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Wirtschaft Karriere
01/23/2019

50.000 neue Jobs: Die Berufe mit Zukunft

Um 50.000 Stellen wird der Arbeitsmarkt heuer anwachsen, sagen Ökonomen. Doch wer bekommt sie?

von Andrea Vyslozil

Wer sich zum Jahreswechsel vorgenommen hat, einen neuen Job zu finden, hat gute Chancen, im neuen Jahr fündig zu werden. Das Angebot an potenziellen Arbeitsplätzen jedenfalls wächst: Rund 50.000 Stellen werden in Österreich 2019 neu entstehen, wie Analysten des Beratungsunternehmens Ernst & Young (EY) kürzlich errechnet haben.

Eine fast zeitgleich erschienene Studie der Forschungsgesellschaft Synthesis im Auftrag des AMS kommt auf 53.200 zusätzliche unselbstständig Beschäftigte. Ökonomen des WIFO prognostizieren gar 55.000 neue Jobs. Wo aber entstehen die neuen Stellen? „Den größten Anstieg an Beschäftigten erwarten wir mit einem Plus von 12.400 in der Sachgütererzeugung, gefolgt vom Bauwesen mit plus 9800 Beschäftigten.

Industrie stockt auf

Insbesondere im Bereich des Fahrzeug- und Maschinenbaus und in der Metall- und Elektroindustrie tätige Betriebe werden ihre Belegschaft spürbar ausweiten“, erklärt Synthesis-Studienautor Wolfgang Alteneder. Handel, Tourismus sowie Gesundheits- und Sozialwesen komplettierten demnach die Top-5 der Branchen mit dem höchsten Beschäftigungszuwachs.

EY-Managing Partner Gunther Reimoser geht auf Nachfrage ebenfalls davon aus, dass „etwa ein Drittel der neuen Jobs in der produzierenden Industrie entstehen werden“. Dank stabiler Konjunktur würden diese Unternehmen derzeit massiv in die Digitalisierung ihrer Produktion investieren. Diese Stellen zu besetzen sei aber gar nicht so einfach: „Der Fachkräftemangel in Österreich wird sich weiter verschärfen.“

Weiter in die Zukunft blickt das WIFO – mit abweichenden Ergebnissen: Die fünf bis 2023 am dynamischsten wachsenden Berufsgruppen sind demnach akademische IT-Berufe, IT-Fachkräfte, diplomierte Pfleger, akademische Wirtschaftsberufe und Ingenieure. „Mittelfristig betrachtet wird in Österreich der Dienstleistungsbereich überproportional zum Beschäftigungswachstum beitragen“, fasst Studienautor und WIFO-Experte Thomas Horvath zusammen.

Gesundheitsberufe im Aufwind

Von plus 325.300 unselbstständig Beschäftigten, um die der heimische Arbeitsmarkt zwischen 2016 und 2023 demnach wachsen soll, entfällt mehr als ein Viertel auf öffentlichkeitsnahe Dienstleistungen: Alleine 71.800 neue Jobs kommen in den Bereich Gesundheits- und Sozialwesen dazu.

„In Wahrheit dürfte die Zahl der Pflegejobs sogar noch weiter wachsen, da wir in der Studie nur die unselbstständigen Erwerbstätigen betrachten. Gerade im Bereich der Pflegedienste arbeiten jedoch viele selbstständig“, gibt Thomas Horvath zu bedenken.

Weit weniger dynamisch schätzen die WIFO-Ökonomen unterdessen den Zuwachs an Arbeitsplätzen in Produktion und Baubranche ein. Ein Widerspruch zu den Ergebnissen von Synthesis und EY? Nein: „Speziell die Baubranche unterliegt saisonalen Zyklen“, stellt Reimoser von EY klar.

„In der kurzfristigen Prognose stehen die konjunkturvolatilen Branchen wie der Bausektor und die Industrie besser da, als in der mittelfristigen Betrachtung, da wir bis 2023 von einem abgedämpften Wirtschaftswachstum ausgehen“, bestätigt Horvath.

Arbeitskräfte aus dem Osten

Spannend: Lediglich 34,6 Prozent der Stellen, die heuer laut Synthesis-Prognose neu entstehen sollen, werden mit Österreichern besetzt. „Insbesondere der Zustrom an Arbeitskräften aus den mittel- und osteuropäischen Ländern hat zuletzt zugenommen“, erläutert Wolfgang Alteneder.

Die Synthesis-Studie differenziert allerdings nicht im Detail nach Ländern, sondern unterscheidet lediglich Ländergruppen nach Beitrittszeitpunkt zur EU. „Sie können davon ausgehen, dass von jenen 10.300 neu hinzukommenden Arbeitnehmern aus den 2004 beigetretenen Ländern mehrheitlich Ungarn sind. Aus den 2007 beigetretenen Ländern kommen deutlich mehr Rumänen als Bulgaren.“

Konstant hoch werde unterdessen die Zahl der Deutschen in den neuen Jobs sein. „Sie sind und bleiben Spitzenreiter unter den ausländischen Arbeitskräften“, ergänzt Reimoser.

Studieren lohnt sich

In der Pflege und in der Bauwirtschaft sind viele Arbeitnehmer aus osteuropäischen Nachbarländern tätig, spezifiziert Personalberater Alexander Granat (siehe Interview unten). Höherqualifizierte Industriefachkräfte blieben aufgrund steigender Lohnniveaus bei geringerer Arbeitnehmerabgaben zunehmend im Herkunftsland.

„Bis 2023 wird die Nachfrage nach Dienstleistungsberufen, technischen und nicht-akademischen Fachkräften überdurchschnittlich stark steigen. Den voraussichtlich stärksten Zuwachs wird allerdings die Gruppe der akademischen Berufe verzeichnen“, stellt Horvath klar.

Ob 2019 oder erst 2023: Wer einen der neu entstehenden Jobs ergattern will, liegt mit einer guten Weiterbildung also auf jeden Fall richtig.

Zuwanderer am Arbeitsmarkt: Wer kommt?

Internationale Unternehmen orientieren sich bei ihrer Suche nach Fach- und Führungskräften zunehmend Richtung Osten. Der Headhunter Alexander Granat hat sich auf Zentral- und Osteuropa spezialisiert. Er kennt den Markt.

KURIER: Eine Studie im Auftrag des AMS hat ergeben, dass 65 Prozent der neuen Stellen von Ausländern besetzt werden. Wer kommt zu uns?

Alexander Granat: Aus Osteuropa kommen einerseits mittel- bis niedrigqualifizierten Arbeitskräfte nach Österreich, etwa für Pflege- und Baubranche. Gleichzeitig brauchen wir hoch qualifizierte Fachkräfte, speziell im Bereich der Digitalisierung – etwa SPS-Spezialisten für die Industrie. In Österreich herrscht ein arroganter Irrglaube, dass osteuropäische Fachkräfte nur davon träumen, hier zu arbeiten. Doch in vielen der Herkunftsländer sind sie heute genauso gefragt und umworben.

Was könnten wir Österreicher besser machen?

Ausländische Arbeitskräfte anzuwerben, wenn es einen Mangel an Fachkräften oder Pflegepersonal gibt, greift zu kurz. Damit werden nur Schmerzen behandelt, nicht die Ursachen des Problems. Besser wäre, verstärkt in Aus- und Weiterbildung zu investieren und entsprechende Ausbildungszweige attraktiv zu machen. Etwa, indem man angehende IT-Fachkräfte mit Stipendien unterstützt.

Wer beauftragt Sie?

Meine Kunden kommen aus verschiedensten Branchen: Vom Maschinen- und Anlagenbau über die Pharmaindustrie bis hin zum Kulturbereich. Genauso vielfältig sind auch die gesuchten Positionen. Stark nachgefragt sind aktuell leitende Vertriebspositionen. Auch Stabstellen wie Leitung Finanz oder Controlling werden gesucht. Gerade in einer osteuropäischen Niederlassung ist das eine Schlüsselfunktion, für den sie jemanden absolut vertrauenswürdigen brauchen.

In welchen Ländern suchen Ihre Auftraggeber?

Zuletzt habe ich für westeuropäische Firmen Führungsjobs für Zweigstellen in Ungarn, Tschechien, Slowakei, Russland und Ukraine besetzt.