© Kurier/Juerg Christandl

Interview
10/08/2020

Der Schatten des Homeoffice: "Wir leben vom persönlichen Austausch"

Headhunter Günther Tengel kritisiert das New-Work-Konzept: Homeoffice wird zunehmend zum Fluch. Auf Dauer gehen Produktivität, Kreativität und Teamgeist verloren, die Menschen vereinsamen.

von Sandra Baierl, Diana Dauer

Arbeiten von Zuhause aus: Was ab dem 16. März 2020 als Notfallplan mit der Pandemie plötzlich und flächendeckend in die Unternehmen einzog, wird wohl noch auf längere Zeit bleiben. Oder nie wieder verschwinden.

Wobei das Konzept an sich nicht neu ist. Seit vielen Jahren schon experimentieren Unternehmen auf der ganzen Welt mit dem Arbeitsmodell „Homeoffice“ herum. Führten die Heimarbeit ein, holten Mitarbeiter zum Teil aber auch wieder in die Büros zurück, wenn die Sache nicht so gut lief, wie erhofft.

Durch das Corona-Virus haben sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Viele Unternehmen sind zum Homeoffice gezwungen, Leere und Stille herrschen in den Büros, Office-Parks sind verwaist.

Nach Monaten des Ausnahmezustands zeigen sich die ersten Langzeiteffekte der kollektiven Büros-Absenz. Dass das Homeoffice auch Schattenseiten hat, ist unumstritten. Headhunter Günther Tengel geht im Interview noch ein paar Gedankenschritte weiter. „Homeoffice schadet den Unternehmen“, sagt er.

KURIER: Homeoffice wird umjubelt als das neue Konzept von New Work: Sie finden das nicht nur gut, warum?

Günther Tengel: Ich frage mich, ob wir nun schon Teil einer völlig neuen Arbeitswelt sind, nur, weil wir im Lockdown ab dem 16. März alle ins Homeoffice gezwungen wurden. Klar, New Work und Veränderungen hätte es so oder so gegeben. Aber nicht in diesem Tempo. Es hat einen Tag gedauert und wir waren alle im Homeoffice, und es wird Jahre dauern, bis wir ein System etabliert haben, das wirklich gut funktioniert.

Was ist schlecht am Homeoffice?

Es ist nichts grundsätzlich schlecht. Was mir fehlt, sind Selbstbestimmung und Freiwilligkeit. Es ist alles sehr schnell gegangen. Zu schnell. Wir müssen uns dem Thema ganz anders widmen, und das wird Zeit brauchen.

Gerade große Konzerne, jene mit Großraumbüros, kommen aber aus dem System gerade nicht mehr raus.

Viele große Konzerne haben 80 Prozent und mehr der Belegschaft im Homeoffice. Nach außen hin hören wir, wie super das alles klappt. Wie toll das alles funktioniert. Interessanterweise sind viele dieser Entscheidungsträger dann bei uns im Büro und erzählen deutlich andere Stories. Nämlich: Dass vor allem die Produktivität und die Kreativität zurückgehen. Dass die Teamarbeit fehlt. Ich verstehe überhaupt nicht, warum dieses Homeoffice so positiv besetzt ist. Die Menschen wollen doch mit anderen Menschen zusammenarbeiten.

Sie haben relativ schnell Ihre Mitarbeiter zurück ins Office geholt. Mit welchen Argumenten?

Stimmt, seit 1. Mai sind wir alle wieder im Büro zurück. Unsere Aufgabenstellungen im Executive Search haben alle mit Menschen zu tun. Wir leben vom persönlichen Austausch. Und: Wir haben unheimlich viele Anstrengungen unternommen, Zugehörigkeit, Teamgeist und Zusammenarbeit über Jahre zu entwickeln. Ich kann nicht so tun, als würde das alles im Homeoffice gleich gut funktionieren. Weil es einfach nicht so ist. Ich sage als Manager: Wir begeben uns nicht freiwillig auf eine Talfahrt der Performance.

Würden Sie glauben, dass die Performance am Anfang mehr gegeben war, weil man noch aus dem Team schöpfen konnte, das man war. Dass sich das allerdings mit der Zeit abnützt?

Ja, ganz klar. Die Mitarbeiter entwickeln zu Hause ihr eigenes System zu arbeiten. Sie vereinsamen auch. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er hat am 16. März auch nicht aufgehört, ein soziales Wesen zu sein. Im Homeoffice fehlt das gemeinsame Ganze, die persönlichen Beziehungen leiden immens. Und das schlägt sich auf die Arbeitsleistung nieder.

Wie lange können Firmen geringere Produktivität und weniger Kreativität hinnehmen?

