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Wirtschaft Karriere
12/22/2021

Arbeitszeitverkürzung: Wie realistisch ist die Vier-Tage-Woche?

Eine Arbeitszeitreduktion könnte sich positiv auf das Wohlbefinden der Arbeitnehmer auswirken. Doch wie realistisch ist ein solches flächendeckendes Modell - ein Ökonom klärt auf.

von Theresa Kopper

Einen Tag pro Woche weniger Arbeiten, eine bessere Work-Life-Balance und weniger Stressgefühl dafür derselbe Lohn - bei dem Gedanken dürften viele Arbeitnehmer zu träumen beginnen.

Erst vor wenigen Monaten hat eine Studie aus Island dahingehend für großes Aufsehen gesorgt. In zwei Feldversuchen hat man 2015 und 2017 fast 3.000 Arbeitnehmer untersucht, die ihre Arbeitszeit reduziert haben. Viele davon von 40 auf 36 oder 35 Stunden pro Woche. Der Clou: „Die Produktivität und die erbrachte Leistung blieben gleich, oder verbesserten sich sogar bei den meisten Versuchsarbeitsplätzen“, so die Studienautoren. 

Belastbarkeit der Studie unklar

Wie belastbar diese Erkenntnisse aus Island sind, ist allerdings unklar. Unter den Autoren der Studie befand sich kein Ökonom. Fraglich ist auch, ob sich die Ergebnisse auf andere Länder mit einer komplexeren Wirtschaftsstruktur als Island übertragen lassen. 

"Für die Mehrheit der Firmen geht sich das nicht aus"

Fakt ist jedoch: Auch hierzulande wird das Thema heiß diskutiert. Dass die Arbeitszeitverkürzung positive Effekte auf Lebensqualität und Burn-out-Risiko haben kann, ist unbestritten. „Aus ökonomischer Sicht sehe ich aber eine allgemeine Verpflichtung problematisch“, sagt Martin Halla, Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik an der JKU Linz.

Besonders die Ankündigung, dass der Lohn bei geringerer Arbeitszeit gleich bleibe, sei unrealistisch. „In einige Unternehmen, die viel Umsatz machen und ihren Gewinn auf die Arbeitnehmer umverteilen, kann das funktionieren. Aber am Ende des Tages werden wir für Produktivität bezahlt.“ Und für die Mehrheit der Firmen gehe sich das einfach nicht aus. 

Fairere Aufteilung

Befürworter der Vier-Tage-Woche bringen oft das  Argument, dass man mit ihr Arbeitslosigkeit entgegenwirken könnte, weil sich die Arbeit dann auf mehr Köpfe verteile. Grundsätzlich klingt das plausibel, einige Studien aber wirken dem Argument entgegen.   In einer aus Frankreich beispielsweise, in der Arbeitnehmer  über einen längeren Zeitraum ihre Arbeitszeit reduzierten, konnte kein positiver Effekt auf die Beschäftigung im Sinne einer faireren Verteilung auf Arbeit nachgewiesen werden. Auch Wifo und IHS  sehen solche Argumente kritisch.

Fraglich ist auch, welche Auswirkungen eine verpflichtende Vier-Tage-Woche auf den Fachkräftemangel haben könnte. „Einzelne Unternehmen können sich damit als attraktiver Arbeitgeber präsentieren. Und das ist auch gut so“, sagt Halla. Wären aber alle dazu verpflichtet, sehe ich durchaus Probleme. „Weil in diesen Branchen sowieso schon zu wenige Arbeitsstunden am Markt sind. Verkürzt man diese nun weiter, kann das  weiteren Schaden verursachen.“

Realistischere Parameter benötigt

Dass es trotzdem wichtig sei, über die Arbeitszeitverkürzung zu diskutieren, das bestreitet Halla nicht. „Für eine Verpflichtung braucht es aber realistische Parameter.“ So müsse genau definiert werden, für welche Berufsgruppe, welches Modell in Frage käme. Sonst spiele man mit den Hoffnungen der Arbeitnehmer. 

Vier-Tage-Woche in der Praxis

Christian Leidinger ist Geschäftsführer der Tischlerei Die Køje. Seit zwei Jahren arbeiten die Mitarbeiter vier Tage die Woche.

