Ökonom Gottfried Haber

© ©helgebauer/helge bauer

Interview
12/22/2015

400 Euro auf dem Pensionskonto? Was tun, Herr Haber?

Der Pensionskonto-Auszug schaut nicht gut aus. Der Ökonom Gottfried Haber sagt, wie er es machen würde.

von Sandra Baierl

KURIER: Der Pensionskonto-Bescheid liegt auf dem Tisch. Da steht bei vielen Menschen wenig drauf. Wird’s bei wenig bleiben?

Gottfried Haber: Umso jünger man ist, desto weniger steht auf dem Pensionskonto drauf. Aber da ist ja noch etwas zu erwarten. Auf der anderen Seite ist die Ernüchterung gerechtfertigt. In der Pension wird eine Lücke klaffen. Will man den Lebensstandard einmal halten, sind Eigenbeiträge erforderlich.

Wird die Lücke größer?

Ja, ganz klar. Vor Jahrzehnten konnte man noch mit 80 Prozent des Letztbezugs in Pension gehen. Jetzt werden nach und nach Einzahlung und Auszahlung verknüpft, das gesamte Erwerbsleben wird zur Berechnung der Pensionshöhe herangezogen. Die Nettoersatzrate liegt für die jetzt junge Generation bei erwarteten 50 Prozent.

80 Prozent des Letztbezugs sind traumhaft – wie ging sich das je aus?

Man hat den Pensionisten früher einen großen Teil des Kuchens gegeben. Das Wirtschaftswachstum war hoch, da ist sich das ausgegangen. In Summe ist dieses Konzept einem Pyramidenspiel aber nicht unähnlich: Man schiebt die Last auf die nächste Generation. Das klappt nur, solange es ein hohes Wirtschaftswachstum gibt.

Müssen sich die Jungen Sorgen um ihre Zukunft machen?

Das ist das Problem in der Pensionsdebatte: Es gibt nur Schwarz und Weiß, "Katastrophe" und "alles ist sicher". Irgendeine Pension wird sich sicher ausgehen, aber die Lücke wird größer, wenn wir nicht gegensteuern.

Gibt es einen Jahrgang, ab dem es mit der Pension eng wird?

Das kann man seriös nicht sagen. Es kommt auf die politischen Maßnahmen an, auf den Lebensstil des einzelnen, auf Eigenmittel, ob jemand in einer Partnerschaft lebt, etc.

Es gibt derzeit keine erfreulichen ökonomischen Daten – ist die beste Zeit dieses Landes vorbei?

Wir haben in der Wirtschaftskrise gesehen, dass das sprunghafte Wachstum zu Blasenbildung führt und wieder korrigiert wird. Im Gegensatz zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird das Wachstum in den nächsten Jahren ein moderates sein, bei einem oder zwei Prozent. Diese Raten sind global so. Dass wir aber an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, das müssen wir uns anschauen.

Kein Aufschwung in Sicht.

Die meisten Prognosen sehen 2016 durchaus positiver als 2015. Das Mehr an Aufschwung heißt dann aber 1,2 bis 1,7 Prozent – weit entfernt von dem, was wir in den 80ern und 90ern gesehen haben (damals: 2 bis 3 Prozent, Anm.). Das Wachstum ist bei den Pensionen der Faktor, der das Pyramidenspiel ausgleicht. Das ändert aber nichts daran, dass es ein konzeptionelles Problem gibt. Das System müsste nachhaltig sein, indem es sich selbst stabilisiert. Diese Mechanismen sind aber nicht ausreichend ausgeprägt.

Worauf können sich die Jungen überhaupt noch verlassen? Die Unsicherheit der jungen Generation ist verständlich. Im Sinne eines Vertrauensschutzes ist eine Vision nötig. Man muss frühzeitig Modelle entwickeln und sie mit Augenmaß umsetzen, damit alle Sicherheit haben.

Welche Sicherheit?

Wenn es um Pensionen geht, hat der Staat eine wesentliche Rolle. Die Grundabsicherung ist eine Aufgabe der Risikogemeinschaft Gesellschaft und damit des Staates. Es geht jetzt aber nicht darum, erworbene Rechte zu kürzen. Sondern um die Erkenntnis, es wird mehr ausgezahlt, als man eingezahlt hat. Das muss verstanden werden.Wie sieht der Generationenvertrag heute aus?

Unser Problem ist, dass wir nicht über das Generationenproblem diskutieren. Vor 40 Jahren haben die Menschen 45 Jahre gearbeitet und waren acht Jahre in Pension. Heute finanziert man mit 38 Erwerbsjahren 43 Jahre ohne Erwerb – davon 22 Pensionsjahre. Das zeigt das Problem. Es ist also nicht nur ein Thema der Alten. Wir Jungen haben immer weniger Arbeitszeit. Wir reden gern über die hohe Wochenarbeitszeit, in Wirklichkeit verkürzen wir aber ständig die Lebensarbeitszeit.

Müsste man das gesamte Pensionssystem neu denken?

Man muss die Zusammenhänge diskutieren. Beim Pensionssystem gibt es drei Parameter: Die Dauer des Erwerbslebens, die Höhe der Beiträge, die Höhe der Auszahlung. Eine Gesellschaft kann sich zwei Parameter aussuchen, das ergibt dann automatisch den dritten. Andere Länder lösen das Problem unterschiedlich: die Dänen passen laufend das Pensionantrittsalter an, die Schweden drehen an der Auszahlungsschraube. Wir diskutieren aber immer nur über das Antrittsalter. Wären Sie heute 18 Jahre alt: Wie würden Sie vorsorgen?

Ich würde darauf setzen, dass es eine kleine staatliche Pension geben wird. Ich würde auf betriebliche und private Pensionsvorsorge setzen. Und ich würde versuchen, ein Vermögen aufzubauen und Eigentum zu erwerben.

Welches Wirtschaftsdetail macht Ihnen derzeit die größten Sorgen?

Kurzfristig: Die Arbeitslosigkeit und die Konjunktur. Langfristig: Die Frage der Wettbewerbsposition, weil wir hier stark verlieren.

Geboren 1972 in Wien, Studium der Volks- und Betriebswirtschaft an der WU Wien, Promotion zum Doktor summa cum laude. Seit 2012 Professor an der Donau-Universität Krems. Langjährige Vortrags- und Beratungstätigkeiten, Berater am Ludwig Boltzmann Institut. Seit 2013 Mitglied des Generalrates der OeNB und Vizepräsident des Fiskalrates. Seine Schwerpunkte: Wirtschafts-, Budget- und Finanzpolitik und Management im Gesundheitswesen. Es wurde gemunkelt, dass Haber im Gespräch für den Finanzminister-Posten war – dazu sagt er nichts, er gibt lieber Experteninterviews als freier Universitätsprofessor.

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