Wiener Manufakturen: Warum sie bewusst nicht expandieren
„Es ist ein emotionales Produkt“, sagt Designerin Niki Osl über ihre Blumenkränze und Spangen, die sie in ihrem Döblinger Atelier per Hand fertigt. Und auch Sabine Perzy spricht sofort von der Seele, die in jeder einzelnen Schneekugel steckt, die seit 126 Jahren ihre Manufaktur in Wien-Hernals verlässt. „Das ist einer der Hauptgründe, warum unsere Produkte so gut ankommen. Weil der Spaß und die Liebe spürbar sind.“
Beide Unternehmerinnen hätten expandieren, noch höhere Gewinne erzielen können, erzählen sie dem KURIER. Die Nachfrage nach ihrem traditionellen Handwerk ist schließlich groß, genauso wie die Konkurrenz günstiger Hersteller.
Niki Osl hat bereits mit sieben Jahren begonnen, Kunstblumen zu sammeln. Das Kranzbinden lernte sie von ihrem „Onkel Schurl“ und ihrer Mutter. Niki Osl ist eine One-Woman-Show, einzig und allein ihre Mutter und ihr Partner dürfen beim Fertigen der Kränze unterstützen. Wie viele Kränze, Spangen und Haarreifen die Designerin bereits kreiert hat? Das weiß sie selbst nicht und schätzt hundert. „Ich bin zeit- und zahlenlos“, sagt sie scherzend.
„Lass produzieren, geh in die Menge“, riet man Niki Osl als ihr Business vor über zehn Jahren zu florieren begann. Doch Osl hätte Abstriche in der Qualität machen müssen. Plastik statt Draht, Massenware statt Vintage-Blüten. Für die Designerin undenkbar – sie ist jemand, der „die Zeit gerne festhält.“ Für ihre Kreationen der Marke „miss lillys hats“ darf kein Material jünger als aus den 1970ern sein. Noch lieber sind ihr antike Einzelstücke, die sie auf Flohmärkten und Messen quer über den Globus findet und die eigentlich schon ins Museum gehören.
1900 erfand der Chirurgieinstrumentenmechaniker Erwin Perzy I die Schneekugel. Heute führt Sabine Perzy in vierter Generation den Betrieb, Vater Erwin Perzy III ist ebenfalls an Bord. Die Perzys sind allesamt gelernte Werkzeugtechniker. Das technische Grundverständnis braucht es, da Gießformen, Dichtungen, Sockel etc. ebenfalls alle selbst gefertigt werden. Heute beschäftigt die Manufaktur zehn Mitarbeiter, viele darunter kommen aus der Gastro.
Sabine Perzy, in vierter Generation Schneekugel-Macherin, gesteht, dass sie vor ein paar Jahren kurz die Ambition hatte, ihr Unternehmen auszubauen. Mit ihrem zehnköpfigen Team versorgte sie sieben Adventmärkte parallel mit neuer Ware. „Am Ende der Saison waren wir streichfähig“, erinnert sie sich.
In jedem Produkt stecken mindestens 80 Prozent Handarbeit. Auch die 3D-Drucker – mittlerweile sind es neun an der Zahl – nehmen weniger Arbeit ab als vermutet, so Perzy. Sie kämen nur bei Sonderanfertigungen für Figuren zum Einsatz, die nach dem Druck noch geputzt, gewaschen, getrocknet, gehärtet, lackiert und von Hand bemalt werden müssen. Also ruderte auch Perzy zurück, blieb bei ihren ohnehin stolzen 200.000 bis 300.000 Schneekugeln pro Jahr, die von Wien aus in die ganze Welt verschickt werden.
Das große Geld ließe sich also auch heute noch mit Kunsthandwerk verdienen, erkennen beide Unternehmerinnen. Wie viel Handwerk und Liebe dann aber wirklich noch in den Produkten steckt, sei dahingestellt.
Niki Osls Kundinnen schätzen das Einzigartige. „Sie kommen mit Brautkränzen von der Großmutter. Sie wollen ein Erinnerungsstück, kein Wegwerfprodukt.“ Und auch Sabine Perzys Kundschaft weiß, dass ein günstiges Massenprodukt nicht mit einem aus der Manufaktur konkurrieren kann. „Was unsere Schneekugel unterscheidet, ist der Schneefall“, sagt Perzy, die das Geheimnis hinter der Schneezusammensetzung selbst erst bei der Firmenübernahme erfahren hat.
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