Herr Leidinger, warum gibt es in Ihrem Betrieb die Vier-Tage-Woche?
Christian Leidinger: Das hat zwei wesentliche Gründe: Der Fachkräftemangel und der Umweltschutz. Mit der Vier-Tage-Woche schaffen wir es, uns als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren und gleichzeitig den -Fußabdruck des Unternehmens zu minimieren, weil beispielsweise Anfahrtswege wegfallen. 

Sie haben die Arbeitszeitverkürzung vor zwei Jahren eingeführt. Welche Auswirkungen hatte es auf das Unternehmen?
Es hatte definitiv keine Auswirkungen auf unsere Zahlen. Wir schreiben dieselben, wenn nicht sogar höhere Umsätze wie vor der Einführung. Heute ist es für uns aber wesentlich einfacher, Mitarbeiter und vor allem Lehrlinge zu finden. Letztere gehen erfahrungsgemäß gerne in die Industrie, auch weil es dort höhere Löhne gibt. Seitdem es bei uns aber die Vier-Tage-Woche gibt, können wir uns unsere Lehrlinge aussuchen, Bewerbungen kommen immer genug. 

Haben Sie auch Veränderungen bei Ihren bestehenden Mitarbeitern wahrgenommen? Gibt es beispielsweise weniger Krankenstände?
Wir hatten schon davor wenig Krankenstände, insofern ist das schwer zu beurteilen. Statt 40 Stunden arbeiten unsere Mitarbeiter heute 37 Stunden pro Woche. Ich behaupte aber trotzdem, dass sie ähnlich viel Zeit im Unternehmen verbringen als davor. Weil beispielsweise Behördengänge, Arztbesuche und Ähnliches nicht mehr in der Arbeitszeit erledigt werden müssen, sondern am freien Freitag. 

In Zukunft wollen Sie die 37 Stunden pro Woche weiter senken. Warum?
Uns ist bewusst, dass diese 37 Stunden pro Woche auf vier Tage aufgeteilt noch immer viel sind und wir wollen das künftig auf 35 Stunden senken. Auch weil ich davon überzeugt bin, dass wir das dem Klima schuldig sind. Mit einer flächendeckenden Vier-Tage-Woche könnten wir den -Ausstoß deutlich reduzieren. 

40 Stunden in vier Tagen

Im Hotel Aviva arbeiten Angestellte 40 Stunden pro Woche. Das allerdings in vier Tagen. 

Herr Grünbart, warum haben Sie die Vier-Tage-Woche in Ihrem Hotel eingeführt?
Christian Grünbart:  In einem Hotel drehen sich die Gedanken immer darum, wie man seinen Gästen das Beste bieten kann. Wir wollten dieses Konzept auch auf unsere Angestellten übertragen, ihnen ein Arbeitszeitmodell ermöglichen, dass es erlaubt, Job und Privatleben stressfreier unter einen Hut zu bringen. Und so haben wir vor drei Jahren die Vier-Tage-Woche eingeführt.

Was bedeutet das für Sie als Unternehmer? Mussten Sie dadurch mehr Personal einstellen?
Nein, es war im Grunde nur eine Sache der Dienstplan-Arithmetik. Unsere Mitarbeiter arbeiten Vollzeit nach wie vor 40 Stunden, nur eben auf vier Tage verteilt.

Ist das für die Mitarbeiter nicht eine größere Belastung?
Nein, in der Praxis ist es so, dass unsere Mitarbeiter pro Tag zwei Stunden mehr arbeiten, dafür aber drei Tage pro Woche frei haben. Wir merken, dass die Mitarbeiter dadurch viel ausgeruhter sind. Außerdem sind es 2.000 Kilometer, die pro Monat auf alle gerechnet an Arbeitsweg eingespart werden. Im Sinne der Umwelt ein enormer Effekt. Und es bedeutet nicht nur ein Gewinn an Lebensqualität, sondern auch ein Sparen von Kosten, etwa für Benzin.

Welchen Vorteil haben Sie als Geschäftsführer des Hotels  davon? Hilft Ihnen die Vier-Tage-Woche auch, um Fachkräfte zu bekommen?
Zum einen hilft es uns, neue Mitarbeiter zu bekommen. Zum anderen war es uns in den vergangenen Monaten, vor allem im Lockdown, auch zuträglich, das bestehende Personal zu halten. Ich glaube auch, dass wenn man die Vier-Tage-Woche gewohnt ist, man nur noch sehr ungern auf eine 5-Tage-Woche umsteigt. Nicht nur, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist, sondern auch, weil es de facto eine Verschlechterung der Lebensqualität bedeutet. 

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