Nabil Andoura mit seiner ...

© KURIER/Gerhard Deutsch

Porträt
03/30/2016

Der Seifenmacher aus dem Krieg

In Syrien hatte Nabil Andoura ein Seifen-Imperium. Der Krieg nahm ihm alles, jetzt will er sein Unternehmen in Österreich neu aufbauen.

Die Olivenhaine im grünen Tal von Idlib, der Hafen von Latakia mit seinen nahen Lorbeerwäldern, die Altstadt von Damaskus und das Umland von Aleppo. Die Fotos erzählen aus einer vergangenen Zeit, als Nabil und Sohn Ahmad Andoura erfolgreiche Geschäftsmänner in Syrien waren. Damals, 2010, wollten sie ein Fotobuch erstellen, die wichtigen Regionen für ihre Firma Noble Soap zeigen. Jetzt sitzen wir bei Kaffee im Wohnzimmer der Familie Andoura in Wien-Hernals und Ahmad sagt: "So vieles ist zerstört vom Krieg."

Die Geschichte von Noble Soap könnte Stoff für einen Film liefern. Nabil Andoura kam früh mit der unternehmerischen Seite von Seife in Berührung. Die Familie seiner Mutter war in der Tradition der Aleppo-Seife, seine Großmutter brachte ihm das Seifenmachen bei. "Die Zutaten sind nicht kompliziert", sagt der 58-Jährige. Wasser, Olivenöl, Lorbeeröl reichen für die traditionelle Aleppo-Seife. Die Herstellung ist umso aufwendiger. Die teuren Lorbeersamen sind in den Wäldern des Nordens schwierig zu finden. Die Öle werden fünf Tage lang bei 240 Grad Celsius erhitzt, danach wird die Seife acht bis zwölf Monate getrocknet, erzählt Andoura auf Englisch und Arabisch. Über seine Seife, sagt er, kann er stundenlang erzählen.

Tradition und Moderne

1999 gründete Andoura Noble Soap mit Sitz in Damaskus und Seifenfabrik in Aleppo. Er hatte Wirtschaft studiert und seine Freunde waren auf der Welt verstreut. "Ich wollte, dass die Welt weiß, welche Schätze wir hier in Syrien produzieren", sagt er. Seine Vision: die Aleppo-Seife zu modernisieren und weltbekannt zu machen. In Syrien gab es damals rund 300 Mitbewerber. Typisch waren Seifenbarren, die auf Märkten feilgeboten wurden. Andoura setzte anders als die Konkurrenz auf edle Verpackungen und Kräuter. Er adaptierte nicht nur die traditionelle Seifenherstellung mit Dampf statt Feuer, sondern setzte auch auf eine schnelle, moderne Produktionsmethode samt Essenzen aus Blüten. Im Jahr 2000 exportierte er erstmals – ins hautpflegeaffine Japan.

Bürokratie und Korruption würden es Gründern in Syrien schwer machen, sagt der Geschäftsmann. Nie habe er Fördergelder vom Staat oder Kredite bekommen: "Wir haben alles selbst aufgebaut." Das Geschäft florierte in den nächsten Jahren, Noble Soap begann in die meisten Länder Europas, wie Großbritannien, Frankreich, Schweden, in die USA und nach Kanada zu exportieren. Zu den Kunden gehörten Luxushotels, Supermarktketten und Reformhäuser. Und Andoura wagte 2010 den nächsten Schritt. Nach China, ein an sich schwieriger Markt, "es funktionierte aber erstaunlich gut." Im selben Jahr war die Unternehmerfamilie schließlich am Zenit ihres Schaffens angelangt: In Syrien war sie hoch angesehen, Noble Soap war dort jedem bekannt. Zehn Millionen US-Dollar war die Firma damals wert, schätzen die beiden. Bis zu 200 Mitarbeiter produzierten die Seife in der Hochsaison. 500 Tonnen waren es in jenem Jahr.

Dann fielen die Schüsse und die Bomben.

Gefahr im Verzug

Eines Abends – das Jahr 2012 neigte sich dem Ende – verließ Andoura sein Büro, als zwei maskierte Männer ihn aufhielten und verhörten. Ein Auto fuhr vorbei, Schüsse fielen. Er konnte entkommen. Eines Tages machten seine Frau und seine Tochter gerade Besorgungen, als ums Eck eine Autobombe hochging. "Meine Familie war nicht mehr sicher, die Situation wurde instabil", erzählt er leise. Es wurde unmöglich, die Straße zur Fabrik in Aleppo zu passieren, auch in die Zentrale in Damaskus konnte man nicht mehr. Überall Soldaten, Milizen, Straßensperren. Also flüchteten die Andouras in den Libanon. Dort erfuhren sie Anfang 2013, dass die Fabrik von Angriffen zerstört worden war. Mitarbeiter waren tot. Ahmad Andouras Haus war zerbombt, ein Foto zeugt davon. Vor einem Jahr kamen sie schließlich in Österreich an.

"Ich habe alles verloren. Mein Geld, mein Unternehmen, meinen Traum", sagt Nabil Andoura. Ausgeträumt haben Vater und Sohn aber noch nicht. Derzeit analysieren sie den Kosmetik-Markt in Österreich. Vorstellen kann sich Nabil Andoura, die Seifenproduktion in Österreich oder einem anderen europäischen Land aufzubauen, Rohstoffe aus der Türkei zu beziehen. "Wir waren weltweit erfolgreich und können es wieder sein", ist er überzeugt. Für ihr Vorhaben suchen die beiden noch Geschäftspartner und Investoren.