Ali Mahlodji: "Alles, was ich brauche, habe ich an mir"

Watchadoo-Gründer Ali Mahlodji…
Foto: /Martina Draper 2012 gründete Ali Mahlodji whatchado, ein „Handbuch“ über Karrieren.

Ali Mahlodji kam als Flüchtling nach Österreich, brach im ersten Durchgang die Schule ab und wurde dennoch erfolgreicher Unternehmer. Seine Geschichte erzählt er in seinem neuen Buch, dem KURIER erzählt er die Hintergründe.

Ali Mahlodji wurde im Iran geboren und wuchs in einem österreichischen Flüchtlingsheim auf. Er stotterte, brach die Schule ab und probierte über vierzig verschiedene Jobs aus. Schon als 14-Jähriger sehnte er sich nach einem "Handbuch mit Lebensgeschichten" – er kreierte es schließlich selbst und gründete 2012 das Start-up whatchado, eine Internet-Plattform, auf der Menschen von ihrem Leben, ihrer Karriere und ihren Träumen berichten. Nun erzählt Ali Mahlodji seine Geschichte. In einem autobiografischen Buch schreibt er offen über Aufstieg und Fall, seine schlimmsten Jobs, sein Burn-out und wichtige Lektionen fürs Leben.

KURIER: Flüchtling, Schulabbrecher, Jobhopper – Sie hätten genauso gut auf der Straße landen können. Was hat Sie dahin gebracht, wo Sie heute sind?

Ali Mahlodji: Ich denke, es waren Glück und viele Zufälle. Wobei man sagt: Ein Zufall ist, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft. Ich glaube, mein größtes Glück ist, dass es mir nie an etwas gefehlt hat. Ich habe früh gelernt, sehr genügsam zu sein. Als wir whatchado gegründet haben und es in den ersten Jahren nicht gut gegangen ist, dachte ich immer: Ich kann immer noch Bodenputzen gehen. Meine Eltern haben mir da viel mitgegeben. Sie haben es richtig gut geschafft, mir klarzumachen, wie einzigartig unsere Lebenszeit ist. Ich habe mir als Kind schon immer gedacht, welches Glück wir hatten, in Österreich zu landen.

Es gab so viele Hürden in Ihrem Leben, aber Sie sind daran nicht zerbrochen, sondern stärker hervorgegangen.

Ich glaube, dass die innere Kraft immer meine Wut war. Ich habe mich darüber geärgert, wie die Menschen mit mir umgegangen sind. Sie haben gesagt, "du bist ein Brauner", und als ich die Schule geschmissen habe, war das in ihren Augen "eh klar". Diese Wut war ein starker Antrieb. Es gab für mich zudem niemals den Gedanken, dass es das Ende ist, wenn etwas schiefgeht. Verlust und Scheitern sind für mich keine Katastrophe. Die Fallhöhe war für mich also niemals so schlimm. Ich bin mit keinem Status in die Welt gekommen. Alles, was wir als Flüchtlinge je bekommen haben, war ein Gewinn. Ich habe gesehen, wie meine Eltern im Iran alles verloren haben. Und es trotzdem hier geschafft haben. Ich habe gelernt: Alles, was ich brauche, habe ich an mir.

Ihre Eltern sind in Ihrem Buch immer wieder mit weisen Ratschlägen vertreten. Wie wichtig waren Mutter und Vater für Sie?

Ich habe Eltern, die ihr Leben bei der Flucht aufs Spiel gesetzt haben. Sie wollten sich nicht mit dem iranischen Regime arrangieren – vor allem Mama wollte das nicht. Ich denke, Eltern geben Kindern ein Mindset mit. Meine Eltern haben mir viel Positives mitgegeben. Wir hatten nichts, auch keinen Fernseher: Mein Vater hat für mich Lebensweisheiten in Geschichten verpackt. Er hat mir stundenlang erzählt. Seine Geschichten waren mein Leben.

Ein Ausspruch Ihres Vaters war: "Bildung, die wir einmal im Leben erhalten haben, kann uns niemand mehr wegnehmen." Wird Bildung in Österreich hoch genug geschätzt?

Das Schöne in Österreich ist, dass es gerade in der Bildung für jeden Menschen etwas gibt. Aber in niedrigen Schichten wird Bildung wenig geschätzt. Das ist dann was für Streber, oder ich höre oft "dafür bin ich zu blöd". Den Menschen, die nur auf der Couch oder im Einkaufszentrum herumhängen, mache ich schon den Vorwurf, dass sie ihre Lebenszeit vergeuden. Aber ich glaube auch: Jede Generation nützt ihre Chancen nur so gut, wie sie es verdient. Ein heute 20-Jähriger hat in Österreich keine Krise, keinen Mangel, keinen Krieg erlebt. Für den ist alles immer da gewesen. Der weiß gar nicht, was das für ein Glück ist. Ich reise viel und wenn ich erzähle, dass Bildung bei uns kostenlos ist, dann ist das für viele unglaublich. Ich bin sicher: den Jungen fehlt die tiefe Dankbarkeit. Ich verlasse in der Früh nicht das Bett, bevor ich nicht an drei Dinge denke, für die ich dankbar bin.

Was hat Sie dazu bewogen, als Schulabbrecher in der Abendschule doch noch einen Abschluss zu machen? Danach sogar ein Studium?

Die vollkommene Freiheit. Ich konnte mich plötzlich selbst für eine Ausbildung entscheiden. Ich habe viel über Start-ups im Silicon Valley gelesen und wollte werden wie die Menschen dort. Was mich aber wirklich angespornt hat: Ich dachte, ich lebe wahrscheinlich noch 70 Jahre. Wenn ich mich diese drei, vier Jahre in der Schule reinhaue, habe ich ein viel angenehmeres Leben danach. Ich hatte also vor allem Angst vor den Konsequenzen, wenn ich nichts kann.

Ist es nicht wahnsinnig anstrengend, so ein intensives Leben zu leben, wie Sie es tun?

So intensiv ist es gar nicht. Die Leute, die mich kennen, wissen, wie viel ich zu Hause bin. Ich gehe oft laufen, meditiere täglich. Aber wenn ich draußen etwas mache, auf die Bühne gehe, bin ich voll im Hier und Jetzt. Dann bin ich hoch konzentriert und kann meine Energien gut kanalisieren. Mein eigentlicher Antrieb ist die Deadline. Aber nicht die von einem Projekt, sondern die des Lebens. Ich habe einen Sinn für die Endlichkeit. Deshalb umarme ich die Menschen auch gerne bei Verabschiedungen, weil ich nicht weiß, ob ich sie je wiedersehe.

Ihre Berichte im Buch, etwa die vom Stottern und dem Lehrer, der Ihnen geholfen hat, haben immer eine positive Komponente. Sind Sie ein unverbesserlicher Optimist?

(Lacht). Im Nachhinein gesehen steckt wirklich in allem etwas Positives. Ich war aber auch lange Zeit nicht so gut drauf, etwa in der Phase, in der ich ins Burn-out geschlittert bin. Ich habe aber erkannt, dass ich Verantwortung habe und selbst entscheide, mit welcher Brille ich die Welt sehe.

Sie meinen, man steuert sein Glück selbst?

In gewissem Maße schon. Es gibt so viele Menschen, die in ihrem Job unglücklich sind. Die gehen täglich in ihr Bürogebäude und sind eigentlich schon tot. Weil das Leben nicht auf dich wartet. Das Leben ist keine Generalprobe und wir haben nicht ewig Zeit.

Die Gründung von whatchado war wohl einer der einschneidendsten Punkte in Ihrer Karriere. Was hat dieses Unternehmen aus Ihnen gemacht?

Es hat mich mit meinen größten Ängsten konfrontiert. Ich musste Verantwortung für andere Menschen übernehmen, mich mit dem Scheitern auseinandersetzen, habe Konflikte mit Freunden austragen müssen. Und ich musste sehen, dass ich nicht immer der Beste und der Richtige für eine Tätigkeit bin. Als Gründer kommst du schnell an deinen Grenzen.

whatchado gibt es seit 2012. Wo steht das Unternehmen heute?

Ich würde sagen: wir sind junge Erwachsene, die schon sehr viel durchlebt haben.

Was haben Sie mit der ersten verdienten Million gemacht?

Wir haben früher immer gedacht, die erste Umsatz-Million verändert alles. Die Arbeit, die aber dahintersteckt, steht in keiner Relation zu dem, was du dann hast. Wir haben das Geld in whatchado reinvestiert. Jubin (Mitgründer, Anm.) und ich verdienen heute immer noch nicht großartig viel.

Sie sind oft in Schulen und sprechen mit Jugendlichen: Haben die überhaupt noch Träume?

Ja, klar. Sie haben alle Träume. Aber sie hören immer wieder, dass dies und das nicht geht. Ich sehe, dass die Jugendlichen oft das Gefühl haben, sie sind nicht gut genug. Ganz viele machen sich Gedanken um unseren Planten, um die Tiere, um die Umwelt, suchen Lösungen. Die Visionen werden ihnen von den Erwachsenen kaputt gemacht.

Was ist Ihr Traum?

Ich bin bei whatchado nicht mehr operativ tätig. Meine Mission ist es, Menschen zu zeigen, was in ihnen steckt. Ich wollte immer der größte Lehrer der Welt sein. Indem ich den Menschen einen Spiegel vorhalte, sie unterstütze und begleite bei der Frage, wer sie sind. Das ist übrigens interessant: Wenn ich die Leute das frage, lesen sie mir immer ihre Visitenkarte vor. Aber das ist mir nicht genug. Ich will wissen, wer hinter der Karte steckt.

Über das Leben von Ali Mahlodji, Flüchtling, Schulabbrecher und whatchado-Gründer

Ali, angekommen

Verlag Ali Mahlodji… Foto: /Verlag Ali Mahlodji war zwei Jahre alt, als seine Eltern mit ihm aus Teheran flüchteten. Die erste Zeit verbrachte die Familie im Flüchtlingsheim Traiskirchen.  Ali Mahlodji, Jahrgang 1981, war kein guter Schüler, wurde als Ausländer abgestempelt, stotterte und verließ noch vor der Matura die Schule. Trotzdem fand er seinen Weg und gründete 2012 die Karriere-Plattform whatchado (heute 50 Mitarbeiter). Er ist immer noch Geschäftsführer,  aber nicht mehr operativ tätig;  Mahlodji coacht Führungskräfte zum Thema Achtsamkeit, hält Vorträge auf Bühnen und in Schulen – immer mit dem Ziel, die Menschen auf ihren richtigen Weg zu bringen. Sein neues Buch erschien gestern:  „Und was machst du so?“ Econ Verlag, 18,5 Euro.

(kurier) Erstellt am
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