© Gilbert Novy

Interview
08/29/2020

Ausverkauft: Der neue Woom-Geschäftsführer über den unvorhersehbaren Fahrrad-Boom

Der neue Woom-CEO Guido Dohm über den Run auf Kinderfahrräder und wie man sich für die Zeit nach dem Boom rüstet.

von Sandra Baierl

Corona hat Fahrräder zu einem begehrten Objekt gemacht. Die Nachfrage übersteigt alle Erwartungen: Wer heute ein Kinderfahrrad bei Woom bestellt, muss mindestens drei Monate warten, bis es geliefert wird. Der neue Woom-Geschäftsführer Guido Dohm erklärt die Marktlage und wie er sich für die Zeit nach dem Boom rüstet.

KURIER: Ihre Planung für 2020 wurde von Corona durchkreuzt. Sie kommen mit der Produktion nicht nach. Da helfen keine Extraschichten?

Guido Dohm: Wir planen die Kapazitäten sechs Monate im Voraus. Die aktuelle Situation war so nicht absehbar. Niemand plant von einem Jahr zum nächsten eine Absatz-Verdoppelung.

Die Statistiken zeigen tatsächlich eine Verdoppelung der Verkaufszahlen in Europa. Und angeblich eine Verfünffachung in China.

Mit Zahlen muss man vorsichtig sein. Das Wachstum bei uns liegt bei fast hundert Prozent. Mehr schaffen wir auch gar nicht. Wenn wir gierig wären, würden wir die Produktion mittelfristig massiv hinaufdrehen. Das wäre aber unvernünftig, weil die Organisation das nicht aushalten würde. Und wir müssen auch halten, was wir versprechen – bei Service und Qualität.

Ist der Trend zum Rad eine vorübergehende Corona-Erscheinung oder bleibt uns das?

Corona hat zusätzlich positiv stimuliert. Im Lockdown war die Bewegung in der freien Natur die erste Wahl. Das Thema Rad bedient aber gleich mehrere Megatrends: Nachhaltigkeit, Mobilität, Ressourcenschonung, Gesundheit, Natur. Das wird bleiben. Mit einer signifikanten Steigerung sicher auch noch im nächsten Jahr.

Aber so viele haben doch schon ein Fahrrad.

Alle acht Jahre kauft sich ein Erwachsener ein neues Rad. Unsere Kinderräder werden weiter gereicht – zu Preisen nahe dem Neuwert.

Werden Sie weiterhin am Standort Klosterneuburg festhalten können?

Alles, was in Europa verkauft wird, läuft über Klosterneuburg. Es gibt ein definitives Bekenntnis zu Klosterneuburg, eventuell ist in Zukunft zusätzlich Wien ein Thema.

Ist eine generelle Marktsättigung in Sicht?

Die Frage ist berechtigt, das Marktpotenzial ist nicht unendlich. Wir haben den höchsten Marktanteil aller Kinderfahrradhersteller in Österreich. Da wird der Sättigungsgrad relativ schnell erreicht sein. Ich glaube, wenn wir fünf Jahre weiter denken, wird sich mindestens 30 Prozent unserer Belegschaft nicht mehr ausschließlich mit dem Thema Fahrrad beschäftigen. Sondern mit Angeboten rund um das Thema Mobilität.

Wie kann so ein Angebot aussehen?

Wir wollen die Kunden besser kennenlernen. Das ist schwierig, wenn die Frequenz – alle 24 Monate ein Radkauf – niedrig ist. Da muss man sich andere Dinge einfallen lassen, wie man das Erlebnis Radfahren für Kinder noch attraktiver machen kann. Wir werden den Woom-Riders-Club gründen. Wir wollen Fahrräder tracken – über das Handy der Eltern. Wir werden viel im Digitalbereich tun. Früher sagte man: Innoviere oder stirb. Heute muss es heißen: Digitalisiere oder stirb.

Sie sind mit 1. März in die Firma eingestiegen – wohl zur richtigen Zeit im Corona-Jahr.

Das ist unabhängig von Corona zu sehen. Die beiden Gründer haben sich überlegt, wie sie das alles bewältigen können. Wie sie sich nach sieben Jahren neu organisieren. Wir werden dieses Jahr, was den Umsatz angeht, als Großunternehmen gewertet. Da war die Erweiterung in der Geschäftsführung logisch. Die Vorgabe an den Headhunter war übrigens: die Person durfte noch nie in der Rad-Industrie gearbeitet haben.

Und soll, wie Sie, vier Kinder haben.

Nein, das war kein direktes Kriterium. Aber eine Affinität zum Radfahren war Voraussetzung.

Und weil ihre älteste Tochter auch ein Woom-Bike will, gibt es demnächst Erwachsenenräder.

Wir bleiben beim Bekenntnis: unter der Dachmarke gibt es Kinder- und Jugendräder.

Vielleicht unter einer anderen Marke?

Das legen Sie mir jetzt in den Mund. Aber natürlich wäre das denkbar. Im Moment würden wir uns damit aber verzetteln: wir haben 80 Entwicklungen in der Pipeline.

Reden wir über die Produktion: Sie lassen in Kambodscha produzieren, da gab es Kritik zu den Arbeitsbedingungen. Was ist da dran?

Zu allererst: Niemand in Österreich kann das, was dort gemacht wird. Das Schweißen von Aluminium ist eine Kunst. Ein Schweißer braucht acht Monate, um das zu erlernen. Die Leute in Kambodscha reißen sich um diese Jobs, weil sie so viel mehr als auf dem Reisfeld verdienen, dass sie ihre Familie ernähren und ihre Kinder in die Schule schicken können. Wenn wir dort nicht Produktion aufbauen mit Löhnen, die die Familien ernähren, dann müssen sie sich andere, zum Teil schreckliche Wege suchen. Dadurch, dass sich Firmen aus Europa und den USA hier vor vielen Jahren angesiedelt haben, hat sich das Leben für die Bevölkerung verbessert. Noch weit weg von unserem Kodex, aber es ist besser geworden. Ich bin auch zu Woom gekommen, um soziale Verantwortung weiter voranzutreiben, aber das geht nicht von heute auf morgen.

Sie wollen einen Teil der Produktion nach Rumänien verlagern, auch in Polen wird produziert. Suchen Sie den Weg nach Europa?

Einige unserer Kernabsatzmärkte sind hier, aber wir haben 35 Tage Seelaufzeit von Asien nach Europa. Seefracht verursacht CO2 und kostet Geld. Da liegen Rumänien und Polen näher. Endmontage der Räder ist hier also eine Option.

 

Über aktuelle Zahlen redet man bei Woom nicht. 2019 wurden 142.000 Woom-Kinderräder verkauft, heuer sollen es nahezu doppelt so viele sein. Die Nachfrage nach dem Klosterneuburger Kinderrad ist groß. Warum? Weil Woom das Kinderrad neu designt hat: Es ist kein geschrumpftes Erwachsenen-Rad, sondern jedes Teil wurde für Kinder entwickelt. 

Die Gründer Christian Bezdeka und Marcus Ihlenfeld wollten für ihre Söhne das perfekte Fahrrad bauen – in einer Garage nahm die Erfolgsgeschichte ihren Anfang. Heute ist Woom in 30 Ländern weltweit erfolgreich, der Personalstand hat sich seit 2018 verdoppelt, auf aktuell 100 Mitarbeiter. 

Mit Guido Dohm holt sich Woom einen erfahrenen Manager aus der Bekleidungsindustrie, zuvor war er  bei Jack Wolfskin, Hugo Boss, Escada, Laurel und Tom Tailor. 

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