Solange es alle machen, fällt es nicht auf. Wenn alle runterfahren, und das passiert derzeit, dann ist das irgendwie okay. In dem Moment, wo der globale Wettbewerb wieder stärker wird, wo es Branchen gibt, in denen einzelne sagen, wir machen es wieder anders, dann erst muss man handeln. Viele Unternehmen erhalten aktuell nur den Status quo. Sie halten die Bestandskunden, akquirieren aber derzeit nicht. Das wir aber auf Dauer zu wenig sein.

Ich höre aus Firmen, die Mitarbeiter dürfen ins Büro kommen, müssen aber nicht. Das Ergebnis ist, dass niemand kommt. Wie deuten Sie das?

Das ist genau das Signal, das wir uns aus den vergangenen Jahren eingehandelt haben. Wir haben so getan, als würden wir alles für unsere Mitarbeiter und die Büros tun. Stichwort: Employer Branding. Es war aber zu wenig dahinter. Und interessanterweise sagen die Mitarbeiter jetzt: Nein danke, wir bleiben daheim.

Warum?

Weil wir offenbar an den Bedürfnissen vorbei gearbeitet haben. Ein Großraumbüro hat in den Augen der Mitarbeiter seine Nachteile, Präsenz hat seine Nachteile. Auf einmal wollen 90 Prozent aller Mitarbeiter nicht mehr zurück ins Büro. Das muss seine Gründe haben. Aber fragen wir nochmals in einem halben Jahr nach. Wenn sich alle zu Hause einbunkern, möchte ich mir nicht die Kurz- und Langzeitfolgen ansehen.

Sie haben davon gesprochen, dass unterschiedliche Jobs im Homeoffice unterschiedlich gut funktionieren. Nicht jeder kann also zu Hause sein. Das ist nicht unbedingt fair.

Wir gehen damit in einen brutalen Verteilungskampf. Mein Hauptthema ist dabei die Gruppenbildung. In jedem Unternehmen gibt es drei Gruppen: die Stammbelegschaft, die Randbelegschaft und flexible Projektgruppen. Die kommen mit dem Homeoffice-Konzept viel stärker zum Vorschein. Schauen Sie mal, wer in den vergangenen Monaten im Büro war. Die Stammbelegschaft? Das Top-Management? Und warum ist das so? Die, die dazugehören, sind anwesend. Denn die Entscheidungen werden nicht im Homeoffice getroffen. Radikal ausgedrückt: Wer jetzt im Homeoffice sitzt, sitzt bald in Rumänien oder Indien. Es ist extrem kurzsichtig, auch von der Gewerkschaft, das nicht so zu sehen.

Oft heißt es: Das Funktionieren von Homeoffice hängt an den Führungskräften, die müssten einfach nur besser anleiten und kommunizieren.

Führen in der Nähe folgt völlig anderen Gesetzmäßigkeiten als Führen aus der Distanz. Wir haben gelernt, mit Zahlen, Daten und Fakten zu führen. Und jetzt: Führen im Nebel. Jeder Tag sieht anders aus und niemand weiß, was morgen ist. Also: Geben wir den Führungskräften bitte Zeit, das zu lernen. Management-Forscher Fredmund Malik hat schon vor Jahren gesagt „Die Welt braucht Leader, findet jedoch nur Manager.“ Das stimmt mehr denn je.

Welches System wird es in Zukunft geben?

Wir werden in einer hybriden Arbeitsumgebung leben. Homeoffice wird aber nur eines der vielen Zukunftsthemen sein. Vielleicht brauchen wir nicht nur andere Büros, sondern auch andere Unternehmen, andere Vorgesetzte, andere Mitarbeiter.

Andere Büros? Keine Großraumbüros mehr?

Viele Unternehmensleitungen haben sich wohl verspekuliert. Haben die falschen Büros gebaut. Die Raumkonzepte stimmen nicht mehr. Ich schätze, dass 80 Prozent aller Unternehmen in den nächsten sechs bis zwölf Monaten kündigen werden. Es wird mit weniger Mitarbeitern gehen müssen – und damit auch mit weniger Fläche.

Die Arbeit im Homeoffice kann leiden, muss sie aber nicht

Im Homeoffice liege es nahe, dass Zusammenarbeit zu kurz kommt und mitunter komplett versiegt, sagt Arbeits- und Organisationspsychologe Gerhard Klicka. "Persönliche Produktivität aber hält uns gesund."

Im Idealfall hat man daheim eine gute Arbeitsbewältigung, Sinnfindung und kann Erfolge  gemeinsam erleben – via Videochat, erklärt Klicka. Denn: Motivation resultiert auch durch Anerkennung, Autonomie und Wertschätzung. Und Motivation bedingt Produktivität zu weiten Teilen. Aber Online-Zoom-Meetings sind ungleich anstrengender als persönliche Treffen.

"Führungskräfte haben hier eine neue Herausforderung. Sie müssen stärker in den Vordergrund treten, den persönlichen Kontakt suchen. Und sich in der Fürsorgepflicht finden“, erklärt Klicka. Eine Anerkennungs- und Wertschätzungskultur fehle momentan noch. "Wer mit der Rute hinter den Mitarbeitern steht und Ihnen nicht vertraut, sorgt nicht für Motivation.“ Homeoffice kann aber auch die  Produktivität steigern. Der Präsentismus fällt weg  und man hat Ruhe für die Arbeit.   Zu viel Ruhe ist aber auch nicht gut: "Zwei Tage die Woche daheim ist eine gute Balance. Sonst leidet der Workflow.“

In Rechtsfragen bleibt vieles offen.

Die Praxis des Homeoffice kam vielerorts lange vor einer Rechtsgrundlage. In Österreich gingen die Gespräche zu einem Homeoffice-Gesetzespaket im September zwischen Arbeitsministerin Aschbacher und Sozialpartner in eine erste Runde. Mit einem finalen Entwurf wird allerdings erst im März 2021 gerechnet.

Was bis dahin arbeitsrechtlich gilt: Arbeit im Homeoffice braucht eine vertragliche Grundlage, erklärt Christian Dunst, von der Arbeiterkammer. Weder gibt es ein Recht noch eine Verpflichtung zum Homeoffice. "Sinnvoll wäre daher eine Betriebsvereinbarung, in der die Rahmenbedingungen klar geregelt sind“, so  Dunst.

Außerdem: Arbeitnehmende, die im Homeoffice arbeiten, haben grundsätzlich einen Anspruch auf Aufwandersatz, etwa für zusätzlich entstehende Kosten, etwa  mehr  Datenvolumen.  Man habe selbst dann kein Recht auf Homeoffice, wenn man Angehörige hat, die einer Risikogruppe angehören.

Grundsätzlich gilt, Chefs müssen Arbeitsmittel zur Verfügung stellen. Laut einer IFES-Studie haben im April  diesen Jahres 30 Prozent mit privaten Geräten und Infrastruktur gearbeitet. "Unterbleibt die Arbeitsleistung, weil Arbeitsmittel fehlen, kann dies nicht den Arbeitnehmern zugerechnet werden“, so der Experte.  

Psychologischer Druck im Homeoffice

Homeoffice kann zu  Stress und Vereinsamung führen. Die Isolation war für viele während des Lockdowns eine, gelinde gesagt, psychologische Herausforderung. Einsamkeit oder massiver Druck und Überforderung hinterlassen Spuren im menschlichen Wesen.

"Die individuellen Homeoffice-Situationen muss man in zwei Lebenswelten unterteilen“, erklärt Gerhard Klicka, Gesundheitspsychologe und Experte für Arbeits- und Organisationspsychologie. "Man kann das nicht über einen Kamm scheren.

Arbeitet man alleine, in Ruhe und kann sich im Homeoffice an einem adäquaten Arbeitsplatz  konzentrieren? Oder muss man sich in einer Ecke in der Küche verschanzen, während die Kinder toben?“, erklärt Gerhard Klicka.

Menschen in letzterer Situation leiden im Homeoffice unter großem Druck und ständigem Stress. Sie  möchten  zur  Arbeitsbewältigung häufig ins Büro flüchten. Für beide Gruppen im Homeoffice gilt, dass man im Homeoffice Teamgefüge, Vertrauen und Austausch vermisst.

Das Gefühl, nicht integriert zu sein, leidet im  Heimbüro sehr.  Vereinsamung kann ein Ergebnis sein, wenn Ansprache und Austausch fehlen. Positiv: mehr Work-Life-Balance, die Ruhe  kann sich psychologisch positiv äußern.  

Arbeiten im privaten Raum

Ein Heim-Arbeitsplatz kann schaden. Das Coronavirus hat den Menschen gezeigt, dass Gesundheit auch ein wirtschaftlicher Faktor ist – nicht nur für Selbstständige, die Verdienstausfälle haben, wenn sie nicht arbeiten können. Die Welt ist durch die Gesundheitskrise in die schlimmste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg geschlittert.

Das Homeoffice ist und war eine gesundheitliche Präventionsmaßnahme, um Menschen  gesund zu halten.  Aber auch in dieser Schutzzone ist auf die Gesundheit zu achten. 

Erstens,  seelisches Gleichgewicht beeinflusst auch die physische Gesundheit. Zweitens wird im  Homeoffice  weniger  Bewegung an der frischen Luft betrieben. Drittens, "das Thema der Hardware“, erklärt Karl Hochgatterer, Präsident der  Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention. 

Das heißt, externe  Bildschirme, Tastaturen sowie ergonomische  Arbeitstische und Stühle, die auch dem Anspruch des Büros entsprechen, sind wichtig. Also: höhenverstellbare Tische und Stühle, Lehnen.

Ansonsten riskiere man Nacken-, Schulter- und Armsyndrome und Beschwerden im Stütz- und Bewegungsapparat. Langes, krummes Sitzen auf dem Sofa kann  bereits nach wenigen Stunden zu Beschwerden führen.  

 

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