Wirtschaft | Karriere
06.04.2017

Angst vor den Aufsichtsrätinnen?

Warum Männer lieber Männer als Vorgesetzte haben und die Frauenquote in Deutschland trotzdem ein Erfolg ist, verrät Buchautor Rudolf X. Ruter.

KURIER: Die Regierung will heuer eine Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten von Großunternehmen verordnen. Braucht es das Gesetz?

Rudolf X. Ruter: Grundsätzlich finde ich es richtig, wenn der Gesetzgeber eingreift und sagt: Ihr müsst das jetzt machen. Mir gefällt aber die Verengung auf das Geschlecht nicht. Es müsste auf Diversity ausgeweitet werden, etwa unterschiedliche Altersgruppen, Nationalität oder Branchenzugehörigkeit. Auch benachteiligten Gruppen könnte man eine Chance geben. Viele Unternehmen haben den Wert einer vielfältigen und bunten Belegschaft noch nicht erkannt.

In Deutschland wird die Frauenquote schon seit einem Jahr erprobt. Wie sind die Erfahrungen?

Die Zahlen zeigen eindeutig: Der Frauenanteil ist deutlich gestiegen. Firmen müssen berichten und auch öffentlich begründen, warum sie die Frauenquote noch nicht erfüllen. Das setzt die Unternehmen ganz schön unter Druck.

Besteht nicht die Gefahr, dass immer dieselben Frauen engagiert werden?

Das war in Deutschland zuerst auch so, weil es angeblich zu wenige Frauen gab. Dann kam man drauf, dass diese nicht immer geeignet waren. Man muss nicht immer im nur selben Wasserglas suchen, es gibt genug hoch kompetente Frauen.

Männer suchen aber nicht unbedingt nach hoch kompetenten Frauen. . .

Das ist jetzt aber ein Gerücht, das von Frauen in die Welt gesetzt wurde. Ich glaube nicht, dass Männer Angst vor Frauen haben (lacht). Nur mancher hat gelegentlich Angst vor einem kompetenten Vorgesetzten. Männer glauben bloß, dass sie mit Männern besser zurechtkommen, weil sie deren Spielchen besser beherrschen. Für viele ist eine Frau als Vorgesetzte oft Neuland , dann schon lieber das Vertraute. Ingenieure werden immer Ingenieure wollen, Kaufleute wollen Kaufleute...

Um Geschlechtergleichheit zu erreichen, müsste es ja eine 50 Prozent-Quote geben, realistisch?

Man muss keine Feministin sein, um das zu fordern. Erst müssen wir einmal die 30 Prozent schaffen. Wir haben z.B. einfach zu wenige Technikerinnen, um die Quote im Ingenieursbereich zu erfüllen. Ich muss genügend Frauen mit dieser Kompetenz ausstatten. In 80 Prozent der Berufsfelder würde es aber gehen.

Ihr Buch heißt: Die Tugenden eines ehrbaren Aufsichtsrates". Wie definieren Sie ehrbar?

Ich glaube, dass es jeder so buchstabiert: E wie Ehre, H wie Haftung, R wie Rückgrat, B wie Bescheidenheit, A wie Anstand und R wie Respekt.

Sind das nicht sehr hohe moralische Ansprüche?

Glaube ich nicht, jeder will doch respektvoll behandelt werden. Warum soll das für Unternehmensführer nicht gelten? Warum soll ich meine Meinung nicht sagen, nur weil ich glaube, ich habe davon einen persönlichen Nachteil? Das ist Feigheit. Führungskräfte müssen sich anders messen lassen. Sie wollen auch anders bezahlt werden.

Viele Aufsichtsräte bestehen aber weniger aus ehrbaren Kontrolleuren, sondern aus Freunden und Ja-Sagern. Woran liegt das?

Wahrscheinlich an der menschlichen Bequemlichkeit. Manche Vorstände verraten sich dadurch, dass sie sagen: Das ist mein Aufsichtsrat. Das verändert sich gerade. Früher fand alles im Stillen und Geheimen statt, heute wird alles dokumentiert. Die Professionalisierung nimmt zu, allein schon wegen der verschärften persönlichen Haftungen bei Pflichtverletzungen.

Wird die Arbeit solcher professioneller Aufsichtsräte ausreichend honoriert?

Absolut nein. Von ein paar Honorar-Exzessen abgesehen ist die Bezahlung von Aufsichtsräten meist nicht adäquat.