders viel Geld für die Zukunft anhäufen möchte. Ich möchte ein schönes Leben haben, solange ich fit bin. Man kann das Leben nicht so weit im Voraus planen und aufschieben.

Sie streuen Ihr Vermögen also?

Da bin ich mit Aktien und Fonds etwas restringiert, aus Unabhängigkeitsgründen. Vor allem dann, wenn wir Wirtschaftsprüfer für ein Unternehmen sind. Für Führungskräfte gibt es da sehr strikte Regeln. Für mich war die Conclusio: Wir finanzieren den Grund und Boden, das wird vielleicht auch der Ort sein, wo wir mal leben werden. Auf jeden Fall ist das eine stabile Anlage.

Es heißt, Frauen treffen die großen Kaufentscheidungen in Beziehungen – Eigenheim, Autokauf, Urlaube. Bei Vorsorge- und Anlage-Produkten überlassen sie die Entscheidung dann doch lieber den Männern.

Das ist bei uns umgekehrt. Mein Mann ist im technischen Bereich tätig, er hat schon ein Gefühl für Geld. Den großen Blick über die Familienfinanzen habe aber schon ich.

Ist es ein Fehler, dass Frauen ein unterkühles Verhältnis zu Geld haben?

Ich glaube schon. Das Leben ist lang und wird immer länger. Auch, wenn man eine Familie ist und nicht daran denkt, dass man sich eines Tages vom Partner trennen könnte: Für mich wäre immer wichtig, dass ich auch finanziell unabhängig auf eigenen Beinen stehe. Als die Kinder kamen, hat sich in meiner Karriere viel getan, es war also eine bewusste Entscheidung: ein eigenes Einkommen, kurze Karenzzeiten und eine kurze Teilzeit.

Hatten Sie durch die Kinder einen Karriere-Knick und finanzielle Einbußen, die Sie mitgezogen haben?

Nein. Bei meinem zweiten Kind habe ich sogar nur drei Monate Teilzeit gearbeitet, dann war ich Vollzeit wieder da. Ich sehe oft: Die, die Teilzeit arbeiten, machen häufig Überstunden, haben auch Nachteile im Karriereweg. Sie bekommen weniger laufendes Einkommen, dabei haben sie eine Produktivität wie Vollzeitmitarbeiter. Wenn man zehn Jahre Teilzeit arbeitet, wird es schwierig, auf dem gleichen Karriereweg zu bleiben. Die eigene Generation hat sich entsprechend weiterentwickelt und man ist im Unternehmen nicht mehr vorne mit dabei. Was nicht heißt, dass es nicht möglich ist.

Finanzen haben bei der raschen Rückkehr in den Job keine Rolle gespielt?

Nein. Wenn ich 20 Prozent weniger verdienen würde, würde sich an meinem Leben nichts Gravierendes ändern. Aber es ist schon so, dass man dann manche Leistungen zukauft, und es am Ende ein Nullsummenspiel ist: Man gibt mehr für Kinderbetreuung oder Haushaltshilfen aus, lagert Dinge aus. Das frisst einen Einkommenszuwachs wieder auf.

Wieso geben Frauen eher 50 Euro für eine Bluse aus, als in die Zukunft zu investieren?

Manchmal ist es der Belohnungsfaktor, manchmal wollen wir einem Gesellschaftsbild entsprechen. Aber ich sehe bei vielen Frauen, dass sie das Geld lieber in die Familie, in die Kinder, investieren als in sich selbst.