Wirtschaft | Karriere
08.07.2017

"Akademikern geht es besser"

Die Arbeitslosigkeit geht zurück, jene unter Akademiker steigt. Ist selbst ein Uni-Abschluss kein Job-Garant mehr? Der WIFO-Chef und ehemalige WU-Rektor Christoph Badelt über Ausbildungen, die die Welt noch braucht.

KURIER: Ein Uni-Abschluss galt seit jeher als Garant dafür, einen Job zu finden. Ist das vorbei?

Christoph Badelt: Job-Garanten per se gibt’s in einem Wirtschaftsleben keine. Es besteht für mich aber kein Zweifel, dass man mit einem Studium viel bessere Chancen am Arbeitsmarkt hat. Vor allem langfristig: Ein Studium befähigt zu Dingen, die ein Leben lang bleiben, zu Schlüsselfähigkeiten, die man auch dann brauchen kann, wenn man nach ein paar Jahren merkt, dass die eigene Qualifikation ein Stück weit abgesunken ist. Im Zweifel ist irgendein Studium besser als gar keines.

Im Juni ist die Arbeitslosigkeit um 3,1 Prozent zurückgegangen, jene unter den Akademikern aber um 0,9 Prozent gestiegen. Was sind die Gründe?

Ich glaube, man muss die Kirche im Dorf lassen. Die Akademiker-Arbeitslosigkeit ist immer noch sehr niedrig (Anm. aktuell 3,4 Prozent). Wir sehen aus unseren Statistiken ein Plus von 215 arbeitslosen Akademikern, wobei dieser Anstieg ausschließlich auf ausländische Akademiker zurückzuführen ist. Bei diesen gab es ein Plus von 506 Personen, die Zahl der arbeitslosen inländischen Akademiker ist um 291 gesunken. Natürlich ist ein Anstieg nie erfreulich. Aber ich sehe es nicht als dramatisch an.

Der Anteil der Bachelor-Absolventen unter den arbeitslosen Akademikern macht circa 15 Prozent aus. Ist er doch nicht der Liebling der Wirtschaft?

Hier gibt es in Österreich eine gewisse Schizophrenie. Das Bologna System ist von der Wirtschaft gewünscht worden, man wollte die Leute durch den Bachelor früher am Arbeitsmarkt haben. Als er da war, haben aber immer mehr Unternehmen gesagt: Drei Jahre Uni sind doch zu kurz. Aus WU-Sicht kann ich sagen: Das gilt für die Wirtschaftswissenschaften nicht. Natürlich haben die Unternehmen auch gerne Master-Absolventen, sie haben aber auch schon immer gerne Bachelor genommen.

Aktuell studieren mehr als 288.000 Menschen an Hochschulen. Kritiker sagen, es gäbe eine Bildungshysterie, man produziere zu viele Akademiker, die später in prekäre Beschäftigungsverhältnisse schlittern würden.

Man muss hier zwischen der Zahl der Studierenden und der Zahl der Absolventen unterscheiden. Die Studierendenzahl ist bei uns in gewisser Weise inflationiert, es gibt sehr viele, die nicht ernsthaft und zu langsam studieren, prüfungsinaktiv sind. Ich bin aber der Meinung, dass wir nie die Gefahr haben werden, zu viele Akademiker zu produzieren.

Welche Ausbildung ist für die Zukunft die richtige?

Ich würde jedem Menschen raten, das zu studieren, wofür er oder sie glaubt, geschaffen zu sein.

Die meisten arbeitslosen Akademiker kommen aktuell aus den Bereichen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.

Ich würde sehr davor warnen, ein Studium nur deshalb zu wählen, weil jemand sagt, damit hätte man ausgezeichnete Chancen. Als junger Mensch würde ich nicht etwas studieren, zu dem ich mich nicht berufen fühle. Mangelsituationen, wie wir sie jetzt bei den Informatikern haben, können sich innerhalb kurzer Zeit auftun. Ich glaube nicht an eine Planbarkeit der Arbeitsmarktrelevanz von Studien.

Aber man kann sagen: Mit MINT liegt man für die Zukunft nicht falsch?

Man liegt nicht falsch – aber es war auch schon mal anders.

Laut WKO fehlen aktuell 2500 bis 3000 IT-Arbeitskräfte, dennoch wird hier der Uni-Zugang beschränkt. Ein Fehler?

Dieser Widerspruch entsteht nicht deshalb, weil man an den Unis sagt, wir brauchen keine Informatiker, sondern weil man einfach keine Kapazitäten hat. Es wäre also sinnvoll, Studien, von denen man weiß, es gibt einen großen Bedarf, stärker auszubauen. In der Hochschulpolitik muss man sich trauen zu sagen, in welche Studiengänge man mehr oder weniger investieren will. Denn: Wenn ich sage, dass ich jedem empfehle, sein Wunschstudium anzustreben, heißt das noch nicht lange nicht, dass die Hochschulpolitik nach dem Motto "Money follows Students" agieren soll.

Wird der Techniker-Mangel in den nächsten Jahren ein Problem? Eines, das die Wirtschaft bremst?

Wenn wir in Österreich wirklich etwas tun wollen, um die Technologie stärker voranzutreiben, werden wir von den rein österreichischen Absolventen möglicherweise zu wenig haben. Das ist ein Problem. Wir wissen aus unseren eigenen Untersuchungen, dass die Verfügbarkeit von hoch qualifiziertem Personal, sowohl auf der Ebene der Akademiker als auch auf der Ebene der Facharbeiter, ein Engpass-Faktor werden kann. Und wenn die österreichische Wirtschaft künftig keine österreichischen Spezialisten kriegt, wird sie eben welche aus dem Ausland holen – was natürlich mühsamer ist. Selbst, wenn diese Akademiker dann Menschen sind, die in 20 Jahren schon wieder ganz neue Qualifizierungen brauchen: Wenn sie ein akademischen Bildungsniveau haben, wird es ihnen immer besser gehen, als jenen, die dieses Niveau nicht haben.