Wirtschaft | Karriere
18.05.2018

Abschiedsmonat: Alles neu macht der Mai

In kaum einem Monat gibt es so viele Führungswechsel und Rücktritte. Keine einfache Phase für betroffene Parteien und Unternehmen.

Es war schon wieder nicht gut gelaufen, der Bankchef wusste das. „Wir haben unterm Strich einen Verlust zu vers-, äh, ver-, verzeichnen“, stotterte er ins Mikrofon. 735 Millionen Euro sind eine Menge Geld. Bis 2020 sollte John Cryans Vertrag eigentlich laufen. Doch mit jedem Verlust wurde die Stimmung der Aktionäre schlechter, die Schlinge des Aufsichtsrats um den Hals des Vorstandsvorsitzenden enger. Und so waren Aktionäre und Journalisten wenig überrascht, als der Aufsichtsrat der Deutschen Bank sich nur wenige Wochen nach dessen stotternden Auftritt von ihrem Vorstandschef trennte. Per Anfang Mai übernimmt der Vize, wurde verkündet.

Alles neu macht der Mai. Nicht nur an der Deutschen Börse. Im Fußball verlässt Tormann-Legende Gianluigi Buffon dieser Tage nach 17 Jahren Juventus Turin. Arsène Wenger coachte am 13. Mai nach 22 Jahren die Spieler von Arsenal London zum letzten Mal. Wenige Wochen vorher verabschiedete sich der ÖSV von Skisprung-Nationaltrainer Heinz Kuttner.

Und dann ist da noch die Politik. Zu Monatsbeginn verkündete Neos-Chef Matthias Strolz unter Tränen seinen Rücktritt. Eine Nachfolgerin steht schon in den Startlöchern. Anders bei der Liste Pilz, die Peter Kolbas Nachfolge bis Monatsende lösen muss. Geordneter laufen da die Führungswechsel im Wiener Rathaus und in der Wirtschaftskammer ab.

Der Mai als Abschiedsmonat ist mitnichten ein neues Phänomen. Die Rücktritte von ÖVP-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und Grünenchefin Eva Glawischnig waren das Topthema im Mai 2017. Für reichlich Schlagzeilen im Mai 2016 hatte SPÖ-Kanzler Werner Faymann mit seinem Abgang gesorgt.

Druck der Öffentlichkeit

Medial wird ein spontaner Rücktritt gerne zur Krise erklärt. Das ist unangenehm, bietet aber auch Chancen. „Nützen Sie das Rampenlicht um Ihre eigene Botschaft zu verbreiten“, rät Oliver Faber, Organisationstheoretiker an der Uni Wien.

Was das mit dem Mai zu tun hat? „Im Frühling, wenn die Vorjahreszahlen veröffentlicht sind, findet an der Börse das große Grillen der Analysten statt“, erklärt Faber das Köpferollen bei Deutsche Bank und in anderen Vorständen. Das neue Jahr sei jung, der öffentliche Druck auf die Unternehmer groß.

Einem Rhythmus folgten die Rücktritte im Sport. „Sportler und Trainer beenden die Karriere entweder zum Ende einer Saison oder vor Beginn der Nächsten“, beobachtet Faber. Und Politikchefs suchten sich für den Rückzug bevorzugt einen Zeitpunkt nach geschlagenen Wahlen aus, um ihrer Partei für die unruhige Zeit des Wechsels Schonfrist einzuräumen.

Motive und persönliche Lehren der Rücktreter sind eine Sache. Aber was bedeutet ein spontaner, ungeplanter Rücktritt wie der von Strolz oder Glawischnig für die Organisation, die sie verlassen?

„Disruptive Wechsel an der Führungsspitze schaden laut Forschung kurz- bis mittelfristig mehr als sie nützen“, sagt Organisationsexperte Faber. Das Schicksal der Grünen nach Glawischnigs Abgang gibt dem recht. Im Sport ist es nicht anders. Studien haben ergeben, dass Fußballmannschaften, die nach Niederlagen mit neuen Trainern besetzt werden, nach dem Wechsel im Schnitt nicht besser performten.

Wirtschaft und Politik: Das sind die Mai-Rücktreter

1/8

Au revoir: Airfrance-KLM-Chef Jean-Marc Janaillac fehlte intern der Rückhalt

Wenn Bayer fusioniert, geht Monsanto-Chef Hugh Grant lieber freiwillig

Deutsche Bank-Chef John Cryan wäre gerne noch bis 2020 geblieben

Bürgermeister Michael Häupls Nachfolge ist seit Jänner geklärt

WKO-Chef Christoph Leitl (re.) hat heute geordnet an Harald Mahrer übergeben

Den Neos geht es gut, doch Chef Matthias Strolz wollte nicht mehr

Im Mai 2017 verließ Grünenchefin Eva Glawischnig die Politik

Kurz vor Glawischnig hatte ÖVP-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner für Sebastian Kurz das Feld geräumt

Kampf um die Spitze

Kleine Organisationen, wie die Neos, sind mitunter stark auf den charismatischen Chef fixiert. Fällt der weg, bleibt eine Lücke. Zwar berge ein Führungswechsel die Chance auf den Wettbewerbsvorteil Innovation, die Umsetzung brauche allerdings Zeit. „Nicht nur progressive Ideen müssen sich intern erst durchsetzen, auch die Person selbst.“ Nicht selten suchen Kollegen, die den Chefsessel gerne selbst übernommen hätten, den internen Machtkampf. Speziell für extern nachbesetzte Chefs sei das oft ein Kraftakt, so der stellvertretende Vorstand des Instituts für BWL.

Mit Mitarbeitern, die mit scheinbar willkürlicher Ablehnung auf neue Ideen reagieren, rät der Betriebswirt das Gespräch zu suchen: „Finden Sie heraus, was die Person bewegt und versuchen Sie gemeinsam Ihre Ziele zu harmonisieren.“

Neue Ideen lassen sich in Start-ups leichter umsetzen als in etablierten Unternehmen. In hierarchischen Familienbetrieben seien Change-Prozesse besonders langwierig. Auch der Grad der Zentralisierung macht einen Unterschied. So könnten dezentral organisierte Teams schneller reagieren, andererseits böten zwischengeschaltete Führungsebenen Sprengstoff für die bereits erwähnten internen Machtkämpfe. Kein Wunder also, dass Sebastian Kurz nach der Übernahme der ÖVP auf straffe Zentralisierung setzte.

Stillgestanden

„Im Vergleich zu Parteien, denen nach einem Wechsel hundert Tage Schonfrist eingeräumt werden, haben es Aktiengesellschaften schwerer“, meint Faber. Wie im Fußball müssen neue Vorgesetzte hier unter dem wachsamen Auge von Analysten von Tag eins an Erfolge liefern.

Zwei Chefsparallel, etwa bei Generationenwechsel in Familienunternehmen, stellen Firmen vor große Herausforderungen. Machtvakuum kann zu Verunsicherung führen. Oft herrscht Stillstand. Auch sei der Auftritt nach außen heikel. Faber: „Sich keinesfalls widersprechen, jede Entscheidung mit dem Gegenüber abklären, das ist die goldene Regel.“

Wie sich WKO-Chef Mahrer, der neue Wien-Bürgermeister Michael Ludwig und die anderen Nachfolgen schlagen werden? Der Juni wird es zeigen.

 

Chronologie der Maiabschiede

9. Mai 2016:  Bundeskanzler Werner Faymann legt  nach anhaltenden SPÖ-Schlappen  mangels Rückhalt in der Partei alle Ämter zurück.

10. Mai 2017:   Mit einem „Es ist genug!“ verabschiedet sich ÖVP-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner aus seiner Partei und der Politik.

18. Mai 2017: Eva Glawischnig hört als Bundesparteisprecherin und Klubobfrau der Grünen auf.

1. Mai 2018: Nach drei Jahren Verlust löst Christian Sewing John Cryan als Deutsche Bank-Chef ab.

4. Mai 2018:  Airfrance-KLM-Konzernchef Jean-Marc Janaillac wirft im Tarifstreit das Handtuch.

7. Mai 2018: Neos-Chef und PR-Genie Matthias Strolz legt völlig überraschend einen emotionalen Abgang als Parteichef hin.

7. Mai 2018: Wenn Bayer Monsanto übernimmt, will CEO Hugh Grant nicht in zweiter Reihe stehen.

8. Mai 2018: Michael Aschaber, Chef des oberösterreichischen Zulieferers Steyr Motors, muss gehen.

14. Mai 2018: Airbus trennt sich von Finanzchef Harald Wilhelm, auch  CEO Tom Enders ist gegangen.

15. Mai 2018: Nach zehn Jahren im Konzern gibt Vodafon-Chef Vittorio Colao den Rücktritt bekannt.

16. Mai 2018: Ein Skandal hatte der australischen Top-Managerin Catherine Brenner den Chefsessel beim Vermögensberater AMP gekostet. Nun verlässt sie auch den Vorstand von Coca-Cola Amatil.

18. Mai 2018: Christoph Leitl tritt als  WKO-Präsident ab, Harald Mahrer übernimmt.

24. Mai 2018: Nach 24 Jahren als Bürgermeister von Wien geht Michael Häupl in Pension.

31. Mai 2018: Die Liste Pilz verliert Peter Kolba als (interimistischen) Parteichef. Dem Nationalrat will der EX-VKI-Chefjurist aber treu bleiben.