"Dunkler Abgrund unter der Oberfläche der Harmonie"

© Bild: Vasek-000/Michael Hock

Thomas Vašek, ehemaliger Chefredakteur des PM-Magazins, liebt die offene Auseinandersetzung - im Büro und im Boxring.

Mit dem KURIER sprach der Wiener über sein Buch "Die Weichmacher", gefährliche Harmonieidioten, und warum Wut in Unternehmen möglich sein muss.

KURIER: Herr Vašek, was löst der Begriff Win-win-Situation in Ihnen aus?
Thomas Vašek:
Da denke ich an Führungskräfte, die diesen Begriff taktisch einsetzen, um möglichst schnell Konsens herzustellen. In der Praxis ist er Teil der Weichmacherstrategie.

Sie sagen, Harmonieidioten schaden dem Unternehmen. Warum?
Die Weichmacher, wie ich sie auch nenne, wollen Konflikte vermeiden, haben keine Überzeugung. Das Problematische ist, dass dadurch notwendige Veränderungen im Unternehmen blockiert werden, Probleme nicht angegangen werden. Das kann sehr gefährlich werden - eine Gruppe, in der alle einer Meinung sind, tendiert zu falschen Entscheidungen.

Sie beschreiben im Buch, dass vor 20 Jahren Ihr Chef stets geschrien und die Kollegin die Schreibmaschine aus dem Fenster geworfen hat. Trauern Sie dieser Zeit nach?
Ich bin da ambivalent. Wut ist aber ein starkes Signal. Es muss möglich sein, in einer Diskussion auch einmal an die Decke zu gehen.

Heute heißt es in den Unternehmen: "von der Wertschätzung zur Wertschöpfung" - was stört Sie daran?
Das ist eine Strategie, um die Harmoniekultur abzusichern. Die Führungskräfte versuchen, ihre eigene Stellung abzusichern - indem sie die Beziehungen zu den Mitarbeitern stabilisieren und managen. Mit dem Ziel, dass niemand Schwierigkeiten macht.

Mit Wertschätzung will man die Mitarbeiter ja motivieren. Ist doch auch gut fürs Unternehmen ...
Der zufriedene Mitarbeiter ist nicht automatisch ein motivierter Mitarbeiter. Erst eine gewisse Form von Unzufriedenheit stachelt zu Leistungen an. Wenn die Leute saturiert sind, bewegt sich ja nichts mehr.

Brauchen die Unternehmen also mehr streitsüchtige Egoisten?
Ich bin weder für Streitsucht noch für Egoismus, sondern für einen produktiven Konflikt. Er ist entscheidend für eine demokratische Kultur.

Sie sprechen sich auch gegen das Teamdenken aus.
Das wird überschätzt. Es wird gerne dazu eingesetzt, um schlichtweg die Verantwortung zu delegieren.

Sind Unternehmen mit Wohlfühlfaktor verdächtig?
Ja. Man wird eingelullt von der allgemeinen Freundlichkeit. Im Meeting begrüßen sich alle mit Küsschen, man kocht Kaffee, alles ist wunderbar. Unter der Oberfläche der Harmonie gibt es einen dunklen Abgrund - da wird schlecht geredet über Abwesende. Im Meeting waren alle einer Meinung, in den Flurgesprächen ist das dann anders.

Muss man mitspielen?
Viele haben Angst, gegen den Strom zu schwimmen. Es wird auch häufig bestraft - meist ganz subtil: Man wird halt nicht mehr einbezogen.

Wie dem entgegenwirken?
Statt einer offenen Widerstandshaltung lieber in kleinen Schritten Dinge verändern - als sanfter Rebell.

  • Interview

Erstellt am 05.12.